09.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

Need for Meat


"Die Entscheidungen, die du im Leben triffst, bestimmen, was für ein Mensch du bist." Dieser Satz ist eine der wenigen substantiellen Erkenntnisse in Marijn Franks filmischer Selbstbespiegelung. Darin gibt die niederländische Filmemacherin vor, ihren Fleischkonsum zu hinterfragen. Tatsächlich konstruiert sie eine scheinheilige Apologie für rücksichtslosen Massenkonsum und feiert psychische Abstumpfung.

Der Titel steht programmatisch für die Herangehensweise der Regisseurin an ihre Thematik. "Need for Meat" (OT.: Vleesverlangen) behandelt Fleisch nicht als Überflussware, sondern Grundbedürfnis. Fleischverzehr steht in der assoziativen Bildwahl auf einer Stufe mit Sex: ein Urverlangen, das naturgegeben, unwiderstehlich und überlebensnotwendig sei. Die Mutter einer interviewten Vegetarierin, von der das obige Zitat stammt, prophezeite ihr dementsprechend: "Da endest du bald mausetot." Da die Dame nach über 30 Jahren ohne Fleisch wohlauf vor der Kamera sitzt, war das wohl vorschnell gedacht. Die gesundheitlichen (WHO stuft Fleischprodukte als genauso schädlich wie Zigaretten ein), ökologischen (die Fleischindustrie ist der größte globale Klimakiller) und weltwirtschaftlichen Auswirkungen des exzessiven Fleischkonsums der westlichen Welt blendet der Film komplett aus. "Drei von vier Leuten wollen nicht wirklich wissen, wo ihr Fleisch herkommt", sagt ein Sprecher der Fleischindustrie im Interview. Die meisten dürften die Videos über Wiesenhof & Co. allerdings kennen und wissen, dass Fleisch, wie es Frank ausdrückt "nicht am Baum wächst". Daraus entsteht das moralische Dilemma, das die Prämisse des Films ist.

Sogar der Industrievertreter widerspricht der unilateralen Haltung der Protagonistin, die findet, die Menschen hätten echtes Interesse an der Herkunft ihres Fleisches: vor allem solle es billig sein und viel. Auch Frank kauft oft und gerne Burger, Billigfleisch und sogar Tatar in der Raststätte, wie sie berichtet. Ohne dass es ihr selbst bewusst scheint, ist ihr Verhalten exemplarisch für die Diskrepanz zwischen ethischem Selbstbild und realem Verhalten. Ihre kleine Tochter Sally will, das sagt Sally selbst, kein Fleisch essen und Mama soll auch nicht. Aber Mama ist ein "Heavy User". So nennt die Industrie Konsumenten, die ihre Produkte täglich oder öfter verzehren. Als Frank das hört, ist sie entsetzt: nicht etwa über ihren exorbitanten Verbrauch, sondern über dessen Auswertung. Aber eine Scheibe Wurst auf dem Brot oder Hühnchen im Salat zähle doch nicht, oder? Man kann sich selbst betrügen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Dort ist Frank angelangt, nun muss sie handeln. Ihr Verhalten ändern? Nö, einen Weg finden so weiterzumachen wie bisher, ohne sich mies zu fühlen. Der Weg führt zu Bio-Schlachter René Plas, der ihr sein Handwerk zeigt. Frank schaut zu, wie eine zappelnde und muhende Kuh an einem Eisenhaken hochgezogen und entbeint wird. "Die spürt nichts!", versichert Plas und Frank darf auch mal das Messer anlegen.

Später speist sie mit einem Chefkoch, der fragt, warum sie diesen Genuss denn "entbehren" wolle. Frank fällt kein Grund ein. Kurze Zeit später tötet sie ihr erstes Rind. Die Berufsschlachter spenden Beifall. Frank erklärt, sie habe nun zur richtigen Verhaltensweise gefunden und serviert Sally das erste Fleischbällchen: "Ist lecker, nicht?"  

Lida Bach / Wertung:  0 von 5 Punkten 
 

 

 
Filmdaten 
 
Need for Meat (Vleesverlangen) 
 
Niederlande 2015
Regie: Marijn Frank;
Drehbuch: Suzanne Raes; Produzentin: Carolijn Borgdorff; Kamera: Adri Schrover; Musik: Alex Simu; Schnitt: Riekje Ziengs;

Länge: 74 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<09.04.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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