11.09.2013
Mattes Porträt eines Sehnsüchtigen

Naked Opera


Naked Opera Angela Christlieb widmet sich in ihrer Dokumentation "Naked Opera" dem Luxemburger Marc Rollinger. Rollinger ist mehr oder weniger Privatier, ein Bonvivant ausgestattet mit einer Menge Geld, das er ostentativ ausgibt, ohne dabei bisweilen nicht doch entsetzlich klein- wie spießbürgerlich zu wirken. Seine eine Leidenschaft ist die Mozart-Oper Don Giovanni, und er versucht sämtliche aktuelle Inszenierungen innerhalb Europas zu besuchen, was ihn nach Wien, Venedig und Berlin führt. Seine andere Leidenschaft sind junge Männer, Escorts, die er sich frivol und ungeniert in Nobelhotels kommen lässt; offenbar nicht ausschließlich für das eine, sondern auch um – als überzeugter Solitär – dann doch, wenn auch erkauft, Gesellschaft genießen zu können.

Im Umgang mit der anwesenden Kameracrew und den jungen Männern wird allzu deutlich, dass Marc Rollinger gerne die Fäden zieht, sich als Mann von Welt mit Geld und dementsprechenden Machtansprüchen gerne seinem Gegenüber präsentiert. Einzig die Tatsache, dass er eine unheilbare, auch lebensverkürzende Krankheit hat, mit der er selbstironisch und erfrischend unverkrampft, wie keineswegs larmoyant umzugehen weiß, verschiebt die Koordinaten der Sympathie zu seinen Gunsten. Sie mildert gleichsam seine Selbstgefälligkeit und biedere Arroganz, die ihn schlussendlich trotz seiner finanziellen wie materiellen Sorglosigkeit zu einem sehnsüchtigen, suchenden, wie einsamen Individuum machen. Er akzeptiert diese Krankheit nolens volens, und versucht dennoch seinen Lebensfreuden in toto zu genießen. Als er sich dann in den Pornostar Jordan Fox verliebt ist die Dramaturgie geschrieben.

Naked Opera Alles in allem sind die Grundkonstellationen von Rollingers Leben und Lebensalltag hervorragende Bausteine, aus dem man eine wunderbar interessante wie herausfordernde Dokumentation hätte machen können. Die von Rollinger gerne zur Schau getragene Eitelkeit, seine Ambivalenz, seine Offenheit zu sprechen und sich auch spannungsvollen Fragen zu stellen, hätte eine schillernde Charakterstudie abgeben können. Rollinger aber wird in kein provokatives Gespräch verwickelt, oder ex tempore konfrontiert. Stattdessen verharrt der Film in völlig nichtssagenden visuellen Spielereien unmotivierten Zeitraffern, Jump-Cuts, Bild-in-Bild-Montagen, unsäglich klischeehaften und tausendmal gesehenen Kadragen; merkwürdig auch die permanenten Originalaufnahmen einer Don-Giovanni-Inszenierung, die den einzelnen Sequenzen immer wieder dazwischen geschnitten ist. Auf die Korrelation zwischen dem liebesleidenden Rollinger und Don Giovanni derart penetrant hinzuweisen ist fast ein wenig verlegen.

Naked Opera Im Grunde bleiben Rollinger, sein Charakter, sein Anliegen wie seine Motivation auf weiter Distanz, sein Agieren wirkt inszeniert unaufrichtig, und über sein Kokettieren mit der Kamera, mit seinem selbststilisierten Ego, das manisch nach Anerkennung und Bestätigung heischt, erfährt man ab der 15. Minute nichts Neues mehr. Auch der ständige, kecke Kniff nämlich die Realitätsebenen ständig zu verschieben, die eine Unterscheidung von Fiktion oder Dokumentation bisweilen schwierig machen, lassen den Charakter und sein ganzes Umfeld nicht weniger klinisch und konstruiert erscheinen.  

Sven Weidner / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Real Fiction Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Naked Opera  
 
Luxemburg / Deutschland 2013
Regie: Angela Christlieb;
Mitwirkende: Marc Rollinger, Jordan Fox, Nilton Martins, Miikka Heinonen, Maurice Humbert, Jocelyne & Michel Soutiran, Christian Alfred Kahrer, Franz Mifkovic, Jan-Holger Mauss, Marc Clement, Mike Koster, Samuel Reinard, Ingmar Srkinjar u.a.;
Drehbuch: Patricia Fürst; Adaptierung des Drehbuchs: Angela Christlieb, Bady Minck; Produzentin: Bady Minck; Koproduzentin: Bettina Brokemper; Produktion: Amour Fou Luxembourg; Koproduktion: Heimatfilm; Kamera: Jerzy Palacz; Musik: André Mergenthaler; Schnitt: Pia Dumont;

Länge: 84,54 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von Real Fiction Filmverleih; deutscher Kinostart: 10. Oktober 2013

Auszeichnungen:
Berlinale 2013: Sektion Panorama, Gewinner des Heiner-Carow-Preises der DEFA-Stiftung



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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