04.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente

Wu Tu: My Land


Die Reihenhausfronten moderner Apartmentkomplexe blicken gleichgültig auf das kleine Haus, in dem Gemüsebauer Chen Chun mit seiner Familie lebt. Die Hütte mit dem kleinen Garten ist die letzte Bastion des Widerstands gegen das Bauprojekt, dem sie ohne Entschädigung ihre Lebensgrundlage opfern sollen. Dokumentarfilmer Fan Jian zeigt den Kampf der Grundbesitzer in seinem Heimatland, die der Gentrifizierung machtlos gegenüberstehen.

Zwanzig Jahre hat Chen das Land bebaut. Nun droht das System seiner Frau und ihm buchstäblich den Boden, auf dem sie mit der kleinen Tochter und den Großeltern leben, unter den Füßen wegzuziehen. Auf dem Acker sind Betonklötze für die Stadtbevölkerung geplant. Chinas Mittelschicht explodiert förmlich, während die Landbevölkerung schrumpft. Aber die Chens lassen sich nicht vertreiben. Ihre Hütte steht noch, ebenso der winzige Garten, wo Chen der Tochter zeigt, wie Tomaten ausgesät werden. Dass sie das Wissen eines Tages auf ihrem eigenen Land anwenden können wird, ist unwahrscheinlich. Um den Hof, in dem das Mädchen spielt, liegt eine Schutthalde. Alles ist bereit für die Errichtung der Wohnblöcke, nur ihre Eltern nicht. Während Männer auf der Baustelle Steine klopfen, bestellen die Chens Sommer und Winter ihr Fleckchen, fünf Jahre lang. Die Bagger rücken näher, schließlich stehen sie direkt vor der Haustür. Frau Chen stellt sich den Vorarbeitern in den Weg, er klettert auf den Baggerarm, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Am Ende steht ein Polizist herum und es heißt, der Großvater sei verletzt. Dann solle er zum Arzt gehen, kommentiert der Polizeibeamte kühl.

Streitigkeiten zwischen Landbesitzern und Bauunternehmen seien nicht die Angelegenheit der Polizei, heißt es. Das nächste Mal, wenn etwas passiert, solle die Familie gar nicht erst anrufen. "Macht keinen Ärger!", droht der Polizist. Wer aufmuckt, ist ein Unruhestifter. Das scheinen die Behörden genauso zu sehen. Überall sei sie gewesen, berichtet Frau Chen. Entweder sie werde hinausgeworfen oder man lasse sie nicht zu den Entscheidungsträgern durch. Wer verantwortlich für den Verkauf des Landes ist, dürfen die Betroffenen offenbar nicht erfahren. Was die Bauleute ihnen befehlen, läuft immer aufs Gleiche hinaus: was wir hier tun, geht euch nichts an. Verschwindet einfach! Alle Nachbarn und Kollegen sind unter dem Druck eingeknickt. Aber so leicht wird sie es denen nicht machen, sagt Frau Chen bitter: "Ich mache weiter, bis sie mich umbringen!" Tatsächlich bekommt man angesichts des erbarmungslosen Vorgehens Angst um die Familie. Vielleicht ist es ihr Glück, dass die Kamera immer Zeuge ist. Zuerst drehen die Gegner von hoher Stelle der Familie den Strom ab, dann das Wasser. "Die wollen die Sache aussitzen", sagt Chen. Doch die Familie hat einen langen Atem, mindestens so sehr wie die Stadtentwickler. Nur finanzielle Ressourcen haben sie nicht.

Nicht immer, so scheint es, zeigt die engagierte Sozialreportage alle relevanten Ereignisse. Ohne jeden Kommentar von Regisseur Fan ist so mitunter schwer nachzuvollziehen, was gerade vor sich geht oder eine bestimmte Handlung veranlasst. Doch trotz kleiner inszenatorischer Schwächen bleibt "Wu Tu" eine bedrückende Chronik der Umbrüche des chinesischen Fortschritts und der Menschen, die dabei auf der Strecke bleiben.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Wu Tu: My Land (Wu Tu) 
 
Volksrepublik China 2015
Regie & Kamera: Fan Jian;
Produzent: Zang Ni; Schnitt: Matthieu Laclau;

Länge: 81 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<04.04.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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