06.10.2015
Ein Film auf dem Filmfest Hamburg 2015 (01.-10.10.2015), Sektionen Veto!, Voilà!

Mein Praktikum in Kanada


My Internship in Canada Der Finger wandert auf einer vergilbten Landkarte Nordamerikas. Langsam zoomt die Kamera immer näher an den Ort des Geschehens heran. Sichtbar werden Namen von Städten, Landstraßen und ihre Nummern und schließlich auch der Wahlbezirk Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes des Abgeordneten Guibord. Ein wenig erinnert es an den Geografieunterricht aus den Achtzigerjahren. So alt wie die Landkarte, so verschroben und eigenwillig sind die Wähler und Nichtwähler von Herrn Guibord.

Es sind die Dinge, die noch passieren werden, haucht dann eine Stimme aus dem Off und die Karte verschwindet. Als nächstes blicken die Zuschauer in ein hoffnungsvolles und strahlendes Gesicht eines dunkelhäutigen, altbacken gekleideten jungen Mannes mit einem blauen Lederkoffer: Souverain aus Haiti. Er schaut auf ein etwas in die Jahre geratenes Haus mit einem Dessousgeschäft im Erdgeschoss. Im ersten Stock befindet sich das Plakat seines milde lächelnden Zielobjekts: Herr Guibord persönlich. Tapfer erklimmt er die erste Hürde. Im Gespräch mit dem Abgeordneten wartet er nicht etwa auf die Zusage von Herrn Guibord. Für ihn ist es sonnenklar, dass heute der erste Tag seines Praktikums beginnt. Schließlich hat seine Familie in Haiti ihn auf die lange Reise entsandt, um direkt in Kanada das politische Geschäft zu erkunden.

So beginnt die ungewöhnlich Symbiose eines pragmatischen lokalen Politikers und des idealistischen Praktikanten, der zu gern Rousseau zitiert. Alle Wege der lokalen Politik gibt es mit einer großen Portion Augenzwinkern dazu. Auch wenn es mal um Krieg und Tod geht, wartet schon die nächste Vorlage, um das Publikum in Gelächter ausbrechen zu lassen. Bei all den Fehltritten und Fauxpas muss man Herrn Guibord und Souverain einfach mögen. Mit viel Würde und verhältnismäßiger Gelassenheit meistern sie den Job und dieser ist überall: Selbst am Küchentisch beim Abendessen müssen sich beide den unangenehmen Fragen der Frau und Tochter stellen. Nicht nur das. Die Wähler kommen Herrn Guibord immer in die Quere, inhaltlich wie auch wörtlich. Der Stadt-Opa auf seinem Rollator sucht auf mysteriöse Weise genau dann seinen Weg auf der Straße, wenn Herr Guibord vorbeilaufen will.

My Internship in Canada "Sie müssen einen guten Spin doctor haben", merkt der Berater des Premierministers an, während der vermeintliche Spin doctor, Souverain, im Wartezimmer gerade Äpfel und Orangen in seinen Händen wiegt. Die Wählerschaft wird genauso aufs Korn genommen wie ihre Volksvertreter. In der öffentlichen Anhörung jubeln sie erst laut gegen den Krieg und in der nächsten Minute wieder für den Krieg, weil eine neue Information zu möglichen Investitionen und Arbeitsplätzen die Meute zur blitzschnellen Meinungsänderung hinreißt. "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler", fasst es Winston Churchill für die Zuschauer zusammen. Zwischen den aberwitzigen Situationen versucht Souverain die reine Lehre an den Mann bzw. Frau zu bringen, was ihm mit einem gewissen Erfolg auch gelingt. Und so verwandeln sich seine Skype-Telefonate in eine Mischung aus übertriebener Erfolgsdarstellung und Polit-Sitcom für die Einheimischen, die sich immer wieder über neue Episoden freuen und sich immer zahlreicher vorm Bildschirm versammeln.

Politikstunde als nette Farce: Die Arbeit der Politiker bietet allerhand Vorlagen. Schließlich bemerkt der Bürgermeister von Prescott als leicht verfälschtes Zitat: Politik sei die Kunst des möglichen Unmöglichen. Regisseur Philippe Falardeaus Film lässt eben dieses Zitat mit seiner Szenerie zum Leben erwecken. Falardeaus Figuren sind absurd und komisch, zuweilen ernst und realitätsnah. Er bewegt sich mit seiner Geschichte immer zwischen zwei Welten: der täglich erlebbaren Wirklichkeit und einer eleganten Komödie mit Wohlfühlcharakter. Die Witze sind pointiert und laufen nie Gefahr in eine extreme Lächerlichkeit zu fallen.

Am Ende fragt man sich, ob die Wirklichkeit außerhalb des Kinosaals noch ohne Humor tatsächlich zu bewältigen ist. Diese Verbindung von lokalen Bedürfnissen, Sorgen, Nöten und Seilschaft sowie einer globalen und vernetzen Welt, in der wir alle auf Gedeih und Verderb zusammen sein müssen. Das mögliche Unmögliche dreht sich stets weiter.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Arsenal Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Mein Praktikum in Kanada (Guibord s'en va-t-en guerre) 
 
Alternativtitel: My Internship in Canada

Kanada 2015
Regie & Drehbuch: Philippe Falardeau;
Darsteller: Patrick Huard, Suzanne Clément, Irdens Exantus, Clémence Dufresne-Deslières, Sonia Cordeau, Paul Doucet, Jules Philip, Robin Aubert, Micheline Lanctôt u.a.;
Produzenten: Luc Déry, Kim McCraw; Kamera: Ronald Plante; Musik: Martin Léon; Schnitt: Richard Comeau;

Länge: 104,28 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Arsenal Filmverleih; deutscher Kinostart: 26. Mai 2016



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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