Februar 2004 (Rezension)
8. Juli 2004 (Kinostart)

"Eh, Gerd. Guck mich nicht an. Das ist der Täter."


Muxmäuschenstill


Muxmäuschenstill

Ein Mann nimmt das Gesetz selbst in die Hand und verfolgt und bestraft nach Gutdünken Mitmenschen wegen hauptsächlich geringen Vergehen. Er lebt sogar von ihnen, indem er sie finanziell ausnimmt. Er selbst wird später einen Mord begehen. Aus rein privaten Gründen. Zur eigenen Bestrafung wird er nicht fähig sein. "Muxmäuschenstill" ist ein Husarenstreich: 40000 Euro hat der Film gerade mal gekostet, nun tritt die bitterböse, äußerst treffende Farce einen unvergleichlichen und berechtigten Siegeszug von den Filmfestivals in Saarbrücken über Berlin deutschlandweit an. Einzig ein Problem enthält das Regie-Debüt von Schauspieler Marcus Mittermeier: Der Film dürfte nicht unbedingt von jedem sofort als Satire anerkannt werden trotz aller Hinweise darauf - zumal in Zeiten, in denen es selbst erklärten Sheriffs gelingt, erfolgreich auf politische Bühnen vorzudringen, sie also bei zu vielen Wählern als rechtschaffen akzeptiert sind.



Jung ist er, wenn auch mittlerweile mit Geheimratsecken ausgestattet, aber die weiß er perfekt zu camouflieren. Im besten Alter ist er, aber wenn der Einzelgänger Mux (Jan Henrik Stahlberg) Gesellschaft sucht, dann sind es brav-biedere ältere Leute. Es passt zu seinem Weltbild: Diese sind zu alt, können keine Verbrechen mehr begehen, sind folglich sittsam. Die eigene Generation? Ja, die ist böse. Aber dafür gibt es ja Mux.

Muxmäuschenstill

Und er jagt sie, im Techno-Rytmus, die Tempolimit-Überschreiter, die Ladendiebe, die Vergewaltiger, die Kinderporno-Ausleiher wie die Über-Rot-Geher und die Schwarzfahrer, die Ausländerhasser wie die hehlenden Ausländer, mit Kamera bewaffnet, um alles treudeutsch exakt zu protokollieren. Um die Sünder zu bestrafen. Und zu bekehren. Ihnen auch, ganz nebenbei, Geld abzunehmen, als Maßregelung für die Sühne, als Lohn für sich selbst, für seine selbstlosen Aktivitäten für die Gesellschaft. Dazu wird einem Graffiti-Sprayer schon mal die eigene Farbe ins Gesicht gesprüht, ein Hundehalter ohne Sinn für Sauberkeit schon mal in den Kot gedrückt. Mux' Argument zu diesen Nötigungen zur Not: die eigene Waffe.

Im Rahmen des Saarbrücker Max-Ophüls-Festivals 2004, noch vor der Verleihung des Hauptpreises plus drei weiteren Auszeichnungen an "Muxmäuschenstill", berichteten die beiden Freunde, die hinter diesem Film stehen, Regisseur Mittermeier und Drehbuch-Autor und Hauptdarsteller Stahlberg: Jedes Mal, wenn sie einen bestimmten deutschen Ministerpräsidenten, den sie etwas unklug vor Ort wie im Film namentlich nannten, auf dem Bildschirm sähen, so ginge bei ihnen "das Messer in der Tasche auf". Dieser Film "musste gemacht werden" - sehr wahr. Filmförderung hatte der Film gleichwohl nicht erhalten, zweifellos wegen der politischen Brisanz des Inhalts. So geriet der Film mit 40000 Euro Budget äußerst billig. Der Lohn ist der Erfolg - auch auf der Berlinale 2004 wurde der Film zum Geheimtipp. Die Dimension dieser Gefragtheit tröstet über die aktuellen politischen Radikalisierungen in der Bundesrepublik und anderswo, so in den USA, hinweg. Bewegungen, deren An- und Absichten nicht mehr in einem Maße, wie es zu wünschen wäre, in Zweifel gezogen werden. Eher im Gegenteil.

Muxmäuschenstill

Bald expandiert Mux: Als Gehilfen holt er sich den verwahrlosten Gerd. Gerd war der Bewerber mit dem schlechtesten Lebenslauf. Aber Gerd erinnert Mux an seinen eingegangenen Hund. So dackelt Gerd überall hin mit. Gerd ist treudeutsch überbrav: Im Haus eines Mannes, der gerade seine Familie ausgelöscht hat, fragt Gerd nach einem zweiten Stück Kuchen. Gerd steht für die latente Erotik des Ekels, die Mux zweifellos empfindet. Wenngleich Mux sich zu einer scheinbaren Unschuld vom Lande, Kira (Wanda Perdelwitz), hingezogen fühlt. Sie wird für den Goethe-Fan Mux, das selbstbewusst selbsterklärte Genie der Ordentlichkeit, zum Gretchen, das Mux aber nicht versteht. Dem zieht Kira Oralsex in flüchtigen Begegnungen vor, etwas, das Mux in seinem Wunsch nach makelloser Liebe nicht versteht.

Mux expandiert weiter. Eine Art umgedrehter "Fight Club", einer der Penibilität, wird mit vielen Mitläufern gegründet, ein "Schulungsvideo für die Gesellschaft" gedreht. So kritisieren die beiden Filmemacher nicht nur die aktiven Weltverbesserer, sondern auch jene glänzend, deren Gegenwehr solchem Verhalten gegenüber aussetzt. Alle sind angesprochen, nicht nur die junge Frau, die angesichts Mux' Überrumpelung keinen nachhaltigen Widerstand leistet, wenn sie den geklauten und bereits angezogenen BH vor ihm ablegt. Bis aufs letzte Hemd ist die Würde gewissermaßen abgestreift.

Auf Mux' Nachttisch liegt ein Kant-Brevier. Für Mux steht Kant für die Allgemeingültigkeit der eigenen Handlungsweisen. Der intellektuelle Zuschauer ist angesprochen, denn die Chiffre kann anders ebenfalls identifiziert werden: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Wenn man das Zitat kennt. Es ist eine der vielen Chiffren, die zu verdeckt sind. Wer Bewegungen so genannter "rechtsstaatlicher Ordnung" wählt, kann die Abgründigkeit nicht verstehen und den Film nicht als Satire einordnen. So lauert bei aller Raffinesse der Machart des Films in ihm eine Gefahr der fehlgehenden Vermittlung.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Schiwagofilm GmbH


Filmdaten

Muxmäuschenstill


Deutschland 2004
Regie: Marcus Mittermeier;
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg (Mux), Fritz Roth (Gerd), Wanda Perdelwitz (Kira), Joachim Kretzer (Björn) u.a.; Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg [d. i. der Hauptdarsteller]; Produktion: Martin Lehwald, Schiwagofilm GmbH; Kamera: David Hofmann; Musik: Julian Boyd, Phirefones; Ton: Sebastian Leukert;

Länge: 89 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 8. Juli 2004




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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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