05.10.2014

Monument to Michael Jackson


Monument to Michael Jackson Der breitbeinige Revolutionär des Ostblocks wird langsam hochgehievt. Auf dem Sockel breitet sich anstelle der Statue eine gähnende Leere aus. Ebenso verschafft sich eine traurige Leere in Markos Ehe immer mehr Raum. Seine Frau will die Scheidung, da Marko in dem serbischen Dorf ihr nichts bieten kann. Was kommt nach dem Zusammenbruch eines Systems, fragt sich Marko. "Alles, was du willst", sagt der lokale Politiker, "Wir haben ja Demokratie". Am Abend zieht Marko eine Zigarette nach der anderen, während Michael Jackson aus dem Radio "get the job done" trällert. Schon keimt eine Idee: Warum nicht einen Touristenmagneten schaffen und das triste Leben im Dorf und sein Privatleben durch ein Denkmal für Michael Jackson aufleben lassen. Schließlich hat Jackson gerade den Start seiner letzten Tournee angekündigt.

"Du bist verrückt", hört Marko überall, wo er seine Idee vom Denkmal des großen King of Pop erzählt. Und doch fällt sie hie und da auf fruchtbaren Boden. Es sind gerade die Charaktere ohne rechte Perspektive, die in ihrem Alltag so weit eingezwängt sind, dass es ihnen beinahe die Luft zum Atmen nimmt. Ein bisschen Leben und Aufregung bringt die Vorbereitung des Denkmals. Mit jedem kleinen Schritt vorwärts erscheint die Idee einer sinnvollen und werthaltigen Tätigkeit und Zukunftsaussicht für die Gemeinde in greifbarer Nähe. Sei es durch ein Reisebüro oder einen aktiv genutzten Flugplatz.

Die Fronten werden im Film schnell klar. Die Guten, die ihr Dorf beleben wollen, müssen ihre Stirn gegenüber der örtlichen Politik und den mafiösen Strukturen im Hintergrund bieten. Es erscheint zuweilen wie eine Komödie für Kinder, die keine Grautöne zulässt. Ein wenig Krimiqualität bietet der Komplott um das Land des Flugplatzes. Die Machenschaften der Partei, die mit den Nationalisten gemeinsame Sache macht, wird zwar in einigen wenigen Szenen angerissen, verschwimmt jedoch schnell im Gewirr der Themen des Films.

Man könnte beinahe meinen, dass es im Film von Darko Lungulov um den Mangel an Zukunftsaussichten und die Willkür der öffentlich handelnden Personen ginge. Im Namen der Demokratie wird alles von der lokalen Behörde gerechtfertigt. Prügelnde und randalierende Nationalisten werden hingenommen, wie ein notwendiges Übel. Eine stillschweigende Akzeptanz der Lage, die ihre Opfer die Scherben der Randale mit nur leisen Flüchen aufsammeln lässt. Selbst als Markos Grab nach einem tragischen Unfall enthüllt wird, darf sein indirekter Henker über Hoffnung in einer Welt voller Hass sprechen.

Es ist auch nicht die alte Sowjetzeit, der nachgetrauert wird und die ein Vakuum übriggelassen hat. "Wer hat hier Angst vor den Amis?", knurrt der empörte Pförtner und lässt sich auf einen Handel wie in guten alten Zeiten ein. Traurig wirkt es, als der alte Major in seinem angekratzten Helm und der Friseur mit schlechter Perücke und einem Handschuh mit fehlenden Pailletten in dem Hubschrauber Platz nehmen. Eine bittersüße Erinnerung an die vergangene Zeit, die in der Gegenwart keine Existenzberechtigung hat und gleichzeitig von keinem neuen Halt für die Gesellschaft abgelöst wird. Es wäre ein interessantes Motiv für den Film, den Lungulov jedoch nicht durchhält. Er scheint seinen Zuschauer mit der Schwere der Thematik nicht überfordern zu wollen.

Monument to Michael Jackson Jedes Mal, wenn der Film in eine Komödie abzudriften scheint, hält ihn im letzten Augenblick etwas auf. Tragische Momente sind seicht und die Melancholie bezieht sich weniger auf die persönlichen Schicksale als auf ihren traurigen Rahmen. Es ist nicht das Gefühl zwischen den beiden Ehepartnern, das verloren zu gehen scheint. Marko und Ljubinka reiben sich vielmehr an der Trostlosigkeit ihrer Umwelt, die ihre Ehe zu zerstören scheint. Nicht die Behinderung der Pfarrerstochter fügt ihr Leid zu und lässt sie in ihrem Zimmer verweilen. Der Wunsch nach ihrem Idol, Michael Jackson, reißt sie zwischen großer Freude und tiefer Trauer hin und her. Der alte Pilot trauert nicht um sein Alter oder die längst vergessenen sowjetischen Zeiten, in denen er ein Held und wertvolles Mitglied der Gesellschaft war. Seine vorzeitige Rente bereitet ihm noch mehr Falten im Gesicht.

Ist es nun eine gesellschaftliche Kritik? Eine tragisch endende Liebesgeschichte? Ein Porträt einer ehemaligen sowjetischen Republik im tristen Grau ihrer angestrebten Moderne? Im Grunde wird es keinem Aspekt wirklich gerecht. Es ist weder Fisch noch Fleisch. Lungulov schleicht um den Zuschauer wie eine streunende Katze, die sich nicht so recht entschließen kann, ob sie ihr Opfer anschnurren oder kratzen soll.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Films Boutique (über die Seite des Filmfests Hamburg)

 
Filmdaten 
 
Monument to Michael Jackson (Spomenik Majklu Dzeksonu) 
 
Serbien, Mazedonien, Deutschland, Kroatien 2014
Regie & Drehbuch: Darko Lungulov;
Darsteller: Boris Milivojevic, Natasa Tapuskovic, Dragan Bjelogrlic, Ljuba Bandovic, Toni Mihajlovski, Branislav Trifunovic, Mirjana Karanovic u.a.;
Produzenten: Snezana Penev, Felix Eisele, Katja Siegel, Julia Kleinhenz, Ognen Antov, Boris Matic; Kamera: Mathias Schoeningh; Musik: Dejan Pejovic; Schnitt: Dejan Urosevic;

Länge: 95 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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