27.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus

Mellow Mud


Nachdenklich, traurig und sicher nicht naiv: Die Worte, mit denen die 17-jährige Raya (Elina Vaska) ein Mädchen auf einem Gemälde Odilon Redons beschreibt, beschreiben auch sie selbst und den erzählerischen Ton von Renars Vimbas überzeugender Coming-of-Age-Story.

Melancholisch und mit leiser Poesie zeigt das Spielfilmdebüt des lettischen Regisseurs die Suche nach einem Fluchtweg aus der hoffnungslosen Situation, in der sich die junge Frau wiederfindet. Der Originaltitel "Es esmu seit" bedeutet "Ich bin hier" und hat im Gegensatz zum internationalen Verleihtitel einen konkreten Bezug auf die innere Haltung der Hauptfigur. Raya will sich selbst an dem Ort, den sie als Zuhause wahrnimmt, behaupten. Der Ort ist eine klapprige Hütte am Rand einer lettischen Kleinstadt, die ihr Vater einst gekauft hatte. Nach seinem Tod hat ihre Mutter sich nach London aus dem Staub gemacht und Raya und deren kleinen Bruder Robis (Andzejs Lilientals) bei der Großmutter zurückgelassen. Die herrische alte Frau will die Hütte verkaufen, doch Raya setzt sich mit aller Kraft dagegen zur Wehr. Als Robis sie eines Tages mit einer fatalen Nachricht erwartet, ist sie bereit, noch weiter zu gehen. Die Geschwister brauchen nichts zu besprechen. Sie wissen beide, was zu tun ist. Das Band zwischen ihnen ist stark, trotz der Konflikte, die immer wieder aufbrechen. "Du bist nicht meine Mutter!", ruft Robis einmal, aber das ist eigentlich fast ein Kompliment. Denn dort, wo ihre Mutter sich einfach abgewandt hat, ist Raya entschlossen, zu kämpfen.

So wie sie den verdorrten Garten mit den Apfelbäumen gegen die Bagger verteidigt, verteidigt sie das, was von ihrer Familie übrig ist. Der Kampf der von Elina Vaska nuanciert verkörperten jungen Frau hat von außen betrachtet einen bitteren Beigeschmack, denn er ist von Anfang an vergebens. Was Raya mit allen Mitteln zu retten versucht, haben der Tod des Vaters und das Fortgehen der Mutter längst zerstört. Doch die Geschwister klammern sich an die Hoffnung, dass ihre Mutter zurückkehren wird. Von einem Schulkameraden hat Raya eine Telefonnummer und von einem alten Brief ihrer Mutter eine Adresse in London. Ein Englisch-Wettbewerb, dessen Hauptpreis eine England-Reise ist, rückt das Ziel auf einmal zum Greifen nahe. Doch bis dahin muss Raya nicht nur den versäumten Schulstoff nachholen, sondern mit ihrem Bruder den äußeren Schein wahren: vor dem Briefträger, der die Rente bringt und der Sozialarbeiterin, die regelmäßig Kontrollbesuche macht. Niemand darf erfahren, dass die Großmutter plötzlich gestorben ist, nicht mal der junge Englischlehrer, in den sich Raya verliebt. In einer Welt, die um sie herum Stück für Stück zerfällt, scheinen die Geschwister als letzte übriggeblieben. Die Eltern, die Großmutter, Rayas Schulfreund – alle sind fortgegangen oder verlassen den tristen Ort.

Eine dramatische Wendung konfrontiert die zwischen der erdrückenden Verantwortung und ersten romantischen Gefühlen hin- und hergerissenen Protagonistin mit der Erkenntnis, dass es auch für sie dort nichts mehr gibt. Aber – wie die lyrischen Bilder der zurückhaltenden Dramas andeuten – vielleicht an einem anderen Ort.  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Mellow Mud (Es esmu seit) 
 
Lettland 2016
Regie & Drehbuch: Renars Vimba;
Darsteller: Elina Vaska (Raya), Andzejs Janis Lilientals (Robis), Edgars Samitis (Lehrer), Zane Jancevska (Sozialarbeiterin), Ruta Birgere (Großmutter), Oskars Viksne (Jurka) u.a.;
Produzenten: Alise Gelze, Aija Berzin; Kamera: Arnar Thorisson; Musik: Eriks Esenvalds; Schnitt: Georgios Mavropsaridis;

Länge: 105 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<27.03.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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