18.10.2022

Meine Freiheit, Deine Freiheit

Die Gesellschaft habe sich nunmal dafür entschieden, Menschen in bestimmten Situationen einzuschließen, erklärt Matthias Blümel, der Anstaltsleiter der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Berlin-Lichtenberg – und eröffnet an anderer Stelle, dass er sein Gefängnis gerne einmal für ein paar Wochen schließen würde. Wie das Klischee eines hartherzigen Gefängniswärters erscheint Blümel in keiner Weise, vielmehr überrascht der sanfte Anstaltsleiter durch seine verständnisvolle Art, die mit dem sensiblen Blick der Regiedebütantin Diana Näcke korrespondiert.

Im Zentrum des Dokumentarfilms "Meine Freiheit, Deine Freiheit" stehen die beiden Straftäterinnen Kübra und Salema, die Näcke während ihrer Haftstrafen und den anschließenden ersten Schritten in die Freiheit begleitet. Kübra, die einzige Intensivstraftäterin Berlins, kam bereits mit vierzehn Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis und kommt nach vier Jahren und zehn Monaten Haft auf freien Fuß. Draußen findet die junge Frau jedoch keine Perspektive, sondern besorgt sich in der Berliner Hasenheide Marihuana, wartet vor tristen Einkaufspassagen auf ihren Koksdealer und fährt nachts mit dem Auto in ausgelassener Stimmung durch die Hauptstadt. Auch der aus Äthiopien stammenden Salema fehlt nach der Haftentlassung eine Perspektive für das weitere Leben. Wegen Beschaffungskriminalität kam die heroinsüchtige Frau ins Gefängnis und konsumierte hinter Gittern weiterhin Heroin. Die Drogensucht bestimmt auch Salemas Leben in Freiheit, das sie in zunehmender Verzweiflung auf der Straße verbringt.

Diana Näcke begleitete die beiden Protagonistinnen über einen Zeitraum von drei Jahren und filmte sie ganz ohne Team mit einer selbst gekauften Kamera. Auf diese Weise entstand mit "Meine Freiheit, Deine Freiheit" ein überaus intimes Porträt von Kübra und Salema, die der Filmemacherin großes Vertrauen entgegen bringen und ihre Gefühlswelt wie im Gespräch mit einer Freundin offen legen. Ohne eine Wertung lässt Näcke die Interviews für sich stehen und gibt dem Publikum somit die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von den straffälligen Frauen und deren Chancen im Leben zu machen.



Diese Filmkritik ist zuerst bei fluter.de erschienen.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Meine Freiheit, Deine Freiheit


Deutschland 2011
Regie: Diana Näcke;
Mitwirkende: Kübra Baytok, Matthias Blümel, Salema Wad'deres u.a.;
Produzenten: Gerd Haag, Kerstin Krieg; Kamera: Roger Heeremann, Diana Näcke, Susanne Schüle; Musik: Bruder & Kronstädta, Justine Electra, Masha Qrella; Schnitt: Inge Schneider;

Länge: 83,23 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 31. Mai 2012



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"Die Liebe, die ich im Leben empfinde, meine Zerrissenheit, mein Glück - alles fließt in die Filme ein, ist Teil von ihnen... Wenn ich einen Film sehe, nachdem ich ihn gemacht habe, erkenne ich mein Leben darin wieder."

Schauspielerin Jeanne Moreau (1928 - 2017)

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