27.12.2007

Qualität vor Quantität

Mein bester Freund

Freunde Freunde zu finden war niemals einfacher als heute. Das Internet macht’s möglich. Wer sich an Online-Netzwerken orientiert, muss glauben, man sei nicht gesellschaftsfähig, wenn man nur die noch vor zehn Jahren übliche Handvoll Freunde hat. Auf MySpace ist seit langem ein Wettstreit darum zu beobachten, wer mit den meisten „Friends“ protzen kann. Tila Tequila etwa bringt es auf rund 2,5 Millionen. François Coste dagegen hat es nicht einmal zu einem einzigen geschafft. Woran liegt dieser Misserfolg der Hauptfigur des Films „Mein bester Freund“? Und wie soll Coste innerhalb von nur zehn Tagen nachholen, was ihm über vier oder fünf Jahrzehnte nicht gelungen ist?

Für Coste steht viel auf dem Spiel. Denn als bei einem gemeinsamen Abendessen alle Tischmitglieder betonen, sie seien nur Geschäftspartner, und vehement abstreiten, sie verbinde auch eine Art Freundschaft mit dem erfolgreichen Antiquitätenhändler, bricht es aus Costes Teilhaberin Catherine heraus: „Gib es zu! Du hast gar keinen Freund!“ Coste aber lügt ihnen sogar einen allerbesten Freund vor. Als niemand ihm glaubt, lässt er sich auf eine Wette mit seiner Teilhaberin ein. Wetteinsatz: Seine kürzlich ersteigerte antike Vase, die – der Legende nach - ein griechischer Töpfer nach dem Tod seines besten Freundes mit seinen Tränen füllte. Wert: 200.000 Euro. Zehn Tage gibt Catherine Coste Zeit, den besten Freund zu präsentieren.

CatherineFortan versucht Coste alles, um irgendeinen Freund aufzutreiben, den er als seinen besten präsentieren kann. Beim sympathischen Taxifahrer Bruno geht er sogar in Lehre, um zu lernen, wie man Freunde findet, und ausgerechnet zwischen diesen beiden entwickelt sich mehr als eine Schüler-Ausbilder-Beziehung.

Ungeschickt wie Mr. Bean

Die Freundessuche erinnert bisweilen an Mr.-Bean-Filme. Coste verhält sich dermaßen ungeschickt, dass Menschen ohne Freundes-Störung à la Coste nicht einmal auf die Idee kämen, dass überhaupt irgendwer sich so dumm anstellen könnte. Wie bei Mr. Bean möchte man lachen, leidet aber bei all den Peinlichkeiten dermaßen mit, dass das Lachen im Halse stecken bleibt. Bei Coste noch vielmehr als bei Mr. Bean, da es hier nicht um Tolpatschigkeit, sondern um eine soziale Frage geht.

Bruno und FrancoisDer Film betreibt dabei keine Schwarz-Weiß-Malerei. Er präsentiert Coste nicht als hässliches Monster, sondern als einen intelligenten und erfolgreichen Mann, der sich durchaus geschmackvoll kleidet und sein Äußeres pflegt. Der Taxifahrer Bruno wiederum ist tatsächlich sehr sympathisch, aber nicht unbedingt ein schöner Schwiegermuttertyp. Dabei ist der Taxifahrer genauso einsam wie Coste, denn obwohl jeder aufgrund seines offenen, freundlichen Wesens gleich mit ihm ins Gespräch kommt und ihn mögen lernt, bleiben seine Kontakte oberflächlich.

Obwohl es doch dank Internet heute scheinbar so einfach ist, Freunde zu finden, könnte der Film aktueller nicht sein. Denn was weiß Tila Tequila eigentlich über ihre „Friends“? Für eine Freundschaft mit Tila genügt ein Zweizeiler und ein Mausklick, es ist eine Sache von 2 Minuten. Ablehnen wird sie kaum – ihre Konkurrenz schläft schließlich nicht. Kann jemand, der sich um Millionen solcher Freunde kümmern muss, überhaupt einen besten Freund haben? Was ist überhaupt ein bester Freund?

Der Film beschreibt den besten Freund als jemanden, der ein Risiko für den anderen eingehen würde, und den man nachts um drei jederzeit anrufen kann. Wer der 2.547.186 Freunde (Stand: 27.12.07, 12.43 Uhr) würde für Tila Tequila ein Risiko eingehen? Die Dame muss ihren Tag fast pausenlos vorm Computer verbringen – wo ist da Platz für Freunde? Oder verbindet ein Online-Chat zwei Menschen genauso wie ein Erlebnis in der realen Welt?

Das "Fünf-Freunde"-Prinzip

Francois und BrunoMax und Moritz sind dicke Freunde, weil sie zusammen Streiche aushecken. Enid Blyton’s „Fünf Freunde“ gehen gemeinsam auf Verbrecherjagd und helfen sich immer wieder aus brenzligen Situationen heraus, ebenso wie „Die drei Fragezeichen“ oder „TKKG“. Alle diese Freunde kennen sich schon lange und wissen auch um die Schwächen der anderen. Auch die berühmte „Männerfreundschaft“ zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin ist nicht durch ein Online-Netzwerk gewachsen, sondern dadurch, dass sich beide Zeit füreinander genommen haben, sei es bei Saunagängen oder Wanderungen durch den russischen Schnee. Aber wer nimmt sich in Chats soviel Zeit für jemand anderen?

Der Film betont, dass es kein Erfolgsgeheimnis für Freundschaften gibt. Coste, in seiner völligen Ignoranz, definiert einen Freund anfangs als jemanden, der die Erfolgsformel „SFE“ erfüllt: Sympathisch – freundlich – ehrlich! Doch einen besten Freund gibt es nicht von der Stange. Es geht nicht um ein makelloses Produkt, sondern um Menschen, die erst durch ihre Schwächen liebenswert werden.

Um einen Menschen so gut kennen zu lernen, dass er zum besten Freund wird, muss man ihn mit allen Sinnen wahrnehmen – nicht zweidimensional medial gefiltert. Echte Freunde sind draußen vor der Tür eher zu finden als online. Freunde zu finden braucht Zeit – aber wer sich auch nur etwas geschickter anstellt als Coste, braucht kein halbes Jahrhundert dafür.  

Tobias Vetter / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Alamode Film -


Filmdaten

Mein bester Freund
(Mon meilleur ami)
Frankreich 2006
Regie: Patrice Leconte ; Drehbuch: Olivier Dazat, Patrice Leconte; Darsteller: Daniel Auteuil (François Coste), Dany Boon (Bruno Bouley), Julie Gayet (Catherine), Kamera: Jean-Marie Dreujou Länge: 94 Minuten; Verleih: Alamode Film; FSK: ohne Beschränkung; Kinostart: 06.12.2007 (Deutschland)



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