09.10.2026

Meat (2010)

Aus dem Hintergrund nähern sich drei ältere Herren der Fleischauslage eines Schlachters, die vorne im Bild zu sehen ist. Die Kamera zeigt die nackten, schlaffen Körper vom Bauchnabel abwärts, als die Männer unmittelbar vor dem rohen Fleisch stehen. Diese programmatische Einstellung fasst "Meat" von Victor Nieuwenhuijs und Maartje Seyferth glänzend zusammen, denn immer wieder parallelisiert der künstlerisch höchst ambitionierte niederländische Film Sex und Nacktheit mit rohem Fleisch – ohne diesem Grundmotiv und seinen kalkulierten Provokationen etwas Wesentliches hinzuzufügen.

Die Inszenierung entwirft eine möglichst bizarre und letztlich undurchschaubare Atmosphäre, die den Hintergrund für die vertrackte Geschichte liefern soll, in der Realität und Fiktion unmotiviert ineinander verschwimmen. Ein gealterter Metzger (Titus Muizelaar), der von seiner Frau betrogen wird, projiziert sein sexuelles Verlangen auf seine deutlich jüngere Aushilfe (Nellie Benner). Als in der Schlachterei ein Mord geschieht, gerät das eintönige Leben des ermittelnden Polizisten (wieder Titus Muizelaar) zunehmend außer Kontrolle. Seine augenscheinlichen Vorbilder wie etwa David Lynch, Gaspar Noé oder Peter Greenaway erreicht "Meat" nur in Ansätzen, weil er das Interesse für die Erzählung nicht über die volle Lauflänge aufrecht erhalten kann, während die Szenen mit fortschreitender Spieldauer immer beliebiger erscheinen: Der Metzger zerhackt wiederholt Fleisch oder flüstert dem Mädchen Unmoralisches ins Ohr, die Freundin des Polizisten stürzt sich beiläufig in den Tod, das Mädchen und der Fleischer treiben es auf kargen Fliesen, Kühe und Schweine erwarten ihre Schlachtung – von einer wie auch immer gearteten Verbindlichkeit fehlt jede Spur.

Wenngleich "Meat" auf dem Pornofilmfestival in Berlin zu sehen war, geht er bei alldem nie pornografisch ins Detail, sondern will die Betrachter*innen mit seiner mysteriösen Grundstimmung und den nebulösen Ereignissen fesseln. Da zumindest die Kameraarbeit von Victor Nieuwenhuijs bisweilen starke Momente erzeugt, scheitert "Meat" mit dieser Herangehensweise nicht völlig – aber doch recht unverhüllt.



Diese Filmkritik ist bei fluter.de zuerst erschienen.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Meat (2010)
(Vlees)

Niederlande 2010
Regie: Victor Nieuwenhuijs, Maartje Seyferth;
Darsteller: Titus Muizelaar (Inspektor Mann / Schlachter), Nellie Benner (Roxy), Wilma Bakker (Tinie), Hugo Metsers (Jan), Elvira Out (Sonia), Kitty Courbois (Inspektor Manns Mutter) u.a.;
Drehbuch: Stan Lapinski, Maartje Seyferth; Produzenten: Victor Nieuwenhuijs, Maartje Seyferth; Kamera: Victor Nieuwenhuijs; Musik: Willem Cramer; Schnitt: Vima Kara, Tarek;

Länge: 85 Minuten; FSK: ab 18 Jahren; deutscher Kinostart: 27. Januar 2011



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Zitat

"Eva Marie Saint wusste genau, was sie wollte. Sie ging den Männern in ihrer klassischen Schönheit unter die Haut, weil sie ankündigte, was geschehen würde. Das waren sie nicht gewöhnt. Eva Marie Saint bestimmte mit Ironie und Selbstironie und in lasziver Kommandolaune das Geschehen."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2014 über die Schauspielerin Eva Marie Saint (4. Juli 1924 - 6. Oktober 2026)

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