22.04.2018

Fassbinders vielleicht zynischster Film

Martha

Regisseur Rainer Werner Fassbinder hat die #MeToo-Debatte der Jahre 2017 und 2018 nicht mehr erlebt; er starb 1982. Und doch ist sein Fernsehfilm aus dem Jahr 1974 eine Bestandsaufnahme des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, wie sie 2018 aktueller nicht sein könnte. Fassbinder wirft einen zynischen Blick auf die Ehe, die vorschnell geschlossen wird, ja auf die Ehe schlechthin. Eine Frau, Martha (Margit Carstensen) lernt einen Mann, Helmut (Karlheinz Böhm) kennen. Sie heiraten. Marthas Mutter ist gegen die Ehe, ohne Gründe zu nennen. Sie wird recht behalten.
Ist der Film anfangs sehr statisch (typisch für Fassbinder, die Schauspieler starr stehen zu lassen), entwickelt er sich in seinem Sarkasmus hervorragend: Der Mann schlägt die Frau nie, brutal ist er psychisch, körperlich auch, aber nur, wenn er Umarmungen will und Knutschflecke erzeugt. Die Frau kann dem nichts entgegensetzen.

Sie sehen sich erstmals in Rom. Aber Martha und Helmut sprechen da noch nicht miteinander. Diese Szene gehört zu den berühmtesten und immer wieder gezeigten der deutschen Filmgeschichte: Kameramann Michael Ballhaus umkreist die beiden mit der Kamera und die beiden untereinander auch, bis sie wieder auseinandergehen. In der deutschen Heimat (gedreht wurde am Bodensee, vor allem in Konstanz) treffen sie wieder aufeinander, Martha ist mit ihrer strengen Mutter (Gisela Fackeldey) zu Verwandten Helmuts eingeladen, er kommt hinzu. Für die Frau, die sich als 31-jährig bezeichnet, steht bald fest: Er wird ihr Mann. So kommt es. Nicht zu Marthas Gunsten.

Denn Helmut hat seltsame Ansprüche. Er sagt es nie und sagt nie warum er es macht, aber er quält sie. Sonnenschutz im Strandurlaub verweigert er ihr, zwingt sie mit verbranntem Körper zum Sex, nachdem er mit den Fingernägeln über ihre Haut fuhr. Hat er ihr mal sein Leibgericht genannt, stellt sich das bald als absichtlich gelogen heraus: "Du weißt doch, dass ich von Innereien Ausschlag bekomme." Dann wird brutal geknutscht – bis er die Umarmungen irgendwann ablehnt, sie alleine lässt. Da hat er ihre Stelle als Bibliothekarin bereits ohne ihr Wissen gekündigt. Eine Katze, die Martha aufnimmt, ist bald tot, das Telefon entfernt. Dann wünscht er: Sie soll das Haus nicht mehr verlassen, wenn er fort ist.

Unterstützung bekommt die erst durch Helmut entjungferte und auch sonst unerfahrene Martha nur durch die Zufallsbekanntschaft Kaiser (Peter Chatel). "Ihr Mann ist ein Sadist!", sagt er im Restaurant laut, woraufhin Martha noch lauter protestiert, um Helmut zu verteidigen. Die Frau gerät immer mehr in einen Wahn, durch den sie einen folgenschweren Fehler begeht, der tödlich ist – nicht für sie, aber sie nimmt die Schuld auf sich, was bedeutet, dass sie gar nicht mehr entkommen kann.

Sadismus und Masochismus, sie ergänzen sich wie Yin und Yang in Fassbinders vielleicht zynischstem Film ausgerechnet in den 1970er-Jahren, in denen die Frauen sich emanzipierten. Der Filmemacher ergänzt die Emanzipationsbewegung mit der Kritik an den bisherigen Verhältnissen, dazu passt, dass er im selben Jahr "Fontane Effi Briest" drehte: Theodor Fontanes Roman handelt von unglücklicher Ehe und glücklicher, aber tödlicher Affäre. Fassbinders Verfilmung trägt den sperrigen, für sich sprechenden Untertitel "Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen".

Wie Yin und Yang ergänzen auch diese beiden Fassbinder-Filme sich in ihrer Beobachtung der angeblich vorhandenen Liebe. Für "Martha" wählte der, obwohl homosexuell, zweimal mit Frauen verheiratete Fassbinder hervorragende Darsteller, insbesondere Karlheinz Böhm ist wegen seiner Vorgeschichte interessant gewählt: Nach den lieblichen "Sissi"-Filmen, Filmen zum Thema glückliche Liebe in Kitsch-Reinform, drehte Böhm 1960 unter der Regie von Michael Powell "Peeping Tom – Augen der Angst". Seine Rolle: ein sadistischer Frauenmörder. Fassbinder spielt auf Böhms Film an, wenn er ihn für "Martha" besetzt. Eine sehr gute Wahl.

Der eigentlich für das Fernsehen gedrehte Film fand 1997 doch noch den Weg ins Kino, nachdem er sogar lange verboten war: Autor Cornell Woolrich setzte die Aufführungssperre durch, weil er in der Handlung Motive seiner Kurzgeschichte "For the Rest of Her Life" wiedererkannt hatte. Man einigte sich auf die Nennung Woolrichs im Vorspann.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Martha


BRD 1974
Regie: Rainer Werner Fassbinder;
Darsteller: Margit Carstensen (Martha Salomon geborene Heyer), Karlheinz Böhm (Helmut Salomon), Barbara Valentin (Marianne), Peter Chatel (Kaiser), Gisela Fackeldey (Mutter Heyer), Adrian Hoven (Vater Heyer), Ortrud Beginnen (Erna), Wolfgang Schenck (Meister), Günter Lamprecht (Dr. Herbert Salomon), El Hedi ben Salem (Hotelgast), Rudolf Lenz (Porter), Kurt Raab (Sekretär in Deutscher Botschaft in Rom), Ingrid Caven (Ilse), Peter Berling (Taxifahrer), Herbert Steinmetz (Dr. Hauff), Lilo Pempeit u.a.;
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder nach der Kurzgeschichte "For the Rest of Her Life" von Cornell Woolrich; Produktion: Peter Märthesheimer; Kamera: Michael Ballhaus; Schnitt: Liesgret Schmitt-Klink;

Länge: 116 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; westdeutsche TV-Erstausstrahlung: 28. Mai 1974



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Zitat

"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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