25.05.2000
One is the loneliest number

Magnolia


"Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns." Um den Inhalt dieser Worte kreisen die Episoden in Magnolia. Es mutet an, dass die Menschen am Vorabend ihrer letzten Chance oder des Todes stehen. Gefühle der Schuld und der Scham, das Bitten, die Reue möge nicht zu spät kommen, das verzweifelte Ringen um Vergebung und damit die Hoffnung auf Erlösung und Neuanfang bestimmen den Gang, den die Charaktere in Magnolia antreten.

Magnolia: Linda Partridge (Julianne Moore)Das örtliche Zentrum des Films ist das San Fernando Valley, in dem der titelgebende Boulevard liegt. Der Knoten, in dem die Erzählfäden zusammenlaufen, ist die Fernseh-Quizshow "What Do Kids Know?" Jimmy Gator präsentierte sie Jahrzehnte. Und er steht immer noch vor seinen Zuschauern und Kandidaten, benutzt in seiner Sendung die gleichen Wortfloskeln und Scherze, die er schon immer vorgetragen hat. Nur ist er alt geworden, und in ihm wuchert der Krebs. In zwei Monaten wird er tot sein, und Jimmy Gator hat noch einige Dinge zu erledigen. Seine drogenabhängige Tochter will nichts mehr von ihm wissen. Der Graben zwischen den beiden scheint unüberwindbar geworden. Da ist außerdem seine ihm Kraft spendende Frau, die er fortwährend betrogen hat. "One is the loneliest number much, much worse than two", heißt es in einem Song von Aimee Mann, während die ersten Bilder laufen. Jimmy Gator will nicht gehen, bevor er sein Leben ins Reine gebracht hat.

Der Produzent der Show, Earl Patridge, liegt im Sterben, das Morphium beraubt ihn zusehends klarer Gedanken. Seinen verlorenen Sohn möchte er noch einmal sehen. Der ist auch im Showgeschäft tätig und vermittelt als Verführer und Zerstörer sexuell frustrierten Männern neues Selbstbewusstsein bei der Jagd auf den Pelz. Partridges Frau wird von ihrer Lebenslüge zerfressen: Ihren Mann hatte sie nur des Geldes wegen geheiratet. Doch nun hat sie ihre Liebe zu ihm entdeckt und möchte sterben vor Scham über ihre einstige Kälte.

Alle diese Personen wollen eine vielleicht letzte Möglichkeit ergreifen, und damit sind sie nicht die einzigen in Paul Thomas Andersons drittem Film nach Last Exit Reno (Hard Eight, 1996) und Boogie Nights (Boogie Nights, 1998). Weitere Geschichten werden sich zu noch mehr Kreisen schließen, und die Art und Weise, wie der Gang der Protagonisten miteinander verknüpft wird, kann man getrost als genial bezeichnen.

Magnolia: Der Showmaster tritt ab Ein kunstvoll geflochtener Episodenfilm, der die Leben mehrerer Personen zusammenführt, scheint zwangsläufig die Bilder in Robert Altmans Meisterwerk Short Cuts (Short Cuts, 1993) hervorzurufen. Auch in Magnolia wachsen lautlos, aber zwingend Verbindungen zwischen den zuerst parallel verlaufenden Schicksalen der Charaktere heran. Nie besteht ein Zweifel daran, dass Anderson den Faden in dem Gewirr von Personen und Beziehungen fest in den Händen hält. Die Episoden gleiten ineinander und bilden eine Einheit. Anteil hat daran oft die Musik von Aimee Mann, die Bilder und Gefühle der verschiedenen Episoden zusammenführt. Die Geschwindigkeit, mit der zwischen Szenen und Erzählsträngen geschaltet wird, ist rasant, ohne dass jedoch dabei Dinge ausgelassen werden oder nicht doch im entscheidenden Moment Ruhe ins Bild tritt. Man hat den Eindruck, immer im richtigen Moment dabei zu sein. Es ist merkbar, wie liebevoll und würdeerbietend die Kamera ihre Darsteller behandelt. Immer wieder fährt das Auge heran, erhascht sich auf den Gesichtern widerspiegelnde Gefühle, um im nächsten Moment zurückzufahren und sich etwa an dem Glück alltäglicher Freude und Hoffnung zu weiden oder aber traurige Einsamkeit zu ertragen.

Das durchgehend überzeugend besetzte Schauspielerensemble hat maßgeblichen Anteil am künstlerischen Erfolg dieses Films. Den Dialogen kann man leider allzu oft eine pathetische Färbung nicht absprechen. Sie entrückt die Personen und lässt sie manchmal zu unwirklich erscheinen.

Altmans Short Cuts blenden schließlich mit einem diffusen Gefühl von Vergänglichkeit und trotziger Lebensfreude aus. Am Ende von Magnolia führt die Menschen ein Ereignis biblischen Ausmaßes im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Und spätestens in diesem Moment, der die Tragik des Lebens zu bannen scheint und Erlösung versprechen kann, entflieht der Film in aufrüttelnde, aber auch überheblich hoffnungsfrohe Bilder. Dies macht ihn nicht plötzlich zu leichter Kost, aber vielleicht etwas zu einfach.  

Philipp Wallutat / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: offizielle Film-Homepage

 
Filmdaten 
 
Magnolia (Magnolia)  
 
USA 1999
Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson;
Darsteller: Jason Robards (Earl Partridge), Julianne Moore (Linda Partridge), Philip Seymour Hoffman (Phil Parma), Tom Cruise (Frank T. J. Mackey), Philip Baker Hall (Jimmy Gator), Melinda Dillon (Rose Gator), Melora Walters (Claudia Wilson Gator), John C. Reilly (Jim Kurring), Luis Guzmán (Luis Guzmán), Jeremy Blackman (Stanley Spector), Michael Bowen (Rick Spector), William H. Macy (Donnie Smith), Alfred Molina (Solomon Solomon), Henry Gibson, Michael Murphy, William Mapother u.a.;
Kamera: Robert Elswit; Musik: Aimee Mann (Songs), Fiona Apple, Jon Brian; Schnitt: Dylan Tichenor;

Länge: 189 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; Film-Homepage: www.magnoliamovie.com



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der Trailer zum Film
<25.05.2000>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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