06.10.2014
Geschlechterkampf an der Croisette

Männer zeigen Filme
& Frauen ihre Brüste


Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste Der Filmtitel ist eine Provokation. Die Regisseurin von "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" hat sich bei ihm etwas gedacht. Dennoch gibt der Titel nicht den Filminhalt adäquat wieder. Geplant hatte Nachwuchsregisseurin Isabell Suba zweifellos eine mutige Abrechnung mit der Filmbranche, weil, wie sie zu Recht findet, zu wenige Frauen in der Branche Bedeutung erlangen können. Das Ergebnis ist ein Film, der zwar das Mekka des Kinos, das Filmfestival in Cannes, genauer betrachtet, aber vor allem Geschlechterforschung betreibt: Eine Regisseurin und ihr Produzent kabbeln sich zur Freude des Kinopublikums vor dem Hintergrund des Festivals von Anfang bis Ende des Films um Kopf und Kragen.

Das hatte das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken noch nicht erlebt: Die allererste Präsentation eines Wettbewerbsfilms im Jahrgang 2014 um 11 Uhr morgens war fast ausverkauft, kaum noch ein Platz blieb frei. Die anderen Jahrgänge leiden um diese Zeit, Dienstagsmorgens, stets eher unter Besuchermangel. Was war los? Gezeigt wurde Isabell Subas Film "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste". Der Filmtitel zog.

Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste Bei dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2014 waren im Hauptwettbewerb sechs Regisseurinnen vertreten, bei 16 Filmen. Die vergleichsweise hohe Zahl dürfte einer der Regisseurinnen, Isabell Suba, besonders gefallen haben. Bei den 65. Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2012 sah das anders aus: Keine einzige Regisseurin war im Hauptwettbewerb von Cannes vertreten. Das empörte Suba. Die deutsche Regisseurin durfte damals in Cannes ihren Kurzfilm "Chica XX Mujer" vorführen. Isabell Suba hatte sich dafür etwas ausgedacht, woraus sie ihr Langfilmdebüt "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" machte. Den Film drehte Suba während Cannes 2012 mit Schauspielerin Anne Haug als Isabell Suba und ihrem Produzenten Matthias Weidenhöfer als David, den Produzenten der falschen Suba. Die echte Suba akkreditierte sich unter anderem Namen als Filmstudentin. Und filmte die falsche Suba und David in ihrem Geschlechterkampf vor den Kulissen des Cannes-Festivals. Auch auf der Bühne bei der Kurzfilmvorführung in Cannes trat Anne Haug als Isabell Suba auf, was in "Männer zeigen Filme..." kurz vorkommt.

In dem Film geht es, wodurch sein Titel infrage gestellt wird, weniger um Subas Empörung über die mangelnde Präsenz von Regisseurinnen in Cannes, als vielmehr um die Auseinandersetzung zweier egozentrischer Streithähne. Die beiden kriegen sich während des Festivals ständig in die Haare, weil Produzent David, ein Chauvinist, unfähig ist, etwas zu organisieren, dafür selbstbewusst genug, sich gegenüber Suba zu verteidigen. Suba ihrerseits ist nicht in der Lage, bei Davids Fehlern ruhig zu bleiben. Der Fight beider gegeneinander trotz Abhängigkeit voneinander ist herrlich gefilmt. Selten gelingt es der Film-Suba und David, sich am Riemen zu reißen. Dabei gilt es, vor Ort das nächste Filmprojekt zu "pitchen", das heißt, das Vorhaben möglichen Finanziers vorzustellen. Auf einer Yacht – typisch Cannes – treffen die beiden eine ARTE-Redakteurin, Barbara Häbe. Eine echte Redakteurin, die sich selbst spielt. Zweifelsohne wusste die Dame, dass die echte Suba die Kamera mitlaufen lässt, während die falsche Suba und David gegenüber Häbe um ihren nächsten Film kämpfen. Realität und Fiktion gehen nicht nur in dieser bemerkenswerten Szene ineinander über. Der Film "Männer zeigen Filme..." ist eine sogenannte "Mockumentary", eine fiktive Dokumentation, aber in realer Szenerie.

Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste Kann man dem Film das verzeihen, dass er nicht ist, was er sein wollte, was er sogar hätte sein müssen? Eine Abrechnung mit der Frauenunterdrückung in der Filmwelt nämlich, wie schon der Titel mehr als nur suggeriert. Man kann. Die Kamera, wenn sie mal nicht die Film-Suba und David zeigt, interessiert sich für den Trubel des Filmfestivals in Cannes. Agnès Varda, die Grande Dame des französischen Films, ist dann einmal zu sehen. Absichtlich, keine Frage, die echte Isabell Suba ehrt die zum damaligen Zeitpunkt, 2012, fast 84-jährige Kollegin, die in ihrer Karriere nicht mehr wie Suba am Anfang steht. Gerne wäre Suba wie Varda. Weitere Personen zeigt die Kamera, die in Cannes nach dem Prinzip "sehen und gesehen werden" erscheinen, Personen, die sich vom Rummel hinreißen lassen. Die Kamera folgt dem Rummel, den das Festival verbreitet. Und findet immer wieder zu den beiden Hauptprotagonisten zurück, die in ihrem Cannes-Novizentum nicht zurande kommen.

Der Film ist als Gender study großartig. Als Aufruf, in der Filmbranche die Frauen auch mal ans Ruder zu lassen, fungiert lediglich der Filmtitel. Aber wegen der unterhaltsamen Machart des Films stört dies den Zuschauer letzten Endes nicht.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Missingfilms

 
Filmdaten 
 
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste  
 
Deutschland, Frankreich 2013
Regie: Isabell Suba;
Darsteller: Anne Haug (Isabell Suba), Matthias Weidenhöfer (David), Eva Bay, Elmira Rafizadeh, Julia Glasewald, Molly Ullery, Barbara Häbe u.a.;
Drehbuch: Lisa Glock, Isabell Suba; Produzenten: Isabell Suba, Matthias Weidenhöfer; Kamera: Johannes Louis; Musik: Hector Marroquin; Schnitt: Clemens Walter;

Länge: 77,08 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Missingfilms; deutscher Kinostart: 14. August 2014



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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