14.09.2015

Mademoiselle Hanna
und die Kunst, Nein zu sagen


"Je suis à vous tout de suite" heißt das Langfilmdebüt der französischen Regisseurin Baya Kasmi im Original. Der willkürliche deutsche Verleihtitel macht dabei ausnahmsweise mal mehr Sinn als der echte. Zu der wirren Beziehungsklamotte sagt man als Zuschauer besser Nein. Eine Kunst ist das angesichts der unzusammenhängenden Story wahrhaftig nicht. Genauso wenig wie die oberflächliche Abhandlung einer ganzen Reihe brisanter Themen durch Kasmi und Co-Drehbuchautor Michel Leclerc.

Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen Den beiden bescheinigt das Pressematerial "Talent für die komödiantische Umsetzung gesellschaftlich relevanter Stoffe". Beim Talent wagt man zu zweifeln, aber relevante Stoffe hält der irritierend zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springende Plot in der Tat bereit: Kindesmissbrauch, Familienfehde, religiöse Konflikte, Organspende ohne Einwilligung des Empfängers, Prostitution, dazu ein bisschen Drogendealerei und Körperverletzung... waren da noch mehr? Nach 100 Minuten weiß man es kaum, denn die notdürftig verknüpften Ereignisse lassen kein spießbürgerliches Tabuthema aus - und kein Klischee. Die plakativen Trivialisierungen und Vorurteile machen das ohnehin schon platte Werk beinahe abstoßend. Kasmi und Leclerc ziehen Motive ins Alberne, die nicht mal eben zum Lachen sind. Den Anfang macht die sexuelle Verfügbarkeit der Hauptprotagonistin Hanna (Vimala Pons). Die 30-Jährige mit französischer Mutter (Agnès Jaoui) und algerischem Vater (Ramzy Bedia) leidet nach eigener Aussage an einer "Freundlichkeits-Neurose". Kasmis Hauptfigur fühlt sich für alles Ungemach um sie herum verantwortlich und will es unbedingt wieder gut machen. Das führt wie in einer schmierigen Altherrenphantasie dazu, dass die junge Frau mit jedem dahergelaufenen Kerl Sex hat und sich dabei in einem fort entschuldigt. Dafür, dass ihr Charakter abstrus gezeichnet ist?

Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen Darin ist Hanna nicht schlimmer als die übrigen Figuren. Ihr Bruder Hakim (Mehdi Djaadi) beschimpft sie in einem fort und hat den traditionellen französischen Namen abgelegt, obwohl den Hanna ausgesucht hat. Mama lag direkt daneben in den Wehen, denn so geht das angeblich zu bei den liberalen Franzosen. Alles andere als liberal sind hingegen Hakim und die Filmautoren eingestellt, wenn es um Kleidung und sexuelle Selbstbestimmung geht. Hanna trägt gern T-Shirts, sommerliche Kleider und hohe Schuhe. In den Augen ihres Bruders ist sie deshalb eine Schlampe, in denen ihres potentiellen Partners, des Arztes Paul (Laurent Capelluto), eine Hure und in denen der Regisseurin ein Mittelding aus beidem. Schuld an Hannas Verhalten sind die übermäßige Hilfsbereitschaft ihres Vaters und sexueller Missbrauch in der Kindheit. Schuld am sexuellen Missbrauch wiederum sieht die Handlung bei Hanna. Der Filmtitel verrät was sie damals hätte tun sollen: einfach Nein sagen! So erklärt es ihr Paul, der sie aus lauter tolerantem Übereifer seiner Familie irrtümlich als Hure vorstellt. Hakim, der scheinbar bloß Muslim geworden ist, um mit den coolen Jungs aus dem Vorstadt-Viertel abzuhängen, braucht unterdessen dringend eine neue Niere. Seine Schwester wäre die ideale Spenderin. Aber der Plot hat da noch eine Frage: Ist ein Organ einer sexuell aktiven Frau halal?

Das unpassenderweise als Komödie vermarktete Werk hält für dieses und andere Probleme keine Antwort parat, sondern stiehlt sich mit überkonstruierten Wendungen aus dem Plot. Zu all dem bleibt nur eines zu sagen: Nein. Mit einem Ausrufezeichen dahinter und einem Oh davor.  

Lida Bach / Wertung:  0 von 5 Punkten 
 

Quelle der Fotos: X-Verleih

 
Filmdaten 
 
Mademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagen (Je suis à vous tout de suite) 
 
Frankreich 2015
Regie: Baya Kasmi;
Darsteller: Vimala Pons (Hanna Belkacem), Mehdi Djaadi (Dieudonné Belkacem alias Hakim), Agnès Jaoui (Simone Belkacem), Ramzy Bedia (M. Belkacem), Laurent Capelluto (Dr. Paul Martins), Claudia Tagbo (Ebène), Camélia Jordana (Kenza), Anémone (Oma), Zinedine Soualem (Omar) u.a.;
Drehbuch: Baya Kasmi, Michel Leclerc; Produzenten: Caroline Adrian, Antoine Gandaubert, Fabrice Goldstein, Antoine Rein; Kamera: Guillaume Deffontaines;

Länge: 99,39 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 14. Januar 2016



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<14.09.2015>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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