28.10.2015
Der umgepolte Frauenversteher

Macho Man (2015)


Macho Man (2015) Moritz Netenjakobs 2009 erschienener Erstling war ein Bestseller und dies nicht grundlos: Der Autor legte den Roman als lustigen, herrlich chaotischen Clash der Kulturen an. Ein Kölner Softie in den 30ern verliebt sich im Buch in eine Deutschtürkin, und sie verliebt sich in ihn. Schnell ist klar, warum: Aylin schätzt an Daniel, dass er eben kein Macho ist. Denn um sie herum besteht die Männerwelt nur aus draufgängerischen Typen. Doch das wird auch zu Daniels Problem: Er versucht erfolgreich, genauso cool zu werden, um an Ansehen zu gewinnen. Zum Ärger Aylins.
Es sprach alles für eine schnelle Verfilmung von "Macho Man". Es sprach auch viel für eine gute Umsetzung. Aber: Obwohl Netenjakob selbst das Drehbuch geschrieben hat und obwohl die Schauspieler richtig ausgewählt sind, ist das Leinwandergebnis misslungen.

Als Moritz Netenjakob das Buch schrieb, dürfte er bereits eine Verfilmung im Kopf gehabt haben. Sicher hatte er für die weibliche Hauptfigur die hübsche deutschtürkische Darstellerin Aylin Tezel vor Augen – und nannte die Figur Aylin. Tezel ist bekannt aus "Almanya – Willkommen in Deutschland" (2011) und "Am Himmel der Tag" (2012). Christian Ulmen darf als Aylins Geliebter Daniel Hagenberger erneut das, was er schon in "Männerherzen" (2009) und "Maria, ihm schmeckt’s nicht" (ebenfalls 2009) gezeigt hat: den freundlichen Frauenversteher spielen. Vielleicht ist dies etwas des Guten zu viel, vielleicht hat er die Rolle etwas zu häufig verkörpert – das Abonnement jedenfalls hat er jetzt.

Macho Man (2015) Am Anfang des Films kommt Daniel mit Frauen nicht klar. Sie halten ihn wegen seiner Freundlichkeit für einen Weichling. Doch während eines Urlaubs in der Türkei geschieht es: Die hübsche Deutschtürkin Aylin will ihn, ihn und keinen anderen. Aylin stellt Daniel ihrer Großfamilie vor. Damit gerät Daniel jedoch in eine Welt von Machos und eckt mit seinem wenig selbstbewussten Auftreten an. Mit einem Crashkurs in Coolness könnte Daniel dort bestehen. Dafür bietet sich Aylins Bruder Cem (Dar Salim) an. Cem macht aus dem "Weichei" Daniel nach seinem eigenen Vorbild einen Draufgänger. Daniel ahnt nicht, dass er zu weit geht, denn Aylin verabscheut Machos...

Was im Roman funktionierte, eben der Culture Clash, verkommt im Film zu puren Klischees. Es liegt nicht an den Darstellern: Besser hätte der Cast nicht besetzt sein können bis hin zu Nebenakteuren wie Vedat Erincin als Aylins Vater und Dar Salim als ihr Bruder. Dieser hat einen besonders feinen Auftritt als das pure Gegenteil von Daniel. Dass nicht viel zusammenläuft, liegt am fehlenden Timing des Regisseurs Christof Wahl. Um ein Beispiel zu nennen: Daniels Damaskus-Erlebnis, das ihn seinen Fehler kurz vor Ende des Films erkennen lässt, ist fade inszeniert. Netenjakob schaffte es schon allein in dieser Romanepisode, Emotionen zu erzeugen. Im Film in dieser Szene: Fehlanzeige für eine Vermittlung von Gefühlen. Es ist seltsam: Der Autor der Vorlage schrieb selbst das Drehbuch, aber er experimentierte nicht wie im Roman, er plante stattdessen einen Film nach Schema F. Regisseur Wahl, der mit "Macho Man" sein Regiedebüt feiert und zuvor Kameramann u.a. für Filme Til Schweigers war, setzt dem einen drauf und hat das Gespür für die Handlung nicht. Vorhersehbar läuft diese ab.

Macho Man (2015) Daniel trägt ab dem Zeitpunkt der "Bekehrung" durch Cem Gel in den Haaren und Lederoutfit. Das Klischee des Bäumchen-wechsle-dichs könnte auf der Leinwand reizvoll sein. Wenn man aber als Zuschauer alles vorher ahnt, macht der Film nicht viel Sinn. Dabei ist das Sujet ja hochinteressant und gegenüber dem Roman weiter ausgebaut: Wie passt man sich an, wenn Teile der Gesellschaft dies erwarten, andere Teile nicht? Woody Allens "Zelig" (1983) lässt schön grüßen. Aber er winkt aus weiter Ferne, denn im Gegensatz zur kuriosen, experimentellen Komödie des New Yorker Filmgenies hat Christof Wahls nahezu langweilige, auf jeden Fall ohne Biss lieblos heruntergedrehte Adaption keinen Hauch von Humor.

"Macho Man" wurde in Köln und Umgebung und in der Türkei gedreht. Lukas Podolski hat einen Gastauftritt; bemerkenswert, macht sich doch Netenjakob an einer Stelle des Romans über den Weltmeister lustig.

Ein Tipp: das Hörbuch, von Netenjakob selbst gelesen. Es sprudelt noch mehr als der Roman über vor Witz, da der Autor seine Stimme sehr gut einsetzen kann; zum Beispiel bei den Udo-Lindenberg-Nachahmungen – oder Daniels Schlümpfe-Song-Interpretation, um Aylin zurückzugewinnen.

Übrigens: Neben den vielen Einfällen des Romans fehlt im Film auch der Running Gag mit der angeblichen Hässlichkeit des Kölner Barbarossaplatzes...  

Michael Dlugosch / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universum Film

 
Filmdaten 
 
Macho Man (2015)  
 
Deutschland 2015
Regie& Kamera: Christof Wahl;
Darsteller: Christian Ulmen (Daniel Hagenberger), Aylin Tezel (Aylin), Axel Stein (Ulli), Samuel Finzi (Kleinmüller), Dar Salim (Cem), Nora Tschirner, Vedat Erincin u.a.;
Drehbuch: Moritz Netenjakob nach seinem eigenen gleichnamigen Roman (2009); Produktion: ConradFilm, Bavaria Pictures, Erfttal Film; Musik: Ingo Frenzel, Andrej Melita; Schnitt: Philipp Schmitt;

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Universum Film GmbH; deutscher Kinostart: 29. Oktober 2015



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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