03.02.2013
Blue Movie

Lovelace


Lovelace: Peter Sarsgaard, Amanda Seyfried "Sagen Sie mir also: Wer ist die wahre Linda Lovelace?", fragt Chloë Sevignys Stimme, in dem, was von ihrer Nebenrolle als Reporterin übrigblieb, zu Beginn von Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans Biopic über die bekannteste Pornodarstellerin aller Zeiten, der Akteurin, die das deep throat in "Deep Throat" brachte. Geboren wurde sie als Linda Boreman, die Pornoindustrie gab ihr den Namen, den die Filmemacher für ihr zwiespältiges Drama wählten: "Lovelace".

Der Titel präzisiert den dramatischen Schwerpunkt noch klarer als die der gewandelten Hauptfigur (Amanda Seyfried) Jahre später gestellte Ausgangsfrage nach der wahren Linda Lovelace: der Phantasie des Pseudonyms, nicht der wahren Linda Boreman. Ihr ganzes Leben sei sie auf ihre 17 Tage in der Pornoindustrie reduziert worden, klagt sie später in einem Interview. Genau diese tut auch der retrospektiv erzählte Plot über den Werdegang des von der rigiden Mutter (Sharon Stone) unterdrückten und ihrer Freundin (Juno Temple) wegen ihrer Verklemmtheit aufgezogenen Mädchens zur geprügelten und geläuterten Kultfigur der Sex-Industrie. Zweites ist die Linda, der man zuerst begegnet. Desillusioniert hockt sie in der Badewanne, als wolle sie sich reinwaschen von dem "Schmutz" und "Unrat". Als solchen verunglimpfte ein Richter 1973 ihren im Vorjahr erschienenen Karrierehöhepunkt, bevor er ihn als "obszön" verbot. Das Urteil über den erfolgreichsten Porno aller Zeiten hat über vier Jahrzehnte später offenbar weiterhin Gewicht, geht man nach der Prüderie und Zimperlichkeit von Epsteins und Friedmans Inszenierung.

Lovelace "Das ist Kunst!", schwärmt hingegen Adult-Movie-Auteur Jerry Damiano (Hank Azaria) noch vor Drehstart von "Deep Throat". Was auf der Leinwand Lacher kreieren soll, weil es so abgehoben klingt, ist es am damaligen Maßstab gemessen keineswegs. Der 62-minütige Film war einer der ersten Pornos mit eigenem Skript, Soundtrack und verhältnismäßig aufwendiger Produktion, der in Mainstream-Kinos lief und Hardcore kurzfristig salonfähig machte. Wenn es eine Szene gibt, in dem der schlierenartige Charakterquerschnitt tatsächlich berührt, ist es die einer häuserblocklangen Schlange vor einem Kino mit der Programmanzeige "Deep Throat". Dass die offen zur Schau gestellte Aufgeschlossenheit gegenüber expliziter Unterhaltung und dem eigenen Verlangen danach verschwunden ist, beweist "Lovelace" in jeder verschämten Kameraeinstellung aufs Neue. Sexuelle Akte, privat oder professionell, spielen sich Off-Screen oder verdeckt von Requisiten und Protagonisten ab. Was die Hauptfigur im berüchtigten Streifen eigentlich tut, bleibt unbenannt, wie ihre früheren Pornorollen.

"Gute Mädchen machen solche Sachen nicht", erklärt Linda dem manipulativen Chuck Traynor (Peter Sarsgaard), ihrem zukünftigen Ehemann, Manager und Zuhälter. In seine sie bald misshandelnden und Waffengewalt zur Prostitution vor und jenseits der Filmkamera zwingenden Hände treibt sie ein kindlich-naives Bedürfnis nach Zuneigung und Anerkennung, das ihr restriktives Elternhaus nicht bietet. "Du hast mich schön gemacht", sagt sie gerührt dem Fotografen beim Shooting für das Poster zu ihrem Kassenhit. Der erweist sich in der sittlichen Lektion, die der Heldin und dem Publikum von der spielfilmlangen Soap erteilt wird, vorhersehbar als der falsche Weg. Das große Geld machen die anderen, das schnelle Geld ist schnell wieder weg und Linda selbst sieht ohnehin nichts davon. Die mit knalligen Retro-Details prunkende Ästhetik und der Dokumentarhintergrund der Regisseure von "Gefangen in der Traumfabrik" ("The Celluloid Closet", 1995), die vor drei Jahren im Berlinale-Wettbewerb mit "Howl – Das Geheul" vertreten waren, suggerieren eine Authentizität, die Andy Bellins zweigleisiges Drehbuch nicht ansatzweise liefert.

"Es ist eine tolle Branche, nicht wahr?", meint ihr Co-Darsteller Harry Reems (Adam Brody), was das Publikum entsetzt verneinen soll. Wie hieß es doch gleich in einer ähnlich pseudologischen Story über Lovelace "als sie selbst"? Ende. Und Deep Throat euch allen.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Dale Robinette

 
Filmdaten 
 
Lovelace (Lovelace) 
 
USA 2013
Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman;
Darsteller: Amanda Seyfried (Linda Lovelace), Peter Sarsgaard (Chuck Traynor), Juno Temple (Patsy), Sharon Stone (Dorothy Boreman), Robert Patrick (John J. Boreman), Chris Noth (Anthony Romano), Adam Brody (Harry Reems), Hank Azaria (Jerry Damiano), Wes Bentley (Larry Marchiano ), James Franco (Hugh Hefner), Eric Roberts (Nat Laurendi), Chloë Sevigny (Rebecca), Bobby Cannavale (Butchie Peraino) u.a.;
Drehbuch: Andy Bellin; Produktion: Eclectic Pictures u.a.; Produzenten: Heidi Jo Markel, Laura Rister, Jason Weinberg, Jim Young; Kamera: Eric Alan Edwards; Musik: Stephen Trask; Schnitt: Robert Dalva, Matthew Landon;

Länge: 93 Minuten; deutscher Kinostart: vsl. 2013
ein Film auf der Berlinale 2013 in der Sektion Panorama



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
der Film im Katalog der Berlinale
<03.02.2013>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe