19.10.2012
Der Mann der Friseuse

Love Is All You Need


Love Is All You Need: Pierce Brosnan, Trine Dyrholm "Liebe kann man nie genug bekommen und nie genug geben", postuliert Benedikte (Paprika Steen) auf der Hochzeit von Patrick (Sebastian Jessen) und seiner jungen Braut Astrid (Molly Blixt Egelind). Die Plattitüde zielt dabei weniger auf ihren angeheirateten Neffen Patrick als dessen Vater Philip (Pierce Brosnan). Der zugeknöpfte Unternehmensleiter leidet noch nach Jahren unter dem Tod seiner Frau, an deren Platz Benedikte gern von dem an der Seite seines Bruders aufrücken würde. Doch in Susanne Biers lauer Kinoromanze "Love Is All You Need" gibt es einiges zu hadern mit dem im Titel als menschliches Grundbedürfnis umschriebenen Verlangen. Das richtet sich von Philips Seite zusehends auf Ida (Trine Dyrholm), die selbst nach einem Weg sucht aus dem Schatten des Todes.

Der legt sich über das Leben und die Ehe der alternden Dänin mit der Krebserkrankung, die sie nach einer Chemotherapie überwunden zu haben hofft. Physisch und partnerschaftlich hat die Krankheit gleichermaßen Spuren hinterlassen. Idas Haare sind weg und dazu ihr Ehemann Leif (Kim Bodnia). Zweites ist der geringere Verlust in Biers fünfter Zusammenarbeit mit Anders Thomas Jensen. Er und Bier spendieren der unbedarften Protagonistin im gemeinsam verfassten Drehbuch in Person von Philip umgehend eine schneidigere Alternative zum speckigen Gatten. Der geht mit seiner jüngeren Geliebten Tilde (Christiane Schaumburg-Müller) nicht nur auf das heimische Sofa, auf dem Ida beide ertappt, sondern bald darauf auf die Hochzeit von seiner und Idas Tochter. Die demolierte Ehe der Eltern entpuppt sich als böses Omen für Astrids Ehe, die bei einer opulenten Familienfeier im Beisein von Mama, Papa und dem Rest der Verwandtschaft besiegelt werden soll.

Love Is All You Need: Filmplakat "Zusammen mit einer Menge komischer Figuren haben wir Ida an den romantischsten Ort versetzt, den man sich vorstellen kann", schwärmt die Regisseurin über den Handlungsort Amalfi. Die dort gedrehten Katalogaufnahmen ähneln einem Werbeprospekt für Billigreisen in das sonnig-warme Setting. Dessen aggressiver Liebreiz spiegelt den gnadenlosen Optimismus des Beziehungsulks, den Bier nach eigener Aussage so schaffen wollte, dass sie selbst ihn gern ansehen würde: "Das bedeutet, dass er einen echten Inhalt haben muss." Gerade daran mangelt es dem Möchtegern-Drama, dessen konstruierte Entwicklungen und aufgeplusterten Konflikte zwischen Melodramatik und unfreiwilliger Albernheit schwanken. Biers Anmerkungen im Presseheft lassen das geringe Niveau ihres Werks nach Absicht klingen. "Wir hatten eine Menge Spaß bei den Dreharbeiten. Aber das Lachen ging nicht notwendigerweise immer Hand in Hand mit dem Stoff." Verständlich angesichts des drögen Schnulzen-Verschnitts, den Bier für eine mutige Errungenschaft hält: "Guter Geschmack ist beim Filmemachen ein großes Hindernis. Deshalb muss man mutig sein und es mit Klischees und Konventionen aufnehmen."

Love Is All You Need "Aufnehmen" meint hier wohl "hinnehmen", denn die bisweilen durchaus profilierte Filmautorin stutzt die altbekannten Stereotypen der Kinoromantik nicht zurecht, sondern hegt und pflegt sie. Das treibt dramaturgische Blüten, deren Duft statt erquicklich bestenfalls einschläfernd ist. Schlimmstenfalls ist er übelkeiterregend. Das gilt besonders für die abgedroschenen Phrasen, die das Drehbuch und dessen Protagonistin gleich tiefsinniger Lebensweisheiten vortragen: "So ist das mit Familien. Es gibt immer Verrückte." Wenn dem so ist, stehen sie nicht auf der Gästeliste der Hochzeit, auf der es zu den absehbaren Skandälchen und Geständnissen kommt. Patrick erweist sich in seiner Liebe zu Astrid als ähnlich unbeständig wie sein Vater gegenüber Ida. "Die kahle Frisörin" muss sich ihrerseits eingestehen, dass das zurückgewonnen geglaubte alte Leben dahin ist wie ihr Haar.

Der Originaltitel "Den skaldede frisør" greift diesen Widerspruch von Idas Beruf und ihrer krankheitsbedingten Glatze auf. Damit ist er der originellere und vor allem qualitativ passendere Name für einen Film, an dem man kein gutes Haar lassen kann.  

Lida Bach  / Wertung:  * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Prokino

 
Filmdaten 
 
Love Is All You Need (Den skaldede frisør) 
 
Dänemark / Schweden / Italien / Frankreich / Deutschland 2012
Regie: Susanne Bier;
Darsteller: Pierce Brosnan (Philip), Trine Dyrholm (Ida), Kim Bodnia (Leif), Paprika Steen (Benedikte), Sebastian Jessen (Patrick), Bodil Jørgensen (Vibe), Christiane Schaumburg-Müller (Thilde) u.a.;
Drehbuch: Anders Thomas Jensen nach der Story von Susanne Bier und Anders Thomas Jensen; Produktion: Sisse Graum Jørgensen, Vibeke Windeløv; Kamera: Morten Søborg; Musik: Johan Söderqvist; Schnitt: Pernille Bech Christensen, Morten Egholm;

Länge: 116,16 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Prokino Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 22. November 2012



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<19.10.2012>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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