30.11.2016
Die Herzlosigkeit drohender Armut

Love & Friendship


Love & Friendship Ende des 18. Jahrhunderts spielt diese Geschichte, in der es um die Unbarmherzigkeit einer von Geldgier getriebenen Frau geht, der alle Mittel recht sind, um die finanzielle Sicherheit eines prunkvollen Lebens zu ergattern. Die attraktive und männerverschleißende Witwe Lady Susan Vernon versucht ihre Tochter Frederica gewaltsam mit einem einfältigen Reichen zu verkuppeln, doch ihre Tochter will einfach nicht nach der Pfeife der Mutter tanzen. Untypisch für die sonstige Leichtigkeit in Jane Austens Romanen ist diese kaltherzige Erzählung, die einen bitteren Geschmack hinterlässt. Dennoch lässt eben diese Geschichte die Realität der Zeit erkennen, in der unverheiratete Mädchen mit aller Macht um die Freiheit ihrer Gefühle kämpfen mussten – einen Luxus, den sich manche – aus Angst vor Mittellosigkeit – einfach nicht leisten durfte.

Love & FriendshipAls Jane Austen den der Verfilmung zugrunde liegenden Briefroman "Lady Susan" schrieb, war sie selbst gerade mal Mitte Zwanzig. Die Mutter einer benachbarten Freundin war möglicherweise die Inspirationsquelle für "Lady Susan" – diese behandelte ihre Kinder schlecht, ließ sie hungern und züchtigte sie, so dass sie durch voreilige Eheschließungen versuchten, ihrem Leid zu entkommen. In abgemilderter Form, in eine höhere Gesellschaftsschicht verlagert, entstand die Geschichte der ehemals reichen Lady Susan, die nach dem Tod ihres Mannes mittellos bleibt. Die Härte dieser Erkenntnis treibt ihre Energien an, mit Lügen, Manipulation und Rücksichtslosigkeit, die jeder Menschlichkeit entbehren, um zu ihrem Ziel, der finanziellen Sicherheit und der Akzeptanz durch gezielte Heirat in der hohen Gesellschaft, zu kommen. Dabei will sie gleichzeitig nicht auf das eigene Vergnügen verzichten, erwartet es aber wie selbstverständlich von anderen.

So ist der ideale Ehemann in Lady Susans Augen erstmal reich genug, nicht zu alt, damit er lenkbar bleibt, nicht zu jung, damit sein Tod noch eine aussichtsreiche Chance bedeutet. Wenn er schon angesehen und eventuell dominant ist, dann soll er zumindest von Krankheiten geplagt sein ("Möge sein nächster Gichtanfall ein schwerer sein").

Die Familie des verstorbenen Ehemannes durchschaut die Listen der reizvollen und charmanten, noch sehr junggebliebenen Mittdreißigerin, und wenigstens auf indirekte Art und Weise siegt dann doch die Unschuld und Tugend. Aber als Zuschauer nimmt man ein flaues Magengefühl mit, das vor allem in der Adventszeit so gar nicht passen will.

Love & Friendship Differenziert und behutsam inszeniert von Whit Stillman, der sowohl Drehbuchautor, Regisseur und Produzent des Films ist, sehr treffend musikalisch untermalt mit neu komponierten barocken Klängen unter der Leitung von Mark Suozzo, und mit einem nicht nur talentierten und figürlich passenden, sondern auch bemerkenswert attraktivem Schauspielteam (Kate Beckinsale, Chloë Sevigny, Xavier Samuel, Morfydd Clark) ist der Film optisch und akustisch ein reiner Genuss. Die Farben sind kalt und ungeschönt, es ist schneeloser kalter Winter, die Sonne scheint so gut wie nie – was die Kälte des Miteinanders widerspiegelt.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: 2016 Blinder Films Chic Films Revolver Amsterdam Arte France Cinema

 
Filmdaten 
 
Love & Friendship (Love & Friendship) 
 
Irland/NIederlande/Frankreich 2016
Regie: Whit Stillman;
Darsteller: Kate Beckinsale (Lady Susan Vernon), Chloë Sevigny (Alicia Johnson), Xavier Samuel (Reginald DeCourcy), Morfydd Clark (Frederica Vernon), Tom Bennett (Sir James Martin), Jenn Murray (Lady Lucy Manwaring), Lochlann O'Mearain (Lord Manwaring), Sophie Radermacher (Miss Maria Manwaring), Stephen Fry (Mr. Johnson), Jordan Waller (Edward), Ross Mac Mahon (Owen) u.a.;
Drehbuch: Whit Stillman nach dem Roman "Lady Susan" von Jane Austen; Produzenten: Lauranne Bourrachot, Katie Holly, Whit Stillman; Kamera: Richard Van Oosterhout; Musik: Benjamin Esdraffo; Schnitt: Sophie Corra;

Länge: 93,20 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der KSM GmbH; deutscher Kinostart: 29. Dezember 2016



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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