20.03.2001

Lost Souls
- Verlorene Seelen

Filme um den Teufel, die Apokalypse und das Ende der Welt gab es in den vergangenen Jahren wie Sand am Meer. Positives liess sich aus dieser Ecke jedoch nicht gerade vermelden. Stellte ein "Rosemary´s Baby" den Segen der Familie in Frage, warf ein "Exorzist" sämtliche Sehgewohnheiten über Bord, und erfand ein "Omen" wenigstens noch die im Horrorfilm so beliebten "creative deaths", hatten die neueren Vertreter, man denke an "End of Days", "Stigmata", "Im Auftrag des Teufels" oder ähnliche, selten mehr als Langeweile zu bieten. Noch schlimmer: Hinter diesen Hochglanzprodukten versteckte sich eine erzkonservative Moral- und Weltvorstellung, dass man sich fragen musste, ob man mit den Erwartungen ans "Neue Milennium" nicht doch zu voreilig war. Mit "Lost Souls" buhlt nun ein neuer Kandidat um die Gunst der Zuschauer.

Maya, eine junge Frau, die einst exorziert werden musste, nimmt als Assistentin von Father Lareaux an Exorzismen teil. Ihr "Klient", ein ehemaliger Lehrer und Massenmörder, bewahrt in seiner Zelle mit Zahlen beschriftete Blätter auf, die Maya nach dem misslungenen Exorzismus an sich nimmt. Ihr gelingt die Dekodierung, die sie auf die Fährte von Peter Kelson bringt, einen Fachmann für Serienmörder, der schon mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst hat. So wie einst Gott menschliche Gestalt annahm, um auf die Erde zu kommen, so soll der Teufel Peter Kelson übernehmen. Wird es Maya gelingen, ihn zu überzeugen, können sie die Inkarnation des Teufels verhindern, ist das alles wahr, oder Einbildung Mayas? Das sind die Fragen, die sich im Verlauf des Filmes stellen.

Zugegeben: Diese Geschichte wird das Genre nicht erneuern, dennoch muss "Lost Souls" als mehr als nur gelungen bezeichnet werden. Janusz Kaminski, ehemaliger Spielberg-Kameramann ("Der Soldat James Ryan"), lässt sich viel Zeit für seine Figuren und die Entwicklung der Geschichte. Der Horror in "Lost Souls" funktioniert gerade deshalb: Mit Winona Ryder und Ben Chaplin stehen zwei Identifikationsfiguren zur Verfügung, die authentisch wirken, um die man sich sorgt und denen man auch gerne durch ruhigere Passagen folgt.

Überhaupt muss man Kaminski zu Gute halten, dass er seine Geschichte ernst nimmt und den Film nicht mit oberflächlichem Spektakel zukleistert. Kein grimassierender Luzifer, keine pseudo-anstößigen Sex-Szenen und keine Höllenfeuer. Vielmehr erhalten die Ereignisse in Kaminskis Film einen beiläufigen Anstrich: Was passieren muss, passiert.
Die Welt von "Lost Souls" ist dunkel: Braun- und Schwarztöne dominieren, stehen jedoch in hartem Kontrast zu den gleißenden Lichtstrahlen, die hier und da ins Bild fallen. Nur manchmal verliert Kaminski seine Vision aus den Augen und streut Szenen ein, die in ihrer Anbiederung an den Mainstream etwas unpassend wirken - diese Szenen sind jedoch zum Glück spärlich und können den positiven Eindruck nicht nachhaltig schmälern.

Aber auch inhaltlich begeht Kaminski eigene Wege: Erscheint ein Meisterwerk wie "Der Exorzist" noch in seiner Aussage fragwürdig - Alles wird gut, wenn man an Gott glaubt - lässt Kaminski zumindest zwei Interpretationen zu. Denn einen Beweis für die Wahrheit von Mayas Behauptungen erhält man nicht, es könnte sich auch um die Spinnereien einer religiösen Fanatikerin handeln. Aber selbst, wenn man annimmt, das in "Lost Souls" Gott und Teufel die Fäden ziehen, so unterscheidet sich Kaminski deutlich vom katholischen "Apokalypsenfilm": Denn die Aussicht, dass metaphysische Entitäten unsere Wege leiten, wird hier durchaus als bedrückend und bedrohlich gezeigt. Ist die Welt ohne "Gut" und "Böse" nicht doch besser dran?

Das Ende von "Lost Souls" kann man nicht genug loben. Ohne Happy-End, ohne aufgeblasenen Showdown, nimmt das Drama seinen Lauf und lässt den Zuschauer mit offenem Munde zurück, denn nihilistischer kann man einen solchen Film nicht beenden.

Somit bleibt mit "Lost Souls" ein Film, der aus der Masse vergleichbarer Vertreter meilenweit heraussticht und Hoffnung macht auf mehr von diesem vielversprechenden Regisseur. Dann werden ihm die wenigen Fehler, wie z.B. der überflüssige, nicht zum Rest des Films passende "Rosemary´s Baby"-Plottwist kurz vor Schluss, der die branchenübliche Verschwörungs-Paranoia bedient, sicherlich nicht mehr passieren.  

Oliver Nöding / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Lost Souls - Verlorene Seelen
(Lost Souls)

USA 1999
Regie: Janusz Kaminski; Drehbuch: Pierce Gardner; Produktion: Nina R. Sadowsky, Meg Ryan; Kamera: Mauro Fiore; Musik: Jan A.P. Kaczmarek;
Darsteller: Winona Ryder (Maya), Ben Chaplin (Peter Kelson), Philip Baker Hall (Father James), Elias Koteas (John Townsend), Sarah Wynter (Claire van Owen), John Hurt (Father Lareau), John Diehl (Henry Birdson) u.a.

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 18. Januar 2001



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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