28.01.1998

Prüdes Schwelgen in Hochglanzbildern


Lolita (1997)


Lolita unter dem Rasensprenger

Der amerikanische Filmverleih schreckte vor einem Wort zurück, das fern von Buch und Verfilmung in den Köpfen selbsternannter Moralisten längst zu einem Synonym für Kinderpornografie geworden zu sein scheint: Lolita. Nach Stanley Kubrick versuchte sich Adrian Lyne an der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Vladimir Nabokov. Über 35 Jahre seit Kubricks Verfilmung sind an Lolita vorübergegangen. Peinlichst genau musste Lyne darauf achten, den US Child Pornography Prevention Act einzuhalten, der - eher Flucht als Auseinandersetzung - Andeutungen einer erotischen Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern verbietet. So ist Lolita 1997 unwesentlich weniger prüder und verschlossen, was die Sexualität betrifft, als 1961, und wirkt ebenso harmlos.



Im Sommer des Jahres 1947 bezieht Humbert Humbert, Dozent für französische Literatur und Autor aus Europa, ein Zimmer im Hause der Witwe Haze in der Kleinstadt Ramsdale. Das, was ihn schließlich dazu bewogen hat, ist der Anblick des Geschöpfes, das sich, ein Comicheft lesend, in seinem dünnen Sommerkleid unter dem Rasensprenger räkelt: die Tochter des Hauses, Dolores, für ihn fortan Lolita. Um Dolores, in der er das Nymphenideal entdeckt, das er seit dem Verlust seiner Jugendliebe Annabel in vielen heranwachsenden Mädchen gesucht hat, nahe zu sein, ehelicht Humbert ihre Mutter. Die durchschaut ihn aber und will ihn verlassen, verunglückt kurz darauf jedoch. Humbert bricht auf, um die in einem Sommerlager weilende Lolita abholen.

Nachdem er in der folgenden Nacht den Reizen des Nymphchens erliegt, folgt eine rastlose Reise durch die Staaten. Ein vorläufiges Ende findet diese in Beardsley, wo Humbert eine Professur antritt und Lolita die örtliche Schule besucht. Humbert kann sich währenddessen nicht von dem Eindruck befreien, dass Lolita ein Doppelleben führt und es noch jemanden anderes gibt. Bevor es zur Erhärtung dieses Verdachtes kommt, beginnt auf Vorschlag Lolitas eine weitere Reise, auf der sie jedoch ein Unbekannter gleich einem Schatten begleitet. Als Lolita mit einem unbekannten "Onkel" verschwindet, beginnt für Humbert Humbert die Suche nach Lolita und die Jagd nach seinem Widersacher. Drei Jahre später erst erhält er ein Lebenszeichen von Lolita, die inzwischen mit einem jungen Handwerker verheiratet und schwanger ist. Sie offenbart ihm den Namen Clare Quiltys, der sie damals Humbert genommen hat. Schließlich rächt sich Humbert und tötet Quilty.

Auch dieser Filmadaption gelingt es nicht, die Charaktere des Romans in ihrer Vielschichtigkeit hinüberzuretten. Jeremy Irons spielt letztendlich den europäischen Gentleman, der in die Fänge der dämonischen Kindfrau gerät und dort hilflos wirkt, vermag aber nicht den Erpresser und Vergewaltiger eines kleinen Mädchens darzustellen. Kein Bild von dem Humbert Humbert, der sich in öffentlichen Parks herumtreibt, um Nymphen tollen zu sehen und auf eine zufällige Berührung von ihnen zu hoffen, oder sich in Freudenhäuser begibt, in der Hoffnung, besonders junge Mädchen zu finden, die seinen Traumnymphen nahekommen. Nur gelegentlich wird im Film zu erkennen gegeben, das Humberts Sehnsucht und Suche manischen Charakter hat. Wie schon Kubricks Verfilmung konzentriert sich der Film fast nur auf Humberts Beziehung zu seiner Stieftochter. Die ist jünger als die junge Frau bei Kubrick und älter als das Kind bei Nabokov. Dominique Swain schafft es aber nur, das verspielte, fordernde Mädchen zu zeigen, nicht die zerstörte Kinderseele.

Humbert Humbert und seine Nymphe Dolores Haze Der Versuch, die Sprache der Andeutungen und Metaphern des Romans zu übertragen, misslingt und mündet in Oberflächlichkeit und peinlicher Bananensymbolik. Nur ab und zu ist Lynes Film die rechtfertigende Lebensbeichte, die das Buch ist. Wieder, wie bei Kubrick, ist Träger von Schuld und Obsession ein anderer als Humbert, der mehr das verzweifelte Opfer einer Liebestragödie darstellt: sein Gegenspieler Clare Quilty, der in einem aufgesetzt blutigen Ende niedergeschossen wird. Lynes Adaption hat Momente, die sie näher an Nabokovs Roman rückt als die erste Verfilmung; etwa als Humbert erklärt, dass ein anderer Mann aus dem Foto von Schulmädchen die schönste heraussuchen würde, aber nur er, ein Künstler und Wahnsinniger, das Nymphenwesen erkennen könne. Doch verzichtet Lyne im Gegenzug auf die satirische Darstellung der Kleinbürgerwelt, was unter anderem dafür verantwortlich ist, dass die dichte Atmosphäre von Kubricks Werk nie erreicht wird. Die Figuren bleiben an der Oberfläche und haften an dem belanglos-routinierten Soundtrack von Ennio Morricone und den schönen, aber zu oft nichtssagenden Bildern.

 
Philipp Wallutat / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle der Fotos: Pathé Film: Lolita


Filmdaten

Lolita (1997)
(Lolita 1997)

USA / Frankreich 1997
Regie: Adrian Lyne;
Darsteller: Jeremy Irons (Humbert Humbert), Dominique Swain (Dolores Haze), Melanie Griffith (Charlotte Haze), Frank Langella (Clare Quilty) u.a.; Drehbuch: Stephen Schiff nach dem gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov; Produktion: Mario Kassar, Joel B. Michaels; Kamera: Howard Atherton; Kostüm: Judianna Makovsky; Musik: Ennio Morricone; Schnitt: Julie Monroe, David Bremner;

Länge: 137 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 1. Januar 1998

Auszeichnungen:

Young Artists Award, Los Angeles, 1999 (Dominique Swain als Beste Nachwuchsdarstellerin in einer Miniserie / einem Fernsehfilm).




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Link zu unserer Rezension zum Film
Lolita (1961)
von Barbara Weitzel  

Offizielle Seite zum Film
Lolita (1997)
<28.01.1998>  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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