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15.11.2000
Konformität und Naivität
Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne
Jess Franco, dem oft wegen seiner billigen und nach formalen Ansprüchen mutmaßlich schlechten Filme gescholtenen Filmemacher, gelang mit Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne ein bemerkenswerter Film. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Willkür der katholischen Kirche im Mittelalter leidet dennoch unter vielen offensichtlichen Mängeln bei Drehbuch und Darstellern.
"Dies ist die Geschichte eines Mädchens, das einen Brief an Gott schrieb, und Gott antwortete...", wird zu Beginn des Films aus dem ausgehenden Mittelalter erklärt. Weil sie der Dominikanerpater Vincent bei unkeuschem Treiben mit dem Nachbarsjungen ertappt hat, wird die junge Marie auf Wunsch des Geistlichen in ein portugiesisches Nonnenkloster geführt, damit sie den Händen des Satans entrissen werden kann. Dort versuchen die Nonnen unter Führung der Hochwürdigen Hohen Priesterin, Marie mit Gewalt und Erniedrigung zu einer gottesgläubigen Frau zu erziehen. Ihre Läuterung kann sie jedoch dort nicht erfahren, denn längst hat der Glaube an den Teufel in den Klostermauern Fuß gefasst. Schließlich wird Marie gezwungen, an einer Schwarzen Messe teilzunehmen. Als sie weiter aufbegehrt, wird sie der Inquisition überstellt. Dort glaubt sie angehört zu werden ob der ketzerischen Umtriebe in dem Kloster und eine gerechte Behandlung zu erfahren. Doch bald wird ihr klar, dass sie sich darin geirrt hat. Während sie im Kerker der Inquisition auf ihre Hinrichtung als Hexe wartet, fasst sie einen Entschluss, der ihr als letzte Möglichkeit einer Rettung erscheint: Sie schreibt einen Brief - an Gott.
Umso mehr setzt sich hingegen Hauptdarstellerin Susan Hemingway als Marie von diesen Eindrücken ab. Ihr gelingt es, Schmerz und Verzweiflung dieser gepeinigten Nonne darzustellen und den Zuschauer durch ihr Spiel mitzunehmen in den grausamen Kreislauf der Folter, den sie durchstehen muss. Unterstützt wird sie dabei von der Kameraführung, die sich nicht scheut, unbequeme Bilder in Details aufzunehmen. Sie erschüttern und bedrücken. Oft entfernt sich die Kamera darauf wieder und entreißt Marie so unserer Nähe. Dann ist sie weit weg, alleine und hilflos. So fühlt sich dann auch der Zuschauer ob der unsichtbaren Trennwand, die die Kamera durch ihre Distanz verbreitert hat. Jess Franco gelingt es über einige Strecken dieses Films, totalitäre Mechanismen - in diesem Fall der mittelalterlichen katholischen Kirche - transparent darzustellen. Marie wird die ihr zugeteilte Gestalt aufgezwungen. Die Konformität, die sich zuerst nur im Äußeren manifestiert, soll auch nach innen getrieben werden. Am Ende werden ihr Worte, die nur noch Hülsen sind, eingetrichtert. Wesen und Inhalt der Worte zählen nichts mehr, Wünsche und Gefühlsregungen sind fremdbestimmt. Mit dem gezielten Abtöten von Maries individuellem Selbst hält schließlich die Ergebung in Müdigkeit und die Gleichgültigkeit Einzug. Leider gibt es in diesem Film auch bemerkenswerte negative Aspekte. Nuditäten, die den Verdacht erwecken, nur zum oberflächlichen Lustgewinn installiert worden zu sein, wirken sich enttäuschend auf das Gesamtbild dieses Films aus. Die naive Erhöhung und verknappte Darstellung der weltlichen Gewalt, die dennoch eine gewichtige Rolle spielt, ist unverständlich. Auch mangelt es der Handlung oft an Logik und Stringenz, so dass beispielsweise das Verhalten der kirchlichen Institutionen und ihrer Repräsentanten häufig unerklärlichen und auch ahistorischen Widersprüchen aufgesessen ist. Diese oft relativ leicht vermeidbaren Fehler trüben einen möglichen positiven Gesamteindruck.
Philipp Wallutat
/ Wertung:
* *
(2 von 5)
Filmdaten Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne (Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne / Love Letters of a Portuguese Nun) Deutschland / Schweiz 1977 Regie: Jesús Franco Manera; Drehbuch: Erwin C. Dietrich nach dem Roman von Mariana Alcoforado; Produktion: Erwin C. Dietrich; Kamera: Peter Baumgartner; Musik: Walter Baumgartner; Darsteller: Susan Hemingway (Marie Rosalea), William Berger (Pater Vincent), Esther Studer (Äbtissin), Herbert Fux (Satan) u.a. Länge: 85 Minuten; FSK: nicht unter 18 Jahren
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