01.03.2011
Gefangene des Herzens

Liebe und andere Verbrechen


Liebe und andere Verbrechen: Anica Dobra als Anica Ein schmutziges Betonlabyrinth, worin Menschen wie Gefangene umher irren. Ein Mädchen singt ein trauriges Lied auf einem Hochhausdach und sehnt sich danach zu springen. In nüchternen Bildern vermittelt Stefan Arsenijevic die bittere Tristesse, in der "Liebe und andere Verbrechen" entstehen. Seine Figuren wollen nichts sehnlicher, als der Hochhaussiedlung in Neu-Belgrad entkommen. Die nicht mehr junge Anica (Anica Dobra) hat für sich einen Plan gefasst. Von dem, was sie forttreibt und dem, was sie zurückhält erzählt Stefan Arsenijevics dramatisches Filmmärchen über "Liebe und andere Verbrechen".

Zu spät hat Anica erkannt, dass es in Neu-Belgrad für sie keine Zukunft gibt. Als Geliebte des Ganoven Milutin (Fedja Stojanovic) hat sie ihre Jugend hinter sich gelassen. Dass ihr armseliger Beschützer todkrank ist, ahnt Anica nicht, dass er sie nicht mehr begehrt, weiß sie seit langem. Mit dem Geld aus Milutins Safe will sie ein neues Leben beginnen, überhaupt erst leben. Doch in der Steinwüste lässt sich die Vergangenheit von Krieg und Tod nicht abschütteln. Mit feiner Beobachtungsgabe enthüllt "Liebe und andere Verbrechen", wie ungleich die Bewohner ihrer Umgebung sind. Hinter deren äußerer Härte verbergen sich verwundete Seelen, abgestumpft von der perspektivlosen Existenz. Junge Menschen wie Stanislav (Vuk Kostic) übernehmen die kriminelle Existenz der vorherigen Generation Milutins. Der desillusionierte Ganove empfindet väterliche Gefühle für Stanislav, der sich um seine geistig abdriftenden Mutter und autistische Tochter (Hanna Schwamborn) kümmert. Arsenijevics bedrückendes Drama zeigt in den bestehenden und einstigen Paarbeziehungen, wie eine Zukunft für die jüngeren Protagonisten aussehen könnte.

Liebe und andere Verbrechen Das Drehbuch lässt eine hoffnungsvolle Note anklingen, die sich ins Märchenhafte versteigt. Zu wohlgesinnt sind die Protagonisten einander. Dem Kriminellen Milutin tun seine zahlungsunfähigen Schuldner leid, mehr noch sein erschlagener Hund. Wie ein Schutzengel wacht der über seine alternde Geliebte Anica und ermöglicht heimlich deren Flucht. Stanislav und Anica umsorgen Ivana. Der in ihren Erinnerungen verlorenen Mutter Stanislavs begegnen alle mit Verständnis. Es ist verführerisch, Sanftheit in der trostlosen Umgebung wachsen zu sehen, doch das serbische Drama lässt Zartheit zu Sentimentalität verkommen. Der authentische Erzählton mischt sich mit einer fantastischen Note, welche zum harschen Umfeld nicht passen will. Mit der Glaubwürdigkeit schwindet auch die Kraft zu berühren. Gelungen ist "Liebe und andere Verbrechen" in seiner ungeschönten Dokumentation der städtischen Tristesse, in der sich die Bewohner verzweifelt an die geringste Existenz klammern.

Liebe und andere Verbrechen Die trübsinnige, aber wahre Widerspiegelung des Alltags umzukehren, verzerrt das Beziehungsspiel zu einer unglaubwürdigen Erlösungsgeschichte. In einer letzten Handlungswendung scheint Arsenijevic den Film herumreißen zu wollen. Ausgerechnet hier jedoch hebt "Liebe und andere Verbrechen" endgültig vom Boden der Tatsachen ab. Traurig wie die Betonlandschaft ist es anzusehen, wie der feinfühlige Anfang zur fantastischen Mär absinkt. Die überzeugenden Darsteller können die Last des überlangen Drehbuchs mit dem Handlungsumschwung nicht mehr tragen. Eine wahre Tragödie würde den Charakteren gerechter, als ein verlogenes Happy End. Mit der Romantisierung betrügt Arsenijevic nicht nur seine Protagonisten, sondern sein Publikum.  

Lida Bach  / Wertung:  * * (2 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Liebe und andere Verbrechen (Ljubav i drugi zlocini) 
 
Serbien / Deutschland / Österreich / Slowenien 2008
Regie: Stefan Arsenijevic;
Darsteller: Anica Dobra (Anica), Vuk Kostic (Stanislav), Fedja Stojanovic (Milutin), Milena Dravic (Mutter), Hanna Schwamborn (Ivana), Ljubomir Bandovic (Nikola) u.a.;
Drehbuch: Stefan Arsenijevic, Srdjan Koljevic, Bojan Vuletic; Produktion: COIN FILM, Art & Popcorn, KGP, Studio Arkadena; Produzenten: Miroslav Mogorovich, Herbert Schwering; Co-Produzenten: Janez Kovic, Gabriele Kranzelbinder; Kamera: Simon Tansek; Musik: Oliver Welter;

Länge: 106 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von alpha medienkontor; deutscher Kinostart: 17. September 2009



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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