04.11.2008
Effizient unsozial?

Let's Make Money


Let's Make Money: Deutsche Bank Indien Chennai Das Gold Afrikas wird für Schweizer Banken mühevoll von braun-rotem Gestein getrennt und eilig in Hubschrauber verladen. Nur wenige Minuten später sieht man mit an, wie eine über den Boden gebeugte Afrikanerin Kieselsteine für ihren Unterhalt zusammenklaubt: Wertvolles Gestein für den Finanzsektor, der armselige Rest für das afrikanische Volk. Was ist die Ursache dieses Elends? Stehen wir tatsächlich unter dem Diktat der Globalisierung, die ihr hässliches Gesicht in den dunklen Charakteren der Finanzwelt zeigt? "Hier geht es nur um Wirtschaft" – sagt ein österreichischer Investor in Indien und fügt noch ohne mit der Wimper zu zucken hinzu, dass man sich nicht leisten könne "großzügig zu sein".

Für Regisseur Erwin Wagenhofer ist alles ziemlich klar. Er zeichnet ein schwarz-weißes Bild, das den Zuschauer ohne Zweifel lässt, wer eigentlich die Bösen sind. Liberalismus, Investoren und Globalisierung verkommen zu Schimpfworten. So einfach ist es leider nicht. Wer Globalisierung mit Raubtierkapitalismus ohne soziales Antlitz gleichsetzt, der verführt sein Publikum zu einem gefährlichen Scheuklappendenken. Wer die Globalisierung verteufelt, vergisst, dass der Prozess des Zusammenwachsens nicht erst mit den globalen Finanzmärkten begonnen hat. Wollen wir auf unseren Urlaub auf den Malediven verzichten? Auf den Anruf bei der amerikanischen Tante oder auf sündhaft teuere Macadamia-Nüsse? Globalisierung umfasst weit mehr als nur wilde Finanzströme auf der Suche nach Profit. Ebenso verhält es sich mit Investoren und Liberalismus. Begriffe, die Wagenhofer für seine Zwecke benutzt, ohne dabei auf eine differenzierte Darstellung zu achten. Ohne freie Märkte könnte sich der weltweite Handel kaum entfalten. Ohne einen Investor wäre der Bau einer großen Fabrik äußerst schwierig – in Afrika genauso wie in Deutschland.

Doch ganz unrecht hat Wagenhofer nicht, wenn er die großen Prediger des Liberalismus an den Pranger stellt. Sie sind nicht mehr als Heuchler, wenn sie die Litanei des freien Marktes herunterbeten und gleichzeitig ihre Interessen durch eine unverkennbare Strategie der Protektion schützen. Natürlich könnte Burkina Faso von Baumwolle leben, wenn die USA von hohen Subventionen für ihren Anbau absehen würden. Natürlich könnte an der Costa del Sol statt eines Golffeldes eine 20.000-Einwohner-Stadt mit Wasser versorgt werden. Die unsoziale Ökonomisierung der Gesellschaft hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Menschlichkeit scheint in den Ghettos von Indien und der erschöpften Erde Afrikas verloren gegangen zu sein.

Let's Make Money: Hotel Legal Spanien Selbst auf dem europäischen Festland sind wir nicht sicher. Die "Exzesse der Märkte" hätten, so Angela Merkel im Spiegel Online-Interview, zur Finanzkrise beigetragen. Wagenhofer schließt sich dieser Meinung an – nur fasst er seine Vision in andere Bilder. Es ist die Karikatur der effizienten Märkte in Person des Finanzministers der Kanalinsel Jersey, die zu England gehört. Es sind nicht länger Kühe und Tourismus, die Jersey berühmt machen. Das streng behütete Bankgeheimnis und hervorragende Steuerumgehungsstrukturen sorgen für einen hohen Bekanntheitsgrad. Das Kapital sucht sich eben die besten Bedingungen, die wohl in Jersey herrschen, sagt der vogelähnliche Minister im schnaufenden Ton. Business as usual also.

Wann funktioniert denn der Markt nach den hoch gepriesenen liberalen Spielregeln? Wenn es ein Spiel unter Gleichen ist. Preise funktionieren nur als effektive Signale auf Märkten, wenn alle Zugang zum Markt haben und über die gleichen Informationen verfügen. Dass dieses schöne Modell nur auf dem Papier funktioniert und mit den realen Verhältnissen teilweise herzlich wenig zu tun hat, ist eindeutig. Ein freier Lauf ist manchmal gleichbedeutend mit freiem Fall.

Wagenhofer trifft den Nerv der letzten Tage und Wochen. Doch eines tut er nicht: sein Titelversprechen einzuhalten. Sein Film ist keine Dokumentation über die Wege des Geldes und seine Rolle in der Weltwirtschaft. Er zeigt vielmehr die Begleiterscheinungen, die aus Skrupellosigkeit, Gier und politischer Strategie erwachsen und in dem vorherrschenden System möglich sind. Das System funktioniert nur, wenn seine Spielregeln nicht manipuliert und missbraucht werden. Der Titel sollte eigentlich Let's use the rules heißen.  

Margarethe Padysz / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
Let's Make Money  
 
Österreich 2008;
Regie: Erwin Wagenhofer;
Produktion: Helmut Grasser, Allegro Film; Kamera: Erwin Wagenhofer; Länge: 107 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Delphi Filmverleih; deutscher Kinostart: 30. Oktober 2008



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<30.10.2008>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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