04.02.2016

Turbulente Screwball-Komödie


Leoparden küßt man nicht

Ein junger, zunächst biederer Wissenschaftler, dessen Verlobte ihn an die Arbeit kettet. Eine junge Frau, die sich in den Mann verliebt – und ihn ebenfalls an etwas bindet: an sich selbst. In wilder, vergnüglicher Weise macht sie ihn von sich abhängig. Dazu kommen ein zahmer Leopard namens Baby, ein Foxterrier namens George, ein lange gesuchter Dinosaurier-Knochen und zahlreiche verschrobene Gestalten, die alle in die von der Frau ausgehenden Wirrnisse mit hineingezogen werden. Diese Mixtur schrieb Filmgeschichte. Kaum zu glauben: "Leoparden küßt man nicht" (Originaltitel: "Bringing Up Baby") floppte 1938 im Kino. Doch er war seiner Zeit ganz einfach weit voraus. Heute ist der Film mit den gut aufgelegten Hauptdarstellern Katharine Hepburn und Cary Grant die Definition für Screwball-Komödien.

Es beginnt ganz friedlich. Liebliche Musik begleitet den Blick des Zuschauers auf ein Schild mit der Aufschrift "Stuyvesant Museum of Natural History", ein ruhiges, altes Gebäude in einer beschaulichen Gartenanlage in New York. Dort widmet sich Dr. David Huxley (Cary Grant) ganz der Arbeit, o ja, ganz. Er möchte bald seine Assistentin Alice heiraten. Diese versagt ihm nicht nur die Flitterwochen. Er soll sich auch in der Ehe ganz auf die Forschung konzentrieren: Er ist Paläontologe, zu seinem vermeintlichen Glück fehlt nur ein letzter Knochen eines Brontosaurus. "Dies wird unser Baby sein!", sagt Alice, die damit sogar das Privatleben ausschließt, und verweist auf das fast fertige Dinosaurier-Skelett. Der Philosoph Friedrich Nietzsche würde sagen: David unterwirft sich apollinisch, in gefasster Ordnung. Doch das Dionysische, das Rauschhafte ist nicht weit weg. Es tritt in Form einer Frau namens Susan Vance (Katharine Hepburn) in Davids Leben.

Auf dem Golfplatz endet Davids bisheriges puritanisches Leben

Er trifft sie erstmals auf dem Golfplatz. Dort ist David eigentlich, um bei einem Spiel einen Rechtsanwalt zu sprechen. Der ältere Notar vertritt eine Dame, die dem Museum eine Millionenspende zukommen lassen möchte. Das Gespräch mit dem Anwalt endet abrupt. Susan ist nämlich auch da. Und ergreift Besitz von Davids Golfball. Und dann von seinem Auto. Immer unter vergeblichem Protest des verzweifelten Wissenschaftlers David. Ab sofort ist sein Leben nicht mehr das, was es gewesen ist; das Puritanische seines Daseins versinkt im Chaos. Denn die junge Dame ist bald angetan von David. Die Verlobte Alice kettete ihn an sich und die Forschung, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Susan mit dem verwirrten David macht: Sie schnappt sich ihn. Er weiß es nur noch nicht.

Der fehlende Brontosaurus-Knochen ist gefunden. Welches Bild für erotisches und vor allem romantisches Fehlgeleitetsein! Dem stellt Susan einen Leoparden namens Baby entgegen. Das Tier, neuerdings von Susan in ihrem Appartement gehalten, ist zahm, steht aber für die Leidenschaftlichkeit der jungen Frau; so wie im gesamten Film Erotik und Romantik immer mehr als nur latent mitschwingen, ohne groß ausgesprochen zu werden. David, der glaubt, der Leopard sei wild, eilt Susan zu Hilfe. Endgültig gibt es für ihn kein Entkommen. Statt an dem Tag Alice zu heiraten, wird David von Susan in den Nachbarstaat Connecticut entführt. Auf das Anwesen von Susans Tante Elizabeth Random (May Robson). Gegenüber der alten Dame benimmt sich David, wie ein von Susan Verwirrter sich benimmt: daneben. Die Tante stellt sich leider als die Spenderin der Million ans Museum heraus, und sie hat einen Hund, der den Knochen klaut und vergräbt. Und der Leopard entkommt aus seinem Verlies...

Das herrliche Drehbuch überträgt Regisseur Howard Hawks ("Tote schlafen fest") kongenial schwungvoll auf die Leinwand. Das Feuerwerk der Gags hält den Zuschauer in Atem. Es funktioniert, weil man sich mit Vergnügen in den Totalverlust des jungen Forschers hineinversetzt, das entstehende Chaos um den überforderten David regelrecht genießt. Der Mann hatte seine Gefühle für Menschen und Erotik für ein karges Leben verdrängt, am Ende gewinnt er alles auf anderer Ebene zurück. In Form Susans, die ihn wirklich liebt.

Es ließe sich an "Leoparden küßt man nicht" kritisieren, dass mehrere weitere Filmfiguren – ein Sheriff, ein Psychiater, ein Gärtner – überzeichnet sind. Doch sie tun dem Gesamtkunstwerk zum Glück keinen Abbruch.

Auch gilt: Die Humor-Geschmäcker der Zuschauer sind verschieden. So wie ein Louis de Funès, ein Jacques Tati, die Marx Brothers nicht jedermann gefallen, kann auch die Situations- und Sprachkomik der Komödie von Howard Hawks nicht jedem zusagen. Doch sollte man ihr die Chance geben, zu überzeugen.

Mehrere Nachahmungen

Der Sprachwitz von "Leoparden küßt man nicht" entsteht, weil Susan immer nur das versteht, was sie verstehen will. Dieses Motiv greift Peter Bogdanovichs Komödie "Is' was, Doc?" 1972 auf. Auch hier ist ein junger Wissenschaftler (Ryan O'Neal) verlobt, aber nicht lange: Eine junge Frau (Barbra Streisand) greift ein und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Bis sie am Ende zusammen sind. "Ein Fisch namens Wanda" (1988) verwendet ebenfalls die Konstellation der Zerstörung des bisherigen Daseins eines Mannes durch eine sich in ihn verliebende Frau. John Cleeses Rollenname in dem Film lautet Archie Leach. Cary Grant hieß in Wirklichkeit Alexander Archibald Leach.

"Leoparden küßt man nicht" sah der Zuschauer lange in einer geschnittenen Fassung. Mittlerweile ist der Film rekonstruiert mit einigen wenigen Szenen, die ihm leicht einen strengeren Ton geben. Zum Beispiel weint Susan in einer dieser Szenen, weil David es ablehnt, weiter mit ihr auf dem Grundstück von Tante Elizabeth nach den Tieren, Leopard und Terrier, zu suchen. Eine Szene, in der es aber auch zum Beinahe-Kuss kommt. Die einst entfallenen Szenen sind nicht synchronisiert und daher leicht erkennbar.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Leoparden küßt man nicht
(Bringing Up Baby)

USA 1938
Regie: Howard Hawks;
Darsteller: Katharine Hepburn (Susan Vance), Cary Grant (Dr. David Huxley), Charles Ruggles (Major Applegate), Walter Catlett (Slocum), Barry Fitzgerald (Mr. Gogarty), May Robson (Tante Elizabeth), Fritz Feld (Dr. Lehman), Leona Roberts (Mrs. Gogarty), George Irving (Mr. Peabody), Tala Birell (Mrs. Lehman), Virginia Walker (Alice Swallow), John Kelly (Elmer) u.a.;
Drehbuch: Dudley Nichols, Hagar Wilde; Produzent: Howard Hawks; Kamera: Russell Metty; Schnitt: George Hively;

Länge: 94 Minuten (Kino) bzw. 102 Minuten (Video/DVD); FSK: ab 6 Jahren; westdeutscher Kinostart: 18. März 1966



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"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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