07.12.2009 (publiziert)
19.08.2008 (geschrieben)

Legenden der Leidenschaft

Hollywood-Bombast aus dem Jahr 1994: Edward Zwicks populäres Familiendrama schwankt zwischen epischem Kitsch und mythischer Fabel. Als Zuschauer hat man es schwer, sich den seduktiven Überwältigungsmechanismen der Inszenierung zu entziehen.

Montana zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Drei Brüder lieben dieselbe Frau und diese Frau liebt auch sie alle drei irgendwie. Samuel (Henry Thomas), Tristan (Brad Pitt) und Alfred (Aidan Quinn) sind seit frühster Kindheit unzertrennlich, obwohl sie vom Charakter her kaum unterschiedlicher sein könnten. Alfred, der Älteste, ist ein besonnener und wohlkalkulierender Karrierist, sein Bruder Tristan, der bei dem alten Indianer "Ein-Stich" in die Lehre ging, sein impulsiv-animalischer Gegenpart. Vernarrt sind sie alle beide in den jüngsten im Bunde, Samuel, der – kaum den Kinderschuhen entwachsen – als naiver politischer Idealist in den Ersten Weltkrieg ziehen möchte. Davon allerdings will sein Vater, Colonel Ludlow (Anthony Hopkins), nichts wissen: Für ihn ist Politik ein schmutziges Geschäft – spätestens seit seinen vergeblichen Bemühungen zur Verbesserung der Situation der einheimischen Indianer. Desillusioniert nahm Ludlow damals Abschied vom Militärdienst und baute sich eine kleine Farm jenseits der erblühenden Städte auf. Als Oberhaupt einer multiethnischen Großfamilie widmete er sich seitdem ganz der Landarbeit, die sich für seine kultivierte und emanzipierte Ehefrau Isabel (Christina Pickles) als unerträglich herausstellte. Isabel verließ damals die Familie und kehrte nicht wieder zurück. Nun, man schreibt das Jahr 1915, will Samuel für England gegen die Deutschen kämpfen. Gerade erst hat er seine Verlobte Susannah (Julia Ormond) zuhause vorgestellt, als er sich als Soldat nach Europa einschifft. Seine beiden Brüder gehen mit ihm, vor allem, um ihn in der Schlacht zu beschützen. Doch Samuel kehrt nicht zurück, sein Leben endet im Stacheldraht der feindlichen Frontlinie. Seitdem ist nichts mehr wie es einst war in der Familie, in der Samuels Tod einen tiefen Riss verursacht hat. Nach der Rückkehr aus dem Krieg verliebt sich Alfred in Susannah, die ihr Herz unterdessen an Tristan verloren hat. Doch der kann ihr nicht geben, was sie sucht: Samuels Tod treibt ihn in tiefe Selbstvorwürfe, er verlässt die Farm und zieht jahrelang als Abenteurer durch die Welt. Als er nach Jahren zurückkehrt, hat sich der Colonel mit Alfred entzweit, der inzwischen Susannah geheiratet und als Kongressabgeordneter Karriere gemacht hat. Fast scheint es, als habe Tristan seine innere Rastlosigkeit nun bezwungen. Er lässt sich wieder auf der Farm nieder, gründet eine Familie und steigt in Prohibitionszeiten in den Alkoholschmuggel ein. Doch sein Glück ist nur von kurzer Dauer: Bei einer Konfrontation mit der Konkurrenz stirbt seine Frau Isabel II (Karina Lombard) versehentlich durch einen Querschläger. Alfred, dessen Frau Susannah sich aus unerfüllter Liebe zu Tristan inzwischen umgebracht hat, ermahnt seinen Bruder, die Sache auf sich beruhen zu lassen, doch der nimmt blutige Rache. Am Ende kommt es zur großen Konfrontation zwischen den Ludlows und einem Erschießungskommando der korrupten Polizei. Im entscheidenden Moment steht Alfred seiner Familie zur Seite. Tristan nimmt Abschied und überlässt dem Bruder die Erziehung seiner Kinder. Das letzte Bild zeigt ihm im Moment seines Todes – im Kampf mit einem Grizzly-Bären.

Die Geschichte von "Legenden der Leidenschaft" ist die eines tragischen Familienzwists. Ungleich verteilt ist die Liebe, welche die drei Brüder von ihrem Vater empfangen: Tristan, der das Wilde, das Ungezähmte seines eigenen Ichs repräsentiert, ist von Kindesbeinen an sein Liebling, während er den anderen beiden, zumal dem Ältesten, eher mit wohlwollender Distanz gegenübertritt. Alfreds anerzogene Manieren sind ihm auf der Farm nur von geringem Nutzen, in der langsam erblühenden städtischen Welt aber ebnen sie ihm den Weg zu Erfolg, Reichtum und politischem Ansehen. Er tritt somit schon allein aufgrund seiner diplomatischen, auf den Einfluss der gebildeten Mutter zurückgehenden Anlagen in deutlichen Kontrast zu dem bärbeißigen, ruppigen und wettergegerbten Colonel Ludlow, der mit der urwüchsigen amerikanischen Landschaft in seltsam inbrünstiger Leidenschaft verwachsen zu sein scheint. Aidan Quinns verklemmtes, melancholisches und immer leicht blutleeres Spiel wird der Zerbrechlichkeit Alfreds und dem Gefühl seiner eigenen Deplaziertheit gerecht. Sein Portrait veranschaulicht das Drama eines Menschen, der seine Familie über alles liebt und sich doch eingestehen muss, dass er bei ihr nicht glücklich werden kann. Ihm diametral entgegengesetzt spielt Brad Pitt einen Tristan, wie ihn die wildesten Phantasien von Autorinnen romantischer Liebesromane besser nicht hätten hervorbringen können: Mit langem, wehenden Haar durchreitet er die unendlichen Weiten Montanas in grandiosen Landschaftsaufnahmen, über die sich James Horners hochemotionaler Soundtrack wie ein berauschend-sentimentaler Klangteppich legt.

Zugegeben: "Legenden der Leidenschaft" ist ein zweifellos ein kitschiger Film. Indem er dies jedoch erst gar nicht zu verbergen versucht, sondern die seduktiven Überwältigungsstrategien des Kitsches mit bombastischem Produktionsaufwand zum narrativen Stilmittel erhebt, erreicht er eine epische Ungebrochenheit, die im zeitgenössischen Blockbuster-Kino wohl ihresgleichen sucht. Edward Zwicks Inszenierung ist eine anachronistischen Reminiszenz an die Traummechanismen des klassischen Hollywoodkinos, an "Vom Winde verweht" (1939) und "Doktor Schiwago" (1965): Erzählt wird von menschlichem Schicksal und menschlichem Leid, von Liebe, Hass und der Solidarität unter Brüdern. Die Dramaturgie ruft mythische Erzählmuster ab und ikonographiert fast alle Elemente der Geschichte mit einer beeindruckenden Durchschlagskraft. Brad Pitt wurde durch diesen Film zum Sex-Symbol, Julia Ormond als femme fragile zum Männertraum und der zuletzt gelähmte Colonel für Anthony Hopkins zur kultigen Paraderolle. Auch in audiovisueller Hinsicht herrscht fortwährender Sinnestaumel: Das Titelthema aus dem Score gehört zweifellos zu den populärsten Film-Melodien der neunziger Jahre; Kameramann John Toll gewann für seine Arbeit zu Recht den Oscar und drehte kurz danach die visuellen Meisterwerke "Braveheart" (1995) und "Der schmale Grat" (1998).

"Legenden der Leidenschaft" ist kein Film der leisen Töne. Man kann sich ihm nur vollends ausliefern oder mit voreingenommenem Ressentiment begegnen. Vielleicht aber ist Zwicks schwärmerische Saga nicht einmal so weltfremd und eskapistisch, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag – gehört doch auch die Sehnsucht nach dem Kitsch, dem Desiderat unserer tiefsten Wünsche, letztendlich zum Menschsein mit dazu.  

Christian Heger / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Legenden der Leidenschaft
(Legends of the Fall)

USA 1994
Regie: Edward Zwick; Drehbuch: Susan Shilliday, William D. Wittliff nach der Novelle von Jim Harrison; Produktion: Marshall Herskovitz, William D. Wittliff, Edward Zwick; Ausführende Produktion: Patrick Crowley; Co-Produktion: Jane Bartelme, Sarah Caplan; Kamera: John Toll; Musik: James Horner; Schnitt: Steven Rosenblum;
Darsteller: Brad Pitt (Tristan Ludlow), Aidan Quinn (Alfred Ludlow), Anthony Hopkins (Colonel William Ludlow), Julia Ormond (Susannah Fincannon Ludlow), Henry Thomas (Samuel Ludlow), Karina Lombard (Isabel Decker Ludlow), Gordon Tootoosis (Ein-Stich), Christina Pickles (Isabel Ludlow) u.a.

Länge: 133 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 30. März 1995



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"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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