27.08.2015

L'Chaim - Auf das Leben!


In der spannungsreichsten Szene tischt Chaim Lubelski, der jüdische Sohn zweier Holocaust-Überlebender, seiner Mutter Nechuma eine Lüge auf. Zuvor haben wir erfahren, dass seine Schwester vor sechs Jahren an einer Überdosis Medikamenten gestorben ist. Um seine alte Mutter zu schützen, erfindet der Sohn seitdem Geschichten vom Leben der Schwester in einer israelischen Reha-Klinik. Es ist eine Szene, die Fragen aufwirft: Ist es moralisch vertretbar, den Todesfall über so viele Jahre hinweg zu vertuschen? Glaubt Nechuma ihrem Sohn wirklich?

L'Chaim - Auf das Leben! Im Fortgang der Dokumentation, in der Elkan Spiller wie zuvor im Kurzfilm "Mama, L'Chaim" (2009) seinen Cousin und dessen Mutter begleitet, spielt dieses Dilemma eine kurze Nebenrolle. Stattdessen porträtiert Spiller den Alltag des dauerkiffenden Chaim und seiner Mutter, die bis heute mit ihren Erinnerungen an die Internierung im KZ Peterswaldau hadert. Das Trauma der Eltern lebt in Chaim fort, womit er seine depressive Ader erklärt. Dass Chaim ein unstetes Leben führte und eine Weile auf der Straße lebte, zieht die schmucklos gefilmte Doku hingegen nicht als Erklärung für seine Resignation in Betracht.

Mehr als eine scharfsinnige Analyse der Familiensituation von Holocaust-Nachgeborenen ist der ironisch betitelte "L'Chaim – Auf das Leben!" daher ein oft schwammiger Einblick in ein Mutter-Sohn-Gespann, das stellvertretend für viele ähnliche Familiengeschichten steht. Das Spannende daran ist letztlich die gelegentliche Dynamik zwischen der Mutter, dem Sohn und dem Cousin, der das Ganze auf Video festhält.  

Christian Horn  / Wertung:  * * (2 von 5) 
 

Quelle des Fotos: mindjazz pictures

 
Filmdaten 
 
L'Chaim - Auf das Leben!  
 
Deutschland 2014
Regie & Produktion: Elkan Spiller;
Mitwirkende: Chaim Lubelski, Nechuma Lubelski u.a.;
Kamera: Simon Arazi, Asaf ben Ami, Ron Ramirez, Virgine Saint Martin, Elkan Spiller; Musik: Michael Benhayon; Schnitt: Günter Heinzel;

Länge: 92,02 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von mindjazz pictures; deutscher Kinostart: 27. August 2015



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<27.08.2015>


Zitat

"Die Charaktere, die man mir anbietet, sind meistens Großväter oder alte Väter, die nette Leute sind, aber nicht wirklich interessant. Meistens geht es ihnen nicht gut, und oft sterben sie auf Drehbuch-Seite 36."

("The characters they offer me are most of the time grandfathers, or old fathers who are nice people but not terribly interesting. Most of the time they're not very well, and very often they die on page 36.")

Schauspieler Max von Sydow, 90. Geburtstag am 10. April 2019; Zitat aus dem Jahr 2012

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