14.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

Alles was kommt


"Der radikale Verlierer" heißt eines der Bücher, in das sich die alternde Philosophie-Lehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) vertieft. Das Cover, das Regisseurin und Drehbuchautorin Mia Hansen-Love dem Zuschauer entgegenhält, verweist auf die spießbürgerlichen Konzepte von Protagonisten und Plot ihrer seichten Hommage an die Bourgeoisie.

Alles was kommtRadikalismus oder die soziale Ambition, die Nathalie als solchen abkanzelt, sei etwas, worüber sie hinweg sei. Wenn die privilegierte 55-Jährige diese Worte mit wohlgewählter Herablassung gegenüber einer jungen Studentin äußert, spricht sie indirekt zugleich für die Filmemacherin. Letzte hat die adrette Salongeschichte scheinbar einzig konstruiert, um diesen und ähnliche bürgerliche Glaubenssätze zu lehren. So wie Nathalie, die an einem Pariser Lycée ihren Schülern den malerischsten, produktivsten, einfach wunderbarsten Unterricht der Welt gibt - wenn man sie denn nur lässt. Als sie zu Beginn in ihre Klasse kommt, findet sie den Raum halb leer und die Schüler in Debattier-Laune. Der Großteil der Studenten streikt für faire Löhne und Pensionierungszeiten. Eine mit Buttons dekorierte Schülerschaft blockiert den Eingang des Lycée und betrachtet die Lehrerin als Opportunistin: Ob sie etwa arbeiten wolle, bis sie 67 sei? Die Protagonistin kontert, sie liebe ihren Job und habe es nicht eilig, in Rente zu gehen. Die Botschaft ist eindeutig: Wer vor dem 70. schlapp macht, ist ein Faulpelz ohne Engagement und Courage. Dass es Beschäftigungsverhältnisse gibt, die einen schon nach 20 oder 30 Jahren physisch und psychisch ausgelaugt zurücklassen und dabei kaum das Existenzminimum sichern, hat die sorgenfreie Heldin der Dramödie in all ihren Schopenhauers und Kierkegaards offenkundig nicht gelesen.

Alles was kommt Bücher, vor allem natürlich philosophische Werke, nehmen auf der Leinwand in doppeltem Sinne eine Sonderstellung ein. Sie sind allgegenwärtig in jedem Zimmer der geräumigen Wohnung, in der die Nathalie und ihr Ehemann Heinz (André Marcon) sowohl die erwachsenen Kinder Chloé (Sarah Le Picard) und Johann (Solal Forte) als auch Studenten bewirten. Bücher begleiten die Figuren unterwegs, sind Geschenk und Referenz für ihre Argumente. Oft scheint es, die Charaktere tauschten weniger eigene Gedanken aus als dass sie fremde Gedanken in Form von Aufsätzen und Büchern austauschten. Hansen-Love schwelgt im großbürgerlichen Materialismus und einem direkt daraus abgeleiteten Alleinanspruch auf die intellektuelle Auslegungshoheit von Politik und Geschichte. Das geisteswissenschaftliche Name-Dropping der Figuren, die komplexe kulturelle Theorien beiläufig beim Dessert diskutieren, soll deren kognitive Überlegenheit herausstreichen. Nathalies unerwartete Trennung von Heinz und die charmante Gegenwart ihres einstigen Studenten Fabien (Roman Kolinka) sind lediglich die publikumswirksame Aufmachung für ein arriviertes Hohelied auf die (vermeintlich) unbestreitbare intellektuelle Vorherrschaft der besitzenden Klasse. Nathalies Mutter Yvette (immer eine Bereicherung: Edith Scob), die nie eine Schule besuchte, ist nach der elitären Logik des Films folglich eine weinerliche Exzentrikerin.

Ohne die materielle und emotionale Hilfe der Tochter ist Yvette hilflos und im Fernsehen erkennt sie nicht einmal Sarkozy. Ob ihre Mutter ihn lieber möge oder doch Chirac, fragt Nathalie. Eine vielsagende Metapher für das konservative politische Denkspektrum des nichtigen Histörchens.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Alles was kommt (L'Avenir) 
 
Frankreich/Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Mia Hansen-Love;
Darsteller: Isabelle Huppert (Nathalie), André Marcon (Heinz), Roman Kolinka (Fabien), Edith Scob (Yvette), Sarah Le Picard (Chloé), Solal Forte (Johann), Elise Lhomeau (Elsa), Lionel Dray (Hugo), Grégoire Montana-Haroche (Simon), Lina Benzerti (Antonia) u.a.;
Produzent: Charles Gillibert; Kamera: Denis Lenoir; Schnitt: Marion Monnier;

Länge: 97,52 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 18. August 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<14.02.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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