17.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum

Lao Shi


Lao Shi Die schönsten Momente erlebt Lao Shi ganz zuletzt: Er sieht einen Schwarm weißer Vögel vorüberziehen, seine Frau kommt mit liebevollem Gestus auf ihn zu, seine Tochter übt, ein Stück entfernt, grazil Ballett. Es ist die tröstliche Vision eines Schwerverletzten, der blutüberströmt auf dem Asphalt liegt. Ein Paar schwarzer Lackschuhe wird Lao Shi noch sehen, die ein paar Schritte auf ihn zu gehen, sich dann aber entfernen. Wer gehofft hat, diesem modernen Hiob würde wenigstens ganz zum Schluss Gerechtigkeit widerfahren, wer geglaubt hat, nun endlich helfe jemand dem Altruisten, hat sich bitter getäuscht. Regisseur Johnny Ma inszeniert hier keine Parabel, in der das Gute zumindest einen Teilsieg davon trägt. Sein nihilistischer Plot beschreibt eine unerbittliche Welt Spencerschen Ausmaßes, in der jemand, der nicht ausschließlich egoistisch handelt, nur eine Option hat: zu verlieren.

Mit einem Unfall, einem zunächst lediglich unglücklich erscheinenden Zufall, fängt alles an: Lao Shi, der mit Taxifahren das Nötigste verdient, um sich, seine ebenfalls berufstätige Frau und seine kleine Tochter über die Runden zu bringen, fährt einen Motorradfahrer an. Ein betrunkener Fahrgast hatte ihm ins Steuer gegriffen, woraufhin Lao Shi das Lenkrad verriss. In einem Tumult, unter Zeitdruck, der verletzte Motorradfahrer auf der Straße in einer Menschentraube liegend, sucht er fieberhaft nach der richtigen Entscheidung. Die Ambulanz, die er panisch zu erreichen versucht, kommt und kommt nicht. Schließlich lädt er das Unfallopfer in sein Taxi und schleppt es ins nächste Krankenhaus. Wenig später wird er belehrt, dies sei nicht der richtige Prozess gewesen – erst hätte er die Versicherung informieren müssen. Diese weigert sich nun, für die ärztliche Behandlung des Motorradfahrers aufzukommen. Lao Shi flucht und schreit, fügt sich aber schließlich. Seiner Frau, der er das Geschehene zunächst verschweigt, macht ihm eine Szene, als sie die Wahrheit erfährt.

Lao Shi Lao Shis Standhaftigkeit und seine Haltung, nichts Unrechtes tun zu wollen, beantworten Buch und Regie mit immer neuen sozialdarwinistischen Wendungen: Als er dem reichen Geschäftsmann, der als Betrunkener den Unfall mitverursacht hat, aufsucht, gibt er ihm, begleitet von Demutsgesten, dessen iPhone zurück, das dieser im Taxi hat liegen lassen. Anschließend äußert er sehr höflich die Bitte, dieser möge bei der Polizei eine Aussage machen, damit er nicht weiterhin die Bürde der Krankenhauskosten des Verletzten tragen müsse. Der Geschäftsmann heißt ihn warten. Man ahnt es bereits: Lao Shi wartet darauf, die Treppe hinuntergeworfen zu werden. Ehrlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft werden in Johnny Mas Welt stets mit der gleichen Währung vergolten – Hass und Gewalt.

Dabei ist Lao Shi – übersetzt heißt das "alter Stein", und steinalt erscheinen in diesem mit aller Rücksichtslosigkeit geführten Kampf ums Dasein seine Prinzipien in der Tat – kein wehrloses Opfer. Als sein Chef ihn auf seine Bitte, ihm Geld zu leihen, provoziert und demütigt, schlägt er wütend zu – und geht seiner Wege. Es ist der erste Eindruck einer Wandlung des Protagonisten, die aber nicht irreversibel zu sein scheint: Denn selbst als er die Gelegenheit hat, sich des Motorradfahrers zu entledigen, dessen Krankenhauskosten seine Existenz ruinieren, tut er es nicht: Er beobachtet ihn bei der Trauer um seinen verstorbenen Vater, und sein Vorsatz schwindet. Zu Ende ist es mit seiner Empathie erst, als offenbar wird, dass das Unfallopfer eine Kopfverletzung nur fingiert hat: Lao Shi rastet aus, es kommt zu einem hasserfüllten Zweikampf.

Lao Shi Konsequent zu Ende gedacht ist die Botschaft dieses Films die, dass nur absolute Härte im Kampf aller gegen alle das eigene Dasein sichert. Anpassung an die Regeln einer Welt, in der es zwar formale Rechte gibt (und selbst diese sind brüchig, weil sie durch Bestechung außer Kraft gesetzt werden können), aber längst keine Gerechtigkeit, ist die Aufforderung zu absoluter Brutalität. Der Ehrliche ist hier nicht etwa nur der Dumme – der Ehrliche verliert Frau, Kind und sozialen Status und am Ende sein Leben. "Lao Shi" ist ein radikaler, apodiktischer, verstörender Film. Mag sein, dass er dramaturgisch gewonnen hätte, wenn man dem Kampf aller gegen alle zumindest eine tröstlichere Welt der sozialen Beziehungen gegenübergestellt hätte. Aber dies ist nicht Johnny Mas Thema. In dieser Welt gibt es keinen Trost.

Wenn nun aber Grausamkeit das Mittel zum Überleben ist, wenn nur der gewinnt, der das Durchsetzen des eigenen Vorteils zum Prinzip all seiner Handlungen erhebt – was heißt das dann für all das, was den Menschen zum Menschen macht? Es ist das Verdienst dieses Films, das er diese Frage nicht nur stellt, sondern sie dem Zuschauer geradezu ins Gesicht schreit. Es ist eine der relevantesten Fragen unserer Zeit, da sie die Gesellschaftsform betrifft, in der wir leben wollen. Und der Film beantwortet sie, indem er zeigt, was passiert, wenn dieser Härte nichts entgegengesetzt wird. Im Tagesspiegel schrieb Harald Martenstein kürzlich in seiner Berlinale-Kolumne, er wolle im Kino verstört werden. Man möchte ihm diesen Film empfehlen.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Lao Shi (Lao Shi) 
 
Berlinale-Alternativtitel: Old Stone

Volksrepublik China/Kanada 2016
Regie & Drehbuch: Johnny Ma;
Darsteller: Chen Gang (Lao Shi), Nai An (Mao Mao), Wang Hongwei (Captain), Zhang Zebin (Li Jiang), Luo Xue'er (Xue'er) u.a.;
Produzenten: Wu Xianjian, Lin Chi-an, Wang Jing, Sarah Stallard; Kamera: Leung Ming Kai; Musik: Lee Sanders; Schnitt: Mike Long;

Länge: 80 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<17.02.2016>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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