November 2002

Hoffnung in den Zeiten der Einsamkeit

Lantana

Film Lantana Ein blühender Lantana-Strauch in der Sonne bildet den Anfang des Films. Orchestriert von dem Zirpen der Zikaden gleitet die Kamera langsam hinab in die scheinbar undurchdringliche Schönheit der Hibisken, um sich nach einer Fahrt durch die Schwärze im Geisterwald der stacheligen und dichten Stiele der Pflanze wiederzufinden. Eine surrende Fliege auf der Suche nach Verwesung begleitet den langsamen Blick auf eine Frauenleiche. Nahtlos geht die Szenerie über in einen Liebesakt. Als der Mann und die Frau später auseinandergehen, erklärt sie ihm, sie habe ihren Ohrring verloren. Der Zuschauer wird vermuten, dass er Beobachter einer Affäre war, die durch den verhängnisvollen Fund des verräterischen Beweisstückes ans Licht kommen wird. Fatale Begierde und tödliche Leidenschaft? Musterhafte Assoziationen eines Thrillers werden freigesetzt und später jedoch kühl liegengelassen. Die ködernde Kriminalhandlung wird sich lediglich beiläufig als roter Faden durch das episodische Psychodrama des australischen Regisseurs Ray Lawrence ziehen.

Film Lantana "Lantana" dreht sich vor allem um vier Ehepaare. Da ist die Psychologin Dr. Valerie Somers und der Rechtsprofessor John Knox, die den Tod ihrer elfjährigen Tochter nicht verkraften können und sich über ihrer Trauer verloren haben. Der Polizist Leon Zat und seine Frau Sonja haben sich entfremdet. Während Sonja versucht, ihrem Mann wieder näher zu kommen, landet Leon im Bett mit Jane. Die hat ihren Mann Pete verlassen, weil sie herausfand, dass sie ihn nicht mehr liebt. Janes Nachbarn, Nik und Paula, bilden das einzige anscheinend glückliche Paar. Auch wenn Paula sich zuweilen genötigt sieht, mit eindeutigen Drohungen dafür zu sorgen, dass dies so bleibt: "Wenn du unsere Ehe aufs Spiel setzt, dann schneide ich dir deine Eier ab und hänge sie zwischen deinen Unterhosen und Socken auf."

Film Lantana Die Liebe und vor allem die Suche nach ihr, sind die Namen des Bandes, das die Akteure zielstrebig miteinander verwebt. Gleichsam Zufall und Zwangsläufigkeit bestimmen den Lauf in diesem Mikrokosmos. In der geschickten Verknüpfung der Schicksale verschiedener Menschen gleicht dies Robert Altmans filmischen Werk "Short Cuts" ("Short Cuts", 1993), dem vielleicht prägendsten Episodenfilm der vergangenen zehn Jahre. Vereinzelung und Verständnislosigkeit und die Hoffnung auf Liebe und Vertrauen treiben Charaktere in "Lantana" aus ihrer finsteren Einsamkeit hervor, in die sie durch Betrug und Selbstbetrug geraten sind. In Paul Thomas Andersons "Magnolia" ("Magnolia", 1999) war das Ringen nach Erlösung durch Zweisamkeit und Gemeinschaft bereits ähnlich verzweifelt. Nur durch Vertrauen kann es Liebe geben, predigt Dr. Valerie Somers. Es scheint, dass sie und ihr Mann an dieser Aufgabe grausam scheitern.

Die Geschichte findet besonders in den ausgefeilten und selten vordergründigen Dialogen und dem Spiel in den Gesichtern statt. "Lantana" ist ein verstörender Film ohne falschen Glamour. Der sparsame Score von Paul Kelly erschöpft sich oft in einzelnen Tönen oder hintergründigen Klangteppichen. Die Ausstattung des Films ist fast entsetzlich nüchtern: Blasse, verwaschene, beinahe schäbige Farben bestimmen die Bilder, die eine selten schmucklose Welt widerspiegeln. Auch wenn es der Finsternis schließlich doch nicht gelingt, alle Farben und alle Lebenslust zu vertreiben.  

Philipp Wallutat / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Lions Gate Films


Filmdaten

Lantana
(Lantana)

Australien / Deutschland 2001
Regie: Ray Lawrence;
Drehbuch: Andrew Bovell (nach seinem Theaterstück Speaking in Tongues); Kamera: Mandy Walker; Musik: Paul Kelly; Schnitt: Karl Sodersten; Ausstattung: Kim Buddee; Kostüme: Margot Wilson;
Darsteller: Anthony LaPaglia (Leon Zat), Kerry Armstrong (Sonja Zat), Barbara Hershey (Dr. Valerie Somers), Geoffrey Rush (John Knox), Rachael Blake (Jane O´May), Glenn Robbins (Pete), Peter Phelps (Patrick), Vince Colosimo (Nik Daniels), Daniella Farinacci (Paula), Leah Purcell (Claudia) u. a.

Länge: 120 Minuten; FSK: ab 12 Jahren.



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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