07.05.2000

Kurz und schmerzlos

Fatih Akin stellt mit seinem Film auch die Frage, wie es weitergeht - mit den Ausländern in Deutschland und mit den von und mit ihnen handelnden Filmen. Gegenwart: Drei junge Freunde unterschiedlicher Nationalität in Hamburg-Altona.

Gabriel, Türke, erscheint nach einer Haftstrafe resozialisiert mit den besten Vorsätzen für die Zukunft, und versucht sogar, seine beiden Freunde mit zu einem ehrbaren Leben zu motivieren. Daß dies zunächst einmal bedeutet, daß er für seinen Bruder auf dessen Personenbeförderungsschein Taxi fährt, irritiert erstmal noch nicht, doch wenn es um seine Freunde geht, reißt es ihn von Mal zu Mal mehr dazu hin, trotz der Bewährungsauflagen, Gewalt gegenüber Deeskalation den Vorzug zu geben. Hinter seiner Vernunft und seinem Willen, sich anzupassen und zu integrieren, treten Werte und Mittel aus der Heimat seiner Vorfahren zu Tage, die ihm in der westlichen Gesellschaftsordnung enorm schaden können. Seine scheiternden Bekehrungsversuche an seinen Freunden fördern diesen Prozeß.
Bobby, Serbe, heuert trotz Warnungen von allen Seiten beim "Albaner" an, sieht er doch hierin die Chance auf eine reiche Zukunft, ein Interesse, das er auch über seine Beziehung zu Alice, Kunstgewerblerin mit eigenem Laden "Kismet", stellt, woran letztlich ihre Partnerschaft scheitert. Hinter seiner gern zur Schau gestellten "Coolneß" zeigt sich letztlich eine Naivität, die ihn und seine Freunde existentiell bedroht.
Costa, Grieche, erscheint am kindlichsten, impulsiv, handelt oft, bevor er nachdenkt, macht sich aber auch schonmal anschließende Sorgen um die Folgen. Einerseits ist er empfänglich für Zeichen und magisches Denken, andererseits verfällt er allzu leicht in seinen alten Fehler, das Klauen, weswegen ihn Ceydir, Gabriels Schwester, nach langem Hin und Her verläßt. Seine griechischen Gesänge stellen die Geduld seiner Freunde mitunter auf die Probe.

Die drei Freunde verbindet eine herzliche Freundschaft, die, wie auch die dargestellten Umgangsformen mit den anderen jüngeren Ausländern, überschwenglich erscheint; Verhaltensweisen, die wir von angestammten Norddeutschen nicht erwarten, und die mit Vorurteilen korrelieren, die aber letztlich nichts besagen. Inwieweit dieses Bild des deutschen Türken Fatih Akin zutrifft, bleibt fraglich und läßt sich nicht dadurch klären, daß der Film stimmig erscheint. Klar wird, auch Ausländer haben Probleme miteinander und mit "multi-kulti". Gerade die jungen Ausländer nehmen die Kluft zwischen westlicher Zivilisation und morgenländischen Sitten wahr; bestimmt sie doch ihre Sozialisation und Identität. Im Film überzeugen ein stringenter Handlungsfaden und weitgehender Verzicht auf Klischees, angereichert mit humorvollen, aber auch gewalttätigen Szenen. Kurz und schmerzlos - ist dieser Film nicht.

Fatih Akin stellt mit seinem Film auch die Frage, wie es weitergeht - mit den Ausländern in Deutschland und mit den von und mit ihnen handelnden Filmen. Während der Betrachtung drängen sich Parallelen zu US-Filmen auf, die schwerpunktmäßig von Schwarzen handeln. Sicher, dieser Vergleich weist ein paar Unstimmigkeiten auf, aber geht es nicht in beiden Fällen um Aufstiegsmöglichkeiten gesellschaftlich Benachteiligter, die sich dafür ihre Kultur, insbesondere die Musik bewahren.

Wie dem auch sei - der Film kommt in Fahrt! Und in diesem Stile sind weitere Filme machbar. Letztlich ist die Handlung doch die einer klassischen Tragödie, mit einem Helden, der schicksalhaft vor einander ausschließende Alternativen gestellt wird, keine davon sonderlich erfreulich. Kein Wunder, ist doch dieses Prinzip über unseren Kulturkreis hinaus verbreitet.  

Michaela Katzer / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Kurz und schmerzlos

Deutschland 1998
Regie: Fatih Akin;
Darsteller: Mehmet Kurtulus (Gabriel, der Türke), Aleksandar Jovanovic (Bobby, der Serbe), Adam Bousdoukos (Costa, der Grieche), Regula Grauwiller (Alice, Künstlerin), Idil Üner (Ceydir, Gabriels Schwester), Ralph Herforth (Muhamer, albanischer "Pate"), Oscar Ortega Sánchez (Waffenhändler), Marc Hosemann (Sven), Fatih Akin (Nejo) u.a.;
Kamera: Frank Barbian; Schnitt: Andrew Bird; Musik: Ulrich Kodjo Wendt; Länge: 99 Minuten; FSK: ab 16 Jahren



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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