05.08.2012

Tolstojs Meisterwerk als Miniserie

Krieg und Frieden (1972 - 1974)

Die Schicksalsfäden dreier adeliger russischer Familien – die Besukhovs, die Rostows und die Bolkonskys – sind in diesem epischen Drama durch friedliche und kriegerische Zeiten des frühen 19. Jahrhunderts in Russland miteinander verwoben. So, wie Napoleon abwechselnd für Frieden und für Krieg sorgt, so gibt es in und zwischen diesen Familien Freundschaften, Liebschaften, Ehen, Streit und Entzweiung, aber auch Versöhnung. BBC verfilmte 1972 das Drama von Leo Tolstoj in zehn Episoden – 2011 auf DVD erschienen – fürs Fernsehen, nachdem es bereits 1956 als amerikanisch-italienische Koproduktion mit Stars wie Audrey Hepburn, Mel Ferrer und Henry Fonda einen Riesenerfolg feierte.

Was an dieser BBC-Verfilmung hervorsticht ist nicht nur der junge Anthony Hopkins als bereits meisterhafter Darsteller des Charakters Pierre Besukhov, sondern auch – schon durch die Länge – die Möglichkeit tieferer Einsichten in die modernisierende aber zugleich auch tragisch-zerstörerische Rolle Napoleons in Europa, in russische Gepflogenheiten der Zeit, in die möglichen Fallen der Liebe und dem Weg zum erfüllten Glück, sowie in heute so aktuell wie nie geltende philosophische Ansichten über den Sinn des Lebens.

Obwohl nicht ehelicher Sohn eines Grafen, erbt Pierre Besukhov von seinem Vater ein riesiges Vermögen. Dadurch wird er für die habsüchtige und berechnende Hélène Kuragina zum willkommenen Opfer. Der ewig Unentschlossene wird förmlich in die Ehe gedrängt und später zum gehörnten Ehemann, der im Duell die Ehre seiner Frau verteidigen muss. Pierre denkt viel über die Philosophie des Lebens nach, wird vom Vergnügungssüchtigen zum tiefgläubigen Freimaurer und versucht später vergeblich, ein Attentat auf Napoleon zu verüben. Seine wichtigste Lektion lernt er jedoch während seiner Kriegsgefangenschaft vom bescheidenen gütigen Bauern Platon Karatajew: alles zu lieben, selbst die Schicksalsschläge, anderen zu helfen, zu vergeben und an Gott zu glauben – das ist der Sinn des Lebens... "Trouble is but an hour, life is forever" ("Schwierigkeiten dauern eine Stunde, das Leben ist ewig") sagt der liebenswerte Platon.

Die beiden napoleonischen Feldzüge und das taktische Geschick des idealisiert dargestellten russischen Generals Kutusov werden in Szene gesetzt. Man muss dazu erwähnen, dass das BBC keine Angst hat vor schief hängenden Uniformen und schlecht sitzenden Perücken, aber das nur nebenbei. Wichtige Schlachten wie die von Austerlitz oder bei Moskau, Smolensk und Borodino werden dargestellt, was schon als solches eine große filmische Leistung ist und bei dieser Verfilmung nicht fehlen darf.

Natasha ist die quirlige Tochter des finanziell ungeschickten Ilya Rostov, der seine Familie in große Engpässe und dadurch seine Frau dazu bringt, berechnende Ehepläne für ihre Kinder zu schmieden. Herzstück des ganzen filmischen Epos ist die tragische Liebesgeschichte zwischen Natasha und dem jungen steinreichen Witwer Andrej Bolkonsky. Der reifere Andrej verlangt auf Anraten seines griesgrämigen Vaters, seine noch sehr junge Verlobte Natasha für ein Jahr zu verlassen, bevor sie heiraten. Die schwer zu ertragende Trennung führt Natasha zu einer Verzweiflungstat – sie gerät in eine suchtähnliche abhängige Leidenschaft zu Hélènes hinterhältigem Bruder Anatol Kuragin und wird nur mit Mühe von ihrer Familie davor bewahrt, ihren Ruf und den ihrer Familie durch eine Flucht mit dem bereits verheirateten Offizier zu ruinieren. Andrej kann ihr den nicht erfolgten Fehltritt dennoch nicht vergeben. Erst später führen ihre Lebenswege wieder in Versöhnung zueinander, als Andrej schwer verwundet auf dem Sterbebett liegt. Auch heute noch kann der Zuschauer die zerstörerische Wirkung der Unfähigkeit zur Vergebung erkennen.

Zwischen Andrejs Schwester Marja und Nikolaj Rostow entwickelt sich während der Kriegswirren eine große Zuneigung. Nikolaj – seiner Cousine Sonja in Liebe versprochen – kann sich nicht dazu entscheiden, sein Wort zu brechen. Erst als Sonja ihn – unter dem Druck der Mutter – freigibt, kann er die ersehnte Ehe mit Marja eingehen. Als Kriege und Tod, Verarmung und Verzweiflung endlich vorbei sind, finden die gereiften Pierre Besukhov und Natasha Rostowa in Liebe zueinander und in einem idyllischen Eheleben ihr Glück. Mit minimalistischen filmischen Mitteln wie einem vertrauten Gespräch des liebenden Ehepaars beim Zubettgehen vermag der Film dem Zuschauer das Gefühl der Harmonie zu vermitteln.

Zehn Stunden Kostümdrama mit hervorragenden Schauspielern ist garantiert – obwohl man gerechtigkeitshalber sagen muss, dass Audrey Hepburn 1956 eine charismatischere Natasha abgab als Morag Hood in der BBC-Version, und auch Mel Ferrer einen bestechenderen Bolkonsky als der spätere Alan Dobie. Dennoch, es ist äußerst sehens- und empfehlenswert, sogar für Jugendliche (es gilt eine Altersbeschränkung ab 12 wegen der Kriegsszenen), weil das Epos eine Orientierung fürs Leben anbietet.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Krieg und Frieden (1972 - 1974)
(War & Peace 1972 - 1974)

GB 1972 - 1974
Regie: John Davies;
Darsteller: Anthony Hopkins (Pierre Besukhov), Morag Hood (Natasha Rostova), Alan Dobie (Prinz Andrej Bolkonsky), Rupert Davies (Graf Rostov), Joanna David (Sonya), Faith Brook (Gräfin Rostova), Angela Down (Prinzessin Maria Bolkonskya), Sylvester Morand (Nikolai Rostov), David Swift (Napoleon) u.a.;
Drehbuch: Jack Pulman nach dem Roman von Leo Tolstoj; Produktion: BBC, David Conroy; Kamera: Peter Hall; Musik: Carl Davis; Schnitt: Gordon Clarke;

FSK: ab 12 Jahren



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