21.02.2013
Herz über Kopf

Kopfüber


Kopfüber: Marcel Hoffmann, Inka Friedrich "Weißt du eigentlich, dass du nicht mehr lachen kannst?", fragt Elli als Sascha beim gemeinsamen Anhören einer ihrer Geräuschkompilationen einnickt. Weiß er nicht. Das verrät das Blinzeln des 10-Jährigen, dessen Perspektive Bernd Sahling in seinem Mix aus Kinderfilm und Sozialdrama schon im Titel einnimmt: "Kopfüber". So stürzt sich Sascha (Marcel Hoffmann) in Wutausbrüche, Diebstähle und die nächste Ablenkung.

"Machst du auch was länger als zwei Minuten?", fragt ihn der Sozialarbeiter Frank, der Saschas überforderter Mutter (Inka Friedrich) als Erziehungshelfer zur Seite gestellt wird. Doch, denn auf einmal kann der junge Randalierer, der zuvor an Grundschultexten scheiterte, sich auf Dinge konzentrieren und lesen. Sein Alltag läuft nun nach der Uhr, die ihm die Amtsneurologin schenkt. Wenn sie piept ist es Zeit für seine Medikamente. Sie lindern die diagnostizierte Verhaltensstörung und seinen Aktionsdrang. "Aber ganz geheuer ist mir das nicht", meint die Mutter, während Sascha Lernerfolge genießt – bis seine einzige Freundin Elli (Frieda-Anna Lehmann) ihm das veränderte Verhalten vorwirft. Der verdutzte Blick, den er sonst beim routinierten Lügen aufsetzt, wirkt da ausnahmsweise authentisch. Ein Gefühlsmangel spricht aus Marcel Hoffmanns instinktivem Spiel nie. Antrieb und Affekt sind bei dem zuvor rastlosen Hauptcharakter seit Beginn der Medikation reduziert; auf ein erträgliches Maß. Wie dieses von seinem restlichen Umfeld wahrgenommen wird lässt Sahling im Vagen, wie auch Saschas eigenes Empfinden.

Kopfüber Das zentriert sich vor der Medikation ganz auf seine Person. Zu Rücksichtnahme, Anteilnahme oder Zuneigung ist er unfähig. Selbst die Kameradschaft mit Elli scheint eher eine Zweckgemeinschaft, eingegangen von Sascha mangels anderer Freunde. Seine Außenseiterrolle in Schule und Wohnumgebung scheint direkte Folge dieses sozialen Fehlverhaltens, das er weder mit noch ohne neuropsychologische Therapie als solches erkennt. Darin liegt die Diskrepanz zwischen der Problematik, die "Kopfüber" vor sich her trägt, und der, die der unentschlossene Kinderfilm vermittelt. Bedenklicher als das Aufmerksamkeitsdefizit sind Saschas dissoziale Impulse, die Frank so wenig wie seine Mutter kümmern. "Kümmern" ist generell nicht die Stärke der berufstätigen Alleinstehenden mit drei Kindern, von denen jedes auf unterschiedliche Weise verhaltensauffällig wirkt. Der volljährige Bruder Daniel ist ebenfalls ein kleinkrimineller Schulversager, dessen Negativvorbild Sascha hartnäckig vorgehalten wird.

Die ältere Schwester Mandy liegt Tag für Tag rauchend vorm Fernseher, wo auch die übrige Familie meist rumhängt. "Wir brauchen jemanden, der dir hilft", sagt die Mutter anfangs zu Sascha und fügt hinzu: "Der uns hilft." Rund 90 Filmminuten später haben ihr Sohn und sie diese Hilfe bekommen und etwas weit bedeutenderes darüber hinaus: den Ausblick auf eine Zukunft, die den Namen auch verdient – wenn nicht mehr für die Geschwister, dann wenigstens für Sascha. "Lachen brauch ich nicht", kontert er Ellis Bemerkung, aber Sahling und Co-Drehbuchautorin Anja Tuckermann meinen, dass Kinder immer Lachen brauchen. Auch und besonders, wenn sie gar keinen Grund dazu haben. Die trügerisch beruhigende Botschaft ist auf den zweiten Blick so deprimierend wie der unbefriedigende Schluss. Er setzt die Charaktere an den Ausgangspunkt ihrer Reise – und legt nahe, dass sie nichts aus ihr gelernt haben.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Kopfüber  
 
Deutschland 2012
Regie: Bernd Sahling;
Darsteller: Inka Friedrich (Frau Mertens), Marcel Hoffmann (Sascha), Frieda-Anna Lehmann (Elli), Claudius von Stolzmann (Frank) u.a.;
Drehbuch: Bernd Sahling, Anja Tuckermann; Produzent: Jörg Rothe; Kamera: Anne Misselwitz; Musik: Ralf R. Ollertz; Schnitt: Jörg Hauschild;

Länge: 93,38 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 7. November 2013
ein Film in der Sektion Generation Kplus der 63. Berlinale 2013



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der Film im Katalog der 63. Berlinale 2013
<21.02.2013>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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