01.04.2019
Ungarischer Berlinale-2017-Gewinner

Körper und Seele


Wie sich die Seele unter der dünnen Haut aufbäumen und zusammenkauern kann scheint dieser Film ergründen zu wollen. Wie unentdeckt dies bleiben kann, solange niemand hinschaut. Und welches Glück möglich ist, wenn man sich aus seiner Verwundbarkeit heraustraut. In einem Budapester Schlachthaus stellen die neu eingestellte Qualitätskontrolleurin Mária (Alexandra Borbély) und ihr Kollege Finanzchef Endre (Géza Morcsányi) durch einen (an Woody Allens Stil erinnernden) Zufall fest, dass sie nachts denselben Traum haben. Was tut man mit so einer Erkenntnis? Läuft man schreiend auseinander? Ergründet man das Unvorstellbare? Verbindet man Realität und Traum?

Die autistisch veranlagte Mária, die in jahrelanger mühevoller Arbeit soziale Konventionen und emotionale Reaktionen anhand von Gesichtsmustern erlernen musste, wird aus ihrem inneren Dornröschenschlaf geweckt, als sie auf den höflichen und behutsamen aber lethargischen und ausgebrannten Endre trifft. Beide sind zurückhaltend und scheu, verstecken aus unterschiedlichen Gründen ihr Innerstes. Und beide verbrennen innerlich in ihrer Sehnsucht nach Liebe und Nähe. Sie merken instinktiv die Gleichgesinntheit des Anderen.

Eine Strophe aus einem Gedicht ist das Motto des Films, so Regisseurin Ildikó Enyedi – frei übersetzt lautet es:

"Das Herz, eine lodernde Flamme im Licht /
Das Herz, wie mächtige Schneewolken /
und doch im Inneren, während Flocken im Flug brennen /
glühen sie wie endlose Flammen einer brennenden Stadt."

Um diesen Widerspruch geht es: nach außen tragen die Hauptprotagonisten eine passive Maske der Zurückgezogenheit, während im Inneren Träume und Wünsche schwelen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen.

Der Berlinale-Gewinner 2017 bringt zwei außergewöhnliche Schauspieler auf die Leinwand, die mit großem Fingerspitzengefühl die Balance halten zwischen unterdrückter Ängstlichkeit und aufopfernder Wagnis. Beide Charaktere treten in einem Spießrutenlauf aus sich heraus, um sich gegenseitig zu suchen. Und wie der Film die blutige Brutalität der Schlachtung, die Körperlichkeit des Ausnehmens und Zerteilens des Fleisches zeigt, und zugleich die herzzerreißende Ergebenheit der vertrauensseligen Tiere, die von ihrem Ende nichts ahnen, so spielt der Film auf diesen beiden Ebenen auch mit den Menschen – Endres linker Arm ist gelähmt, Márias linker Arm wird versehrt, das tägliche Essen, Nahaufnahmen einzelner Gerichte, die Exploration einzelner Facetten der Sexualität wird evoziert, während sie in szenisch kunstvollen Naturaufnahmen im Traum als Hirsche wortlos zart und einander zugetan sind. Es scheint fast, als ob Körper und Seele, Realität und Traum, voneinander getrennt bleiben müssen. So kippt die Spannung des Films wie ein zu lange angehaltener Atem manchmal ins Leere, wird jedoch immer wieder neu aufgebaut.

Bei den Nebencharakteren ebenfalls, wenn auch auf andere Art und Weise gespiegelt, ist die Dualität der äußeren Erscheinung im Widerspruch zum Charakter, der Unerwartetes offenbart. So ist der langjährige Freund plötzlich ein Dieb und der grobe Neuangestellte ein verlässlicher Kumpel. Ästhetisch ist der Film ein Genuss, jede Szene, auch die kleinsten Gesten, sind mit Fantasie, Farbgefühl und Zartheit umgesetzt, man merkt die Einfühlsamkeit der Regisseurin.

Der Film ist ab 20. April 2019 bei der Online-Videothek MUBI verfügbar: https://mubi.com/de  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Körper und Seele (Teströl és lélekröl) 
 
Ungarn 2017
Regie & Drehbuch: Ildikó Enyedi;
Darsteller: Géza Morcsányi (Endre), Alexandra Borbély (Mária), Zoltán Schneider (Jenö), Ervin Nagy (Sanyi), Tamás Jordán (Márias Arzt), Zsuzsa Járó (Zsuzsa), Réka Tenki (Klára), Júlia Nyakó (Rózsi), Itala Békés (Zsóka) u.a.;
Produzenten: Ernõ Mesterházy, András Muhi, Mónika Mécs; Kamera: Máté Herbai; Musik: Adam Balazs; Schnitt: Károly Szalai;

Länge: 115,33 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Alamode Film; deutscher Kinostart: 21. September 2017

Auszeichnungen:

Goldener Bär der Berlinale 2017



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Online-Videothek MUBI
<01.04.2019>


Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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