25.04.2012
Komödie à la carte

Kochen ist Chefsache


Kochen ist Chefsache: Jean Reno, Michaël Youn Daniel Cohen kredenzt dem Zuschauer mit seiner leichten, aber mitnichten oberflächlichen Komödie "Kochen ist Chefsache" einen Film, der einen das ein oder andere Mal zum Schmunzeln bringt, und dennoch mit Kritik nicht hinterm Berg hält. Zugegeben: Es gab schon originellere Titel, und man hofft, dass die etwas abgegriffene Betitelung nicht den Ton für die nächsten anderthalb Stunden setzen wird. Der Vorspann, eine Animation, in der Küchenutensilien, Tier und auch lebendige Lebensmittel die verschiedenen Namen freigeben, oder mit diesen korrespondieren, gibt aber schon ein wenig die Richtung vor. Cohens Film ist ein leichtes Menü, durchaus mit Finesse und Bedacht zubereitet, aber keineswegs Gefahr laufend auch nur im Ansatz schwer verdaulich zu sein.

Die Komik wie die Handlung selbst wird vor allen Dingen getragen von Jean Reno und Michaël Youn, die als amüsantes Duo nicht nur die Reputation der durchaus erlesenen und einzigartigen französischen Küche retten wollen, berechtigterweise retten wollen; sondern die durch ihre Begegnung und ihr Vorhaben noch eine Menge über sich selbst und ihre Mitmenschen erfahren. Reno, eigentlich der tough guy des französischen Kinos, der in "Nikita", "Léon, der Profi", "Ronin" oder "Die purpurnen Flüsse" auf der Seite der Jäger und Gejagten mit harten Bandagen, bisweilen brachial und unverwechselbar konzentriert wie kompromisslos kämpft, erobert in "Kochen ist Chefsache" etwas leiser, aber nicht minder wirkungsstark die Sympathien des Zuschauers. Seine naturgegebene Kamerapräsenz – vielleicht vergleichbar mit der Bühnenpräsenz eines bekannten Theaterschauspielers – verleiht ihm Überzeugungskraft, ganz gleich welchen Charaktertypus er auf der Leinwand verkörpert.

Als renommierter wie populärer, aber ebenso eitler und latent cholerischer 3-Sterne-Koch Alexandre Lagarde macht er Front, da er von einem Koch, der sich der post-post-modernen Molekularküche verpflichtet fühlt, ersetzt werden soll. In einer Welt, in der pseudomoderne wie pseudogesunde Ernährungskonzepte die Oberhand gewinnen und fragwürdige Zubereitungsprozesse en vogue sind, ist sein Talent nicht mehr gefragt. Als Gehilfe gleichsam, wie ein Geschenk vom Himmel, eilt ihm der gestrandete Jacky Bonnot (Michaël Youn) bei. Ein Koch, der sich sein Wissen eher als Autodidakt angeeignet hat, dem aber das Essen eine hohe Kultur ist.

Kochen ist Chefsache: Michaël Youn Youn, ein in Frankreich bekannter Komiker spielt sein komödiantisches Talent aus, wenn er zusammen mit Reno als japanisches Paar verkleidet die Konkurrenz ausspioniert, die kulturelle Gepflogenheit der Japaner natürlich ein wenig überzieht und eine wunderbare Nummer im Film abgibt. Sein aufbrausendes Gebaren, manchmal linkisches Agieren lassen an den Grandseigneur Louis de Funès schlechthin denken. Gewollt oder ungewollt erinnert er an ihn. Fantastisch auch seine überdrehten Reaktionen, die immer auch ins Groteske und Absurde hineinreichen und in Szenen gipfeln, wenn er Leuten ganz nonchalant das Essen wegnimmt, weil sie zu ihrem Kalbsragout den falschen Wein wählen.

Freilich: Was wäre ein Film aus Frankreich, zumal eine Komödie, ohne einen Schuss Liebe – und ganz en passant verliebt sich Lagarde, während Jacky seine Beziehung nach einigen Turbulenzen wieder im Griff hat. Ein kleiner aber verzeihlicher Makel sind ein paar wenige Einfälle wie der, dass die Tochter von Lagarde nach einer Auseinandersetzung zum Trotz, um den Vater zu provozieren, Cheeseburger mit Fritten bestellt.

Kochen ist Chefsache: Michaël Youn, Jean Reno Spielerisch und elegant, ohne aufgekochte wie halbherzige oder biedere Komik, macht der Film deutlich, dass das Essen auch eine wichtige Essenz unserer alltäglichen Kultur sein kann, ja muss. Er zeigt, dass die Ökonomisierung und vermeintliche Optimierung, sowie das Streben nach Profit auch in diesem Bereich keinen Halt mahen, und dass hier – wenn auch eher kleinkalibrig – Ränkespiele den Menschen verderben. Die hohe Kritikergilde bekommt ebenso ihr Fett ab wie engstirnige Pensionäre. Komik ist hier keineswegs nur hohler Selbstzweck oder Anstoß für billige Schenkelklopfer, Komik transportiert hier subtil Phänomene unserer Zeit, verbunden mit dem vielleicht etwas traumhaften oder visionären Wunsch, dass mittels dieser alles gut wird.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Senator

 
Filmdaten 
 
Kochen ist Chefsache (Comme un Chef) 
 
Frankreich 2011
Regie: Daniel Cohen;
Darsteller: Jean Reno (Alexandre Lagarde), Michaël Youn (Jacky Bonnot), Raphaëlle Agogué (Béatrice), Joulien Boisselier (Stanislas Matter), Salomé Stevenin, Serge Larivière u.a.;
Drehbuch: Daniel Cohen, Olivier Dazat; Produktion: Sidonie Dumas; Kamera: Robert Fraisse; Schnitt: Géraldine Retif;

Länge: 87,57 Minuten (Laufzeit 24fps, d.h. im Kino) oder 84,52 Minuten (Laufzeit 25fps, d.h. im Fernsehen); FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Senator Film GmbH; deutscher Kinostart: 7. Juni 2012



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<25.04.2012>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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