14.07.2010
Wenn der griechische Nationalstolz zerbricht

Kleine Wunder in Athen


Kleine Wunder in Athen: Antonis Kafetzopoulos (Mitte) Der Grieche Stavros (Antonis Kafetzopoulos), etwa 50 Jahre alt, verbringt die Tage mit Freunden vor seinem Tabakladen in einem ruhigen Athener Stadtteil. Für die Männer ist ihr Nationalstolz etwas Heiliges, und so sehen sie auf die Fremden, Albaner und Chinesen, herab, die im Viertel immer häufiger anzutreffen sind. Dann geschieht etwas, das Stavros ins Mark trifft…
Regisseur Filippos Tsitos, ein gebürtiger Athener, der seit 1991 in Berlin lebt und mit "My Sweet Home" 2001 im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, hat eine intelligente Tragikomödie zum Thema Fremdenfeindlichkeit inszeniert, es ist einer der sehenswerteren Filme des Jahres 2010.

Kleine Wunder in Athen: Titika Sarigouli "Akadimia Platonos" ist der Originaltitel des Films und gleichzeitig der Name des Athener Stadtteils, in dem der Film hauptsächlich spielt. Der Stadtteil heißt so, weil dort Platon in seiner berühmten Akademie gelehrt haben soll, jetzt ist er normales städtisches Wohngebiet. Die Wahl der Lokalität für Titel und Schauplatz des Films macht Sinn und ist wunderbar interpretierbar: Griechenland träumt von seiner glorreichen antiken Vergangenheit, zum Beispiel von der Zeit, in der Platon lebte, während die Gegenwart ignoriert wird und Tristesse bedeutet, daher der ironisch gemeinte Filmtitel. Der Film kommt 2010 ins Kino, in dem Jahr, in dem Griechenland seine ökonomische Pleite zugeben und von der EU gerettet werden muss. Die vier Freunde um Stavros faulenzen den Tag über, sie sind Charaktere, an denen die Misere des Staates exemplifiziert wird. Sie leben nur rein geographisch auf den Spuren Platons, die Männer sind Chauvinisten. Einer von ihnen hält sich einen Hund namens "Patriot", der in der Lage sein soll, die bei Griechen verhassten Albaner zu erkennen und anzubellen. Die vier Freunde lästern bei jeder Gelegenheit gegen die im Viertel immer zahlreicher vorkommenden, fleißig arbeitenden Albaner und Chinesen. Ein Chinese möchte Stavros den Laden abkaufen – Stavros könnte dann weiterhin den Tag über vor dem Laden sitzen und bekäme sogar Miete dafür. Er lehnt natürlich ab, aus den bekannten Gründen. Stavros hat andere Sorgen: Er muss seine Mutter (Titika Sarigouli) nach einem Schlaganfall betreuen, seine Frau hat ihn gerade verlassen, und sogar seinem Nationalstolz wird der Boden entzogen: In einem der Albaner (Anastasis Kozdine) erkennt seine Mutter ihren verloren geglaubten Sohn wieder, eine Katastrophe für Stavros. Denn die Mutter spricht plötzlich perfekt albanisch und behauptet, dass sie in jungen Jahren von Albanien nach Griechenland wechselte. Für Stavros bedeutet das, er ist kein Grieche. Dabei hat er bei Länderspielen so gerne mit seinen Freunden gesungen: "Albaner, du wirst nie ein Grieche sein". Die Freunde rücken von Stavros ab, während seine Mutter und sein potenzieller Bruder ihn in albanische Lokale ausführen.

Kleine Wunder in Athen: Antonis Kafetzopoulos, Anastasis Kozdine Mit einem Figurenensemble, das an die Filme Aki Kaurismäkis oder Emir Kusturicas erinnert, gelingt Regisseur Filippos Tsitos ein Film mit genial abgründigem Humor. Einmal geben Stavros' befremdete Freunde dem Schlaganfall die Schuld, dass die Mutter nun albanisch zu sprechen in der Lage ist. Dabei ist der Humor des Films niemals platt und auf laute Lacher ausgerichtet, er funktioniert auf einer sarkastischen Ebene. Und auf einer traurigen: Der melancholische Albaner, der in das Leben Stavros' und dessen Mutter tritt und als Kind ausgesetzt worden war, erhielt den Namen Marenglen, eine Zusammensetzung aus Marx, Engels und Lenin. Die Politik, der Kommunismus Albaniens und die griechischen Turbulenzen, bleibt aber im Hintergrund. Das Gewicht des Films liegt auf der Beobachtung alternder Individuen, die sich durchs Leben schlagen, entweder indem sie wie Marenglen in der Fremde arbeiten oder wie die vier griechischen Freunde nichts tun und an Fremden ihre Frustration auslassen. Am Schluss des Films werden viele der Protagonisten einen Läuterungsprozess hinter sich haben. Es ist eine der vielen Stärken des Films von Filippos Tsitos, dass hier Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus so entlarvt werden wie Stavros' Nationalstolz im Film zerbricht, woraus griechische Kinogänger, aber nicht nur die, etwas lernen können.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Neue Visionen

 
Filmdaten 
 
Kleine Wunder in Athen (Akadimia Platonos) 
 
Griechenland / Deutschland 2009
Titel für den englischsprachigen Markt: Plato's Academy
Regie: Filippos Tsitos;
Darsteller: Antonis Kafetzopoulos (Stavros), Anastasis Kozdine (Marenglen), Titika Sarigouli (Mutter), Giorgos Souxes (Nikos), Konstantinos Koronaios (Argyris), Panayiotis Stamatakis (Thymios), Maria Zorba (Dina) u.a.; Drehbuch: Alexis Kardaras, Filippos Tsitos; Produktion: TWENTY TWENTY VISION und PAN ENTERTAINMENT S.A. in Koproduktion mit ZDF - Das kleine Fernsehspiel in Zusammenarbeit mit ARTE, ERT S.A.; Produzenten: Thanassis Karathanos, Constantin Moriatis; Kamera: Polidefkis Kirlidis; Musik: Vaggelis Zelkas, Costas Varibopiotis, Enstro; Länge: 107 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Neue Visionen; deutscher Kinostart: 22. Juli 2010

Auszeichnungen:
Int. Filmfestival Locarno 2009: Silberner Leopard für Antonis Kafetzopoulos als Bester Schauspieler
Filmfestival Max-Ophüls-Preis 2010: Beste Filmmusik



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<14.07.2010>


Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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