Dezember 2005 (Publikation der Rezension)
27. Oktober 2005 (deutscher Kinostart des Films)

Lieder, die die Welt nicht braucht

Keine Lieder über Liebe

Das Vorhaben hörte sich interessant an: Ein Film über zwei klassische Themen, Liebe und Musik, angesiedelt irgendwo in der Schnittmenge zwischen Dokumentation und Spielfilm. Doch "Keine Lieder über Liebe" wird seinen Ansprüchen nicht gerecht und scheitert auf die wohl trivialste Art und Weise, nämlich an Langeweile.

Das liegt gewiss nicht an der Idee: Tobias (Florian Lukas), ein angehender Filmemacher, will sein abendfüllendes Debüt drehen. Er entscheidet sich für eine Dokumentation über die zwei wichtigsten Menschen in seinem Leben, seine Freundin Ellen (Heike Makatsch) und seinen Bruder Markus (Jürgen Vogel). Letzterer ist Musiker, steht kurz vor einer Deutschlandtournee und hatte, wie Tobias argwöhnt, vor einem Jahr etwas mit Ellen. Die Drehaufnahmen zur Tour werden folglich zur Bühne von Anklage, Untersuchung und Urteil der fragilen Dreiecksbeziehung. Dabei ist Keine Lieder über Liebe mehr Projekt als Film: Die Konstellation „Frau zwischen zwei Männern“ wird je nach Medium – es gibt noch das Buch und die CD zum Film – aus einer unterschiedlichen Perspektive erzählt.

Zumindest dem Medium Film hat seine Methode das Genick gebrochen. Die Hauptcharaktere werden von professionellen Schauspielern dargestellt, während die Statisten sich selbst spielen. So wurde eigens für den Film die Musikgruppe „Hansen“ gegründet, bei deren dreiwöchiger Tour durch Norddeutschland Keine Lieder über Liebe gedreht worden ist. Um den authentischen Bezugsrahmen nicht zu zerstören, verfiel Regisseur Lars Kraume auf die verhängnisvolle Idee des method actings. Mit wenigen Informationen ausgestattet sollten Lukas, Makatsch und Vogel spontan agieren und so den Verlauf des Films beeinflussen. Davon haben die drei leider auch ausgiebig Gebrauch gemacht: Was zunächst noch wie eine angemessene Mimesis von Menschen wirkt, die eine auf sie gerichtete Kamera nicht gewohnt sind, entwickelt sich nach wenigen Minuten zu nicht enden wollenden Probeaufnahmen aus einer drittklassigen Schauspielschule. Selten hat man von eigentlich passablen Schauspielern so viel belangloses, pseudohippes Geblubber gehört. Dank der Reduzierung von Schauspielerei auf overacting wirken die drei Charaktere wie Kopfgeburten übernächtigter Werbedesigner statt glaubwürdige Teilnehmer einer Dokumentation.

Die misslungene Synthese von Fremd- und Selbstdarstellen wäre vielleicht noch zu verschmerzen gewesen, wenn Kraume nachträglich stärker in den Film eingegriffen hätte. Zum einen hätte er einigen Szenen im Schneideraum die Länge nehmen oder sie gleich ganz rausschneiden können. Zum anderen hätte er stringenter der Projektmaxime – ein Minimum an Handlung – folgen sollen: Vor allem nach dem Bruch zwischen Tobias und Ellen franst die Resthandlung grundlos aus und schafft damit dort neue Längen, wo Stringenz bereits eine Mangelware ist.

Ergebnis dieser Unterlassungssünden ist ein deutsches Blair Witch Project: Ein im Grunde genommen trivialer Film, der erst durch das übergeordnete (Marketing-) Projekt an Größe gewinnt. Der amerikanische Independentfilm und Überraschungserfolg hat sich Monate vor der Aufführung geschickt der Mär „authentischer Ereignisse“ bedient und so das Zuschauerinteresse enorm gesteigert, ja überhaupt erst geweckt hat. Keine Lieder über Liebe besticht durch die Unmittelbarkeit des ganzheitlichen Improvisationskonzeptes und eine gute, weil erzähltechnische Begründung des üblichen Merchandisings (Buch, CD). Doch bedauerlicherweise fehlt es Kraumes Film darüber hinaus sowohl an Atmosphäre als auch an Humor, die 90 Minuten zielloses und zwangsimprovisiertes Dauergequatsche konsumabel machen.
 
Thomas Hajduk / Wertung: * (1 von 5)

Quelle der Fotos: Film1


Filmdaten

Keine Lieder über Liebe

Deutschland 2005; Buch und Regie: Lars Kraume;
Darsteller: Florian Lukas (Tobias Hansen), Jürgen Vogel (Markus Hansen), Heike Makatsch (Ellen), Monika Hansen (Mutter), Thees Uhlmann (Thees/Gitarre), Marcus Wiebusch (Marcus/Gitarre), Felix Gebhard (Felix/Bass), Max Martin Schröder (Max/Schlagzeug) u.a.; Drehbuch: Lars Kraume; Produktion: Henning Ferber, Sebastian Zühr, Lars Kraume; Kamera: Sonja Rom; Länge: 101 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Film 1 / Alamode Film; Film-Homepage: http://www.keine-lieder-derfilm.de




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("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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