21.11.2009
Money makes the world go round

Kapitalismus:
Eine Liebesgeschichte


Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte: Michael Moore stattet dem Kapitol in Washington einen Besuch ab Filmemacher Michael Moore ist ein Populist und Agitator. Er möchte, dass sein Publikum seine Meinung teilt. Immerhin, er kämpft für die Armen - er steht auf der guten Seite. Oder? Das nämlich kommt ganz auf den Standpunkt an, den der potenzielle Zuschauer vertritt. Ist dieser ein Superreicher, der aus lauter Gier auf Kosten armer Menschen noch mehr haben will, so ist der hier im falschen Film. Denn Michael Moore prangert die Auswüchse des Kapitalismus an, er kritisiert, wie das Geld seit der Reagan-Ära in den USA von unten nach oben verschoben wurde mit allen Konsequenzen für die Armen und arm Gewordenen.

Von Bertolt Brecht stammt das Zitat: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Michael Moore scheint das Zitat zu kennen. Denn er beginnt seinen Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" mit den Bildern einer Überwachungskamera während eines Banküberfalls.
Einen Banküberfall auszuführen, ja, daran habe er auch schon gedacht, lässt Michael Moore vor der Kamera einen Mann sagen, der soeben mit seiner Familie wegen Schulden aus seinem Haus vertrieben wird. Das ist typisch für Moores Filme: Er lässt in ihnen Normalos zu Wort kommen, denen durch die Missstände in der US-Gesellschaft Leid zugefügt wird. Die Banken nehmen keine Rücksicht auf Menschen, die wegen ihrer Schulden ihre Häuser nicht halten können.

Seit 20 Jahren ist Michael Moore jetzt Dokumentarfilm-Regisseur. 1989 drehte er "Roger & Me" über die Massenentlassungen bei General Motors und die damit einhergehende Ausblutung der Region. Mit "Bowling for Columbine" (2002), für den er den Academy Award, den Oscar erhielt, wurde Moore auch in Deutschland bekannt: Da befasste er sich mit den Waffennarren Amerikas, die seiner Ansicht nach eine Mitschuld am Amoklauf zweier Schüler der Columbine High School tragen. Es folgte 2004 "Fahrenheit 9/11", bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme als Bester Film ausgezeichnet, in dem Moore Präsident George W. Bush Kriegspolitik scharf anging. In "Sicko" befasste er sich 2007 mit der medizinischen Versorgung Amerikas. Beispielsweise kritisierte er dort, wie ein Mann, der sich versehentlich durch einen Unfall zwei Finger abschnitt, tausende Dollar hätte zahlen müssen, um seine Finger wieder angenäht zu bekommen – Geld, das der Mann leider nicht hatte.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte: FilmplakatNun folgt sein achter Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte", in dem Moore nichts Geringeres unternimmt, als das gesamte System der USA in Frage zu stellen. Die Marktwirtschaft sei auf einem falschen Weg dank seiner Politiker, erläutert Moore. Diese unterwerfen sich ihren Beratern, die als Zwischenhändler der Banken und sonstiger Unternehmen fungieren. So machte Ronald Reagan mit Don Regan einen solchen Einflüsterer zum Finanzminister und Stabschef – und prompt senkte Reagan die Steuern für Wohlhabende. Dabei waren die Steuern, und das ist eine der verblüffenden Neuigkeiten in Michael Moores Film, zuvor für reiche Menschen bei bis zu 94 Prozent angesetzt! Damals, so Moore, ging es den Reichen trotzdem gut. So wie es den nicht so Wohlhabenden ebenfalls nicht schlecht erging. Dann kam Reagan, und die Umverteilung folgte zu Lasten der Ärmeren.

Sogar der aktuelle US-Präsident Barack Obama, den Moore ansonsten lobt, hat solch einen Menschen in seinem Kabinett sitzen, stellt Moore fest: Finanzminister Timothy Geithner. Als die Wirtschaftskrise ausbrach, arbeiteten Republikaner und Demokraten Hand in Hand, als es darum ging, 700 Milliarden Dollar den nun "Not leidenden Banken" (das deutsche Unwort 2008) aus dem Staatshaushalt zu vermitteln. Dabei waren diese an der Misere schuldig, weil sie mit komplexen Derivaten handelten, an denen die Banker sich bereicherten, Derivate, die selbst Fachleute nicht mehr verstehen – Moore lässt in seinem Film Fachleute vergeblich deren Zweck erklären.

Moore bastelt weitere Beispiele für die Gier ohnehin Reicher zusammen. In einer US-Provinz gab es ein Jugendgefängnis, in das Halbwüchsige über viele Monate gesteckt wurden zur Resozialisierung. Ihre Vergehen: Zum Beispiel warf ein Jugendlicher ein Steak nach dem Freund der Mutter. Ein Mädchen wurde Gras rauchend erwischt. Also steckte man sie in dieses Gefängnis – ein privates Gefängnis, dessen Betreiber an möglichst vielen Insassen verdiente. Also bestach er den Richter, die Kinder zu ihm zu bringen.

In den USA gibt es die kuriose Regelung, erklärt Michael Moore des Weiteren, dass Unternehmen auf ihre Arbeiter Lebensversicherungen abschließen können. Deren Tod wird regelrecht herbeigesehnt, denn dann fließen Millionen – aber die Familien der Verstorbenen gehen leer aus, denn sie werden von den Unternehmen nicht finanziell unterstützt.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte: Michael Moore erklärt die New Yorker Börse zum TatortSo sammelt Michael Moore lauter Anklagen, die alle für sich einen moralischen Aufschrei darstellen. Doch was ist die Alternative? Der Kommunismus? Immerhin, indem Moore seinen Film "Kapitalismus - ..." nennt, ruft er damit Karl Marx auf den Plan. Aber er befasst sich nicht mit den möglichen System-Alternativen, und das ist das große Manko des Films. Moore will einfach eine Besserung der Lebensverhältnisse für seine Mitmenschen gezielt herbeiführen und geriert sich dabei als großer Volksaufklärer mit populistischen Maßnahmen: An der Wall Street benutzt Moore ein Megafon, um das Geld für die Bürger zurückzuverlangen. Als "Tatort" umwickelt er die gesamte New Yorker Börse mit gelbem Polizei-Absperrband. Das sind Mätzchen. Man denke daran: An seinen Filmen verdient er auch – er wird reich durch diese Pseudo-Handlungen. Einen wirklichen Ansatz, die Missstände zu beseitigen, hat der Regisseur nicht wirklich. Michael Moore ist aber ein großer Aufklärer, und das mit ehrlicher, nicht von der Hand zu weisender Leidenschaft. Er öffnet dem Zuschauer die Augen für die Missstände, und das ist sein großes Verdienst, so dass es durchaus wichtig für den an den negativen Auswüchsen des Kapitalismus interessierten Zuschauer ist, diesen Film zu sehen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Concorde Film

 
Filmdaten 
 
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (Capitalism: A Love Story) 
 
USA 2009
Regie: Michael Moore;
Produktion: Michael Moore, Anne Moore, Kathleen Glynn, Bob Weinstein, Harvey Weinstein, Rod Birleson, John Hardesty; Kamera: Daniel Marracino, Jayme Roy; Originalmusik: Jeff Gibbs; Länge: 127 Minuten; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih; deutscher Kinostart: 12. November 2009



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<12.11.2009>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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