Dezember 1997

Kap der Angst

Ein muskulöser, glänzender Rücken, dessen ausfüllende Tätowierung sich liegestützend hebt und senkt. "Truth" und "Justice" steht unter den Waagschalen, die an einem Holzkreuz hängen. Der Verfechter dieser Grundsätze ist Max Cady (Robert de Niro), der kurz darauf aus dem Gefängnis entlassen wird. "Meine Zeit ist gekommen" und "Die Rache ist mein" lesen wir ein paar Filmminuten später auf seiner Brust und wissen bereits, wem diese wilde Entschlossenheit gilt: 12 Jahre ist es her, als der Anwalt Sam Bowden (Nick Nolte) Cady verteidigte, die Anklage: Vergewaltigung einer 16-Jährigen.

Der unerbittliche Haß des Sträflings hat seinen Grund: Die Strafe wäre milder ausgefallen, hätte der von der Unschuld seines Klienten leider ganz und gar nicht überzeugte Jurist nicht einige entlastende Informationen unterschlagen. Zielstrebig tritt er nun seinen Vergeltungsfeldzug an, indem er die heile Welt seines Opfers Stück für Stück auseinandernimmt, wobei er weder gegenüber seiner Frau Leigh (Jessica Lange), noch ihm einen Moment verhehlt, was seine grausamen Absichten sind. Einzig die Annäherung an Tochter Danielle (Juliette Lewis) ist subtilerer Natur: Als den Sorgen einer Teenagerin verständnisvoll gegenüberstehender Theaterlehrer schafft er es auf verführerische Weise, die zwischen Angst und Faszination schwankende 15-Jährige bis zum alles entscheidenden Finale am "Cape Fear" für sich zu gewinnen - obwohl sie schnell begreift mit wem sie es zu tun hat...

Schnitt. 30 Jahre zurück: Anwalt Jack Bowden alias Gregory Peck, angesehen, sympatisch und von einer fast glatten, charismatischen Selbstsicherheit wird nach einer Gerichtsverhandlung von einem "Fremden" angesprochen, der sich, nicht weniger gepflegt und redegewandt, ohne Umschweife als Max Cady entpuppt, den er vor 8 Jahren ins Gefängnis gebracht hat, weil er ein Mädchen belästigte. Ohne Accessoires wie vulgäre Kraftausdrücke, verspiegelte Sonnenbrille und Körperschmuck-Parolen, schaffte es Robert Mitchum mit unvergleichlich schlagfertiger Arroganz und ständiger Grausamkeit im Augenwinkel, dem Zuschauer sowie der wirklich heilen Familie Bowden (die neue Ehe ist schon im vornherein von Lug und Trug durchkriselt) panische Angst einzujagen. Als das personifizierte Böse ohne entschuldigende Umstände wie undurchsichtige Machenschaften seines Widersachers untergräbt er das sichere Fundament Bowdens heiler Welt, indem er so elegant und eloquent durch die gesetzlichen Lücken schlüpft, daß man sich fast bei einem Anflug von Bewunderung ertappt. Obwohl die Doppelbödigkeit des Remake-Bösewichts aus Charme und Grausamkeit einer beunruhigenden Wirkung nicht entbehrt, und eine gewisse Rechtfertigung derselben durch den Betrug des Anwalts an seinem einstigen Klienten nicht nur programmatisch ist für die heutige Zeit (wenigstens wird nicht zum immer dankbaren Motiv der "schlimmen Kindheit" gegriffen), sondern sich vielleicht auch bewußt abhebt von der schwarz-weißen Sichtweise von Gut und Böse des Schwarz-Weiß-Streifens, kommt es nicht zu einer möglichen Qualitäts- oder gar Spannungssteigerung. Gerade die Schlichtheit der ursprünglichen Handlung, die sich geradlinig und ohne Nebenstränge einzig um einen primitiven Rachefeldzug windet, fasziniert, weil sie ohne Schmuck und Tempo keinen Moment langweilig und langsam wird.

Ohne Nostalgie und Sentimentalität: Martin Scorsese ist mit seinem farbenfrohen "Kap der Angst" ein zweifellos spannender Thriller gelungen, der jedoch just verblasst in dem Moment der Erinnerung an den Geniestreich von 1961 - und im Vergleich zu anderen Zusammenarbeiten des Regisseurs mit dem legendären "Taxi Driver", daneben "Good Fellas" oder "Casino". Neben der mehr als überzeugenden Darstellung eines gewohnt brillianten de Niro - die wiederum das reichlich blasse Spiel des Schauspieler gewordenen Verfallsdatums Nick Nolte noch deutlicher hervorhebt - und einer fantastisch pubertär-zahnspangig lächelnden und drucksenden Juliette Lewis in ihrer ersten großen Rolle, haben wir es bei dem Remake mit einem zweischneidigen Schwert zu tun: Auf der einen Seite steht die große Freude über die zahlreichen Relikte aus dem Original, angefangen beim völlig identischen Soundtrack, der schon am alten Kap die Nerven flattern ließ, über den erfreulichen Gastauftritt der beiden Ex- Giganten, die sich als Anwälte auf vertauschten Seiten noch einmal die Ehre geben, bis hin zum fast ungeänderten Handlungsverlauf - und genau da liegt die Crux des Remakes begraben bzw. viel zu offensichtlich: Ein ähnlicher, den Zuschauer vage an das Original erinnernder Film, der überzeugt und fesselt durch neue Ideen, Spannungseffekte und sinnvolle (!) Einsetzung der heutigen technischen Möglichkeiten, hätte eine Chance gehabt, jedoch ein streckenweise werbefilmartig colorierter "Köder für die Bestie" - die zwanzigminütig eingeblendeten Standbilder der Familienvilla im Fototapeten-Sonnenuntergang überraschen durch mehr als fragwürdige Überflüssigkeit - mit einem Halbstarken Max Cady und unnötiger Ehekrise angereichertem Plot begeistert allenfalls den Zuschauer, der noch nie unruhig in seinem Sessel herumrutschte angesichts der ungeschminkten Boshaftigkeit und Bedrohlichkeit Robert Mitchums. Für jeden anderen dürfte die Kopie trotz Starbesetzung zur peinlichen Blasphemie geraten - und zu einem verklärten Gesicht beim Gedanken ein kleines Meisterwerk - eben doch Nostalgie und Sentimentalität...  

Barbara Weitzel / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Kap der Angst
(Cape Fear)
USA 1991

Regie: Martin Scorsese; Drehbuch: Wesley Strick; Produktion: Barbara deFina; Kamera: Freddie Francis; Musik: Elmer Bernstein
Darsteller: Robert de Niro (Max Cady), Nick Nolte (Sam J. Bowden), Jessica Lange (Leigh Bowden), Juliette Lewis (Danielle Bowden), Robert Mitchum (Elgart), Gregory Peck (Lee Heller) u.a.

Länge: 123 Minuten; FSK: ab 16 Jahren

Auszeichnungen: Oscar-Nominierung 1992 (Robert De Niro als Bester Darsteller und Juliette Lewis als Beste Nebendarstellerin), Nominierung für den Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele Berlin 1992 (Martin Scorsese als Bester Regisseur).



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