29.04.2020

Just Mercy

Nach einer wahren Geschichte verkörpert Michael B. Jordan, nach seiner Rolle als Rocky-Nachfolger, nun den jungen aufstrebenden Harvard-Studenten Bryan Stevenson, der in den Südstaaten Amerikas für Gerechtigkeit und Gleichheit der Armen und Schwachen kämpft. Dabei trifft Stevenson auf den zum Tode verurteilten Walter McMillian und beginnt mit der Aufklärung eines Falls, der längst für abgeschlossen erklärt wurde.

"Just Mercy" orientiert sich stark an den Vorbildern der 1990er Jahre, daher könnte er sich ohne Probleme in eine Reihe von Justizkrimis, wie "In der Hitze der Nacht", "Philadelphia" oder "Eine Frage der Ehre" wiederfinden. Dabei versucht der Film besonders seinen Schwerpunkt auf die Rolle von Michael B. Jordan zu legen. Dieser kann die Handlung problemlos tragen und wächst besonders nach einer mittelmäßigen Vorstellung in "Creed 2" über sich hinaus. Dabei schafft es Jordan dem leblosen Drehbuch etwas mehr Feuer zuzufügen und die Dialoge durch Gefühl und Überzeugung glänzen zu lassen. Auch Jamie Foxx kann mehr strahlen als lange zuvor: Als zum Tode Verurteilter bringt Foxx die nötige Niedergeschlagenheit, aber trotzdem Sympathie mit, dass sich der Zuschauer zu jeder Zeit mit der Person und seinem Schicksal identifizieren kann.

Wenn beide Charaktere dann aber anfangen über mögliche Verhandlungsstrategien zu diskutieren, wird dem Zuschauer schnell bewusst, dass dort etwas schiefläuft, denn die Schwächen des Films liegen im Drehbuch. Sämtliche Dialoge wirken unecht und keineswegs natürlich. Durch die Wortwahl wirken die Personen unecht und gekünstelt. Dadurch baut der Zuschauer eine Distanz zu den Personen auf, da sie durch die Dialoge nicht realistisch wirken. Des Weiteren fällt dem Zuschauer sofort auf, dass der Charakter des Jurastudenten dem eines Superhelden gleicht. Bryan Stevenson könnte auch in einem Marvel-Film mitspielen und als der neue Hoffnungsträger vorgestellt werden, der von nun an die Welt retten soll. Der Anwalt wird fast göttlich dargestellt, dabei wird aber vergessen, diesem Charakter auch Ecken und Kanten zugeben, denn diese glatte Person gleicht für den Kinozuschauer keinem normalsterblichen Menschen, da er so glorifiziert wird. Bryan Stevenson ist ohne Fehler, das ist der größte Fehler. Durch diese Perfektion eines Menschen fehlt dem Zuschauer die nötige Bindung zu dem Mann, der alles versucht um Gerechtigkeit walten zu lassen.

Auch die Komplexität des Drehbuchs ist über die 137 Minuten klar in Frage zu stellen. Destin Daniel Cretton, der gleichzeitig Regisseur und Drehbuchautor ist, versucht die umfangreiche Handlung so simpel wie möglich zu halten und traut dem Zuschauer keinen Hauch von Anspruch zu. Aber trotzdem schafft Cretton es in seiner Funktion als Regisseur über den gesamten Film hinweg das Gefühl des Hasses, der Ungerechtigkeit und der Wut in Szene zu setzen. Dies wird sauber und fehlerfrei inszeniert, aber auch nur weil seine Arbeit auf der Grundlage sämtlicher Gerichtsfilme basiert. Cretton adaptiert und kopiert von ähnlichen Vorgängern und kann dabei nicht den Mut aufbringen seine eigene Handschrift in die Bücher der Justizfilme zu platzieren.

Genau so wie Micheal B Jordans Charakter rund ist, so sauber und gepflegt sieht auch das Setdesign aus. Gerade bei dem Spielort der Südstaaten im Jahr 1992/93 wäre mehr Ungepflegtheit, Schweiß und Schmutz angebracht gewesen. Jedes Set in "Just Mercy" wirkt wie aus dem Ei gepellt, was zur Folge hat, dass sich der Kinobesucher über 137 Minuten Nervenkitzel nie wirklich in das Setting der Handlung zurückversetzt fühlt.

Destin Daniel Cretton inszeniert einen vollkommenen Film, der den Zuschauer besonders durch die Thematik der Ungerechtigkeit und dem überragenden Schauspiel von Michael B. Jordan und Jamie Foxx abholen kann. Im Punkt des Drehbuchs müssen hingegen klare Abstriche gemacht werden, da dieses die Handlung zu sehr herunterbricht und vereinfacht, so wird der Zuschauer nicht ernst genommen.

"Just Mercy" weiß wo Gerechtigkeit anfängt und dass sie nie enden darf und genau das wird über den gesamten Film deutlich. Das ist der Grund der Wichtigkeit dieses Films, zu Zeiten der Gerichtsverhandlung 1993, sowie in der Gegenwart.  

Gregor Oldenburg / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Just Mercy
(Just Mercy)

USA 2019
Regie: Destin Daniel Cretton;
Darsteller: Jamie Foxx (Walter McMillian), Michael B. Jordan (Bryan Stevenson), Brie Larson (Eva Ansley), O'Shea Jackson Jr. (Anthony Ray Hinton), Karan Kendrick (Minnie McMillian), CJ LeBlanc (John McMillian), Rafe Spall (Tommy Chapman), Tim Blake Nelson (Ralph Myers), Lindsay Ayliffe (Richter Foster), Scarlet Olivia Dunbar (Jackie McMillian), Denitra Isler (Evelyn McMillian) u.a.;
Drehbuch: Destin Daniel Cretton, Andrew Lanham nach dem Buch von Bryan Stevenson; Produzenten: Asher Goldstein, Michael B. Jordan, Gil Netter; Kamera: Brett Pawlak; Musik: Joel P. West; Schnitt: Nat Sanders;

Länge: 137,26 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 27. Februar 2020



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"Ich hasse James Bond. Ich könnte ihn umbringen."

007-Darsteller Sean Connery, 90. Geburtstag am 25. August 2020

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