04.08.2012
Genussreiche Zelebration des Kochens

Julie & Julia


Sie kochen gerne, sie lieben ihre Ehemänner, sie bejahen das Leben: Julia Child, die den Amerikanern in den Sechzigern die Französische Cuisine beibrachte und Julie Powell, die sich fünfzig Jahre später durch Childs gesamtes Kochbuchmeisterwerk innerhalb eines Jahres „hindurchkocht“ und darüber einen Blog verfasst. Genussvoll für den Zuschauer sind die – fast zu kurz gekommenen – Aufnahmen von und beim Essen von kulinarisch hochwertigen Speisen, haptische Aufnahmen vom Kochen selbst in verschiedenen Küchen mit unterschiedlichen Utensilien und Schweregraden, bezaubernde Szenen im Paris der sechziger Jahre – die Geschichte über die Frauen selbst bleibt jedoch schemenhaft.

Meryl Streep musste von der Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron (u.a.: "Em@il für Dich", "Schlaflos in Seattle", "Harry und Sally") so gut wie keine Regieanweisungen erhalten. Sie spielt die hochgewachsene, leicht pathetisch anmutende und charmante Julia Child nicht als echte Person nach, sondern die etwas überzogene, romantisch angefärbte Child-Version aus der Vorstellung ihres Fans Julie Powell. Die interessante Biografie der Spätzünderin im Paris Mitte des letzten Jahrhunderts ist optisch sehr ansprechend dargestellt, so wie auch der ganze Film für das Auge genussreich ist.

Der Film schaltet zwischen zwei Zeit- und Handlungsebenen hin und her, wobei die zwei Geschichten auch auf unterschiedlichen Büchern basieren – einer Autobiografie von Julia Child und dem Buch über ihren Blog von Julie Powell. So lassen sich die ähnlichen Lebenswege erkennen und dieselbe Motivation bei beiden, sich der Leidenschaft zum Kochen zu widmen. Während Child aber eine unglaubliche Kreativität und Arbeitselan entwickelt, der sich über Jahre hinweg steigert, und von Grund auf die Einstellung ihrer Landsleute zum Kochen ändert, ist Julie Powell "nur" ein Fan, der Rezepte nachkocht und darüber schreibt – das mag wohl auch der Grund sein, warum die neunzigjährige Julia Child ihre sechzig Jahre jüngere, jedoch eifrige Nachahmerin nicht kennenlernen wollte. Leider lässt der Film diese Frage unbefriedigend im Raum stehen.

Julie Powells Begeisterung sorgte aber nicht nur für diesen "genussreichen" Film, worüber wir uns freuen sollten, sondern auch für eine (Wieder-)Bekanntmachung der Autorin von "Mastering the Art of French Cooking", ein in seiner fünfzigsten Auflage immer noch begehrtes Standardwerk von Julia Child. Der Kochleidenschafts-Funke springt auf den Zuschauer über, wenn "boeuf bourguignon" in der emaillierten Kasserolle leise vor sich hin dämpfelt, eine entbeinte gefüllte Ente in den Teig geschlagen wird, bevor sie für Stunden in den Ofen kommt, oder dick geschlagene Schokoladencreme auf Biskuit gestrichen wird. Man sieht gerne, wie die beiden Köchinnen auch in Zeiten des Zweifelns von ihren Ehemännern unterstützt werden, wie sie Schwierigkeiten meistern und ihr Ziel im Auge behalten. Dennoch bleibt nach dem Film nicht mehr als ein grobschrötiges Bild der Charaktere übrig, und der ungewollt missliche Nachgeschmack, dass sie beide in ihren Welten blieben. Vertiefen können hätte man den Streifen durch mutigeres Eintauchen in die Geheimnisse deliziöser Speisenzubereitung – was ansatzweise bei der Herausforderung eines pochierten Eis oder den Schwierigkeiten des Gelierens beim Aspik geschieht.

Ein eher amerikanischer Gedanke ist die Hoffnung auf die zweite Chance. Beide Frauen erheben sich über eine unbefriedigende leere und erfolglose Vergangenheit und erkennen ihre wirkliche Leidenschaft. Mit einem mutigen Sprung ins kalte Wasser des Unbekannten wagen Julie und Julia ein neues Leben und sind dabei erfolgreich – obwohl man bei Julie Powell nicht weiß, was nach dem Projekt passiert. Das soll auch Zuschauer ermutigen, über ihre eigentliche Leidenschaft und vielleicht sogar Bestimmung nachzudenken.  

Hilde Ottschofski  / Wertung:  * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Julie & Julia  
 
USA 2009
Regie: Nora Ephron;
Darsteller: Meryl Streep (Julia Child), Amy Adams (Julie Powell), Stanley Tucci (Paul Child), Chris Messina (Eric Powell), Linda Emond (Simone Beck), Helen Carey (Louisette Bertholle), Mary Lynn Rajskub (Sarah), Jane Lynch (Dorothy McWilliams), Joan Juliet Buck (Madame Brassart), Crystal Noelle (Ernestine) u.a.;
Drehbuch: Nora Ephron nach dem Buch "Julie & Julia: 365 Tage, 524 Rezepte und eine winzige Küche" von Julie Powell und dem Buch "Mein Leben in Frankreich" von Julia Child und Alex Prud'homme; Produktion: Nora Ephron, Laurence Mark, Amy Robinson, Eric Steel; Kamera: Stephen Goldblatt; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Richard Marks;

Länge: 123 Minuten (Kino) bzw. 116,38 Minuten (Video / Fernsehen); FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Sony Pictures; deutscher Kinostart: 3. September 2009



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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