20.02.2010
Oskar Roehlers problematischer Umgang mit der Historie

Jud Süß
- Film ohne Gewissen


Jud Süß - Film ohne Gewissen: Ferdinand Marian (Tobias Moretti) und Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) Hoch schlagen die Wellen um Oskar Roehlers im Wettbewerb der Berlinale 2010 gezeigten "Jud Süß – Film ohne Gewissen". Buh-Rufe nach der Pressevorführung, eine angespannte Stimmung auf der anschließenden Konferenz und nichts weniger als der Vorwurf der Geschichtsklitterung durch Friedrich Knilli, den Verfasser der Ferdinand Marian-Biographie "Ich war Jud Süß". Solch eine Kontroverse wird der Regisseur mit Sicherheit einkalkuliert haben – ein auf historischen Begebenheiten basierender Stoff aus der Nazizeit, spielfilmtauglich verfremdet, damit ist ihm die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Warum der Film weder inhaltlich noch formal-ästhetisch gelungen ist und was es mit Roehlers Umgang mit der Historie auf sich hat, erklärt unsere Rezension.

Man habe sich bewusst Freiheiten bei der Gestaltung des Stoffes erlaubt, sagte Oskar Roehler in Berlin. Sonst hätte man "ja gleich einen Dokumentarfilm drehen können". Nun kann es natürlich nicht darum gehen, dem Regisseur mangelnde Faktentreue vorzuwerfen. Interessant aber ist, wo und wie Roehler fiktive Abwandlungen vorgenommen hat – und vor allem: welche Funktion das im Film hat, was es auf der Handlungsebene bewirkt. Denn seine Protagonisten sind nun einmal nach den realen Schauspielern der 1940er Jahre benannt, die Hauptfigur heißt Ferdinand Marian – und nicht Fritz Müller. Eindeutig ist somit der Anspruch formuliert, Geschichte zu erzählen – und zwar eben gerade die des "Jud Süß"-Hauptdarstellers.

Vor dem Hintergrund der Entstehung von Veit Harlans Propagandafilm "Jud Süß" geht es um den persönlichen Konflikt des Schauspielers Ferdinand Marian, dem von Goebbels höchstselbst die Hauptrolle des diabolischen Juden zugedacht war. Veit Harlans Hetzfilm wurde bis 1943 von über 20 Millionen Menschen gesehen. Belegt ist, dass es nach Vorführungen des Films zu Gewalttaten gegen Juden kam. Bis heute ist der Film in Deutschland indiziert; und ohne ihn gesehen zu haben, lässt sich nicht viel mehr als folgendes sagen: Inhaltlich geht es bei Harlan um den jüdischen Kaufmann Joseph Süß Oppenheimer, den es wirklich gab, und der im 18. Jahrhundert als finanzpolitischer Berater am Hof des Herzogs von Baden-Württemberg wirkte. 1738 wurde er in einem antisemitischen Schauprozess hingerichtet. Bei Harlan dient Süß als Projektionsfläche für das Böse, das mit dem Jüdischen gleichgesetzt wird.

Jud Süß - Film ohne Gewissen: Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) Roehler hat also ein mehrfaches Spiel im Spiel zu bewältigen: Schauspieler des 21. Jahrhunderts spielen historische Schauspieler der Nazizeit, die wiederum historische Figuren des 18. Jahrhunderts verkörpern. Mittels Farbgebung auf alt getrimmt, lässt Roehler in seinem Film den Reichspropagandaminister (Moritz Bleibtreu), Ferdinand Marian (Tobias Moretti) nebst Veit Harlan (Justus von Dohnányi) auftreten. Seinem Marian stellt er eine Ehefrau (Martina Gedeck) zur Seite, die mit ihrem jüdischen Background für ihren Mann eine tickende Zeitbombe bedeutet. Und schon hier wird es problematisch – im Film hat Marian nicht wirklich die Wahl, die Rolle des Jud Süß nicht anzunehmen, zumal Goebbels ihm signalisiert, dass man um die Identität seiner Frau Bescheid wisse. Dies ist eine klare Lenkung der Zuschauersympathien – denn wer würde schon den eigenen Ehepartner dem Risiko der Deportation aussetzen? Die Frau des realen Marian allerdings war Katholikin – für ihn hätte also eine Ablehnung der Rolle nicht bedeutet, das Leben eines geliebten Menschen aufs Spiel zu setzen.

Die nächste gestalterische Freiheit, die Roehler sich nimmt, ist die Einführung einer weiteren jüdischen Figur. Es handelt sich um den Schauspieler Deutscher (Heribert Sasse), den die Marians bei sich im Hause verstecken, bis er vom nationalsozialistischen Dienstmädel denunziert wird. Wieder eine klare Lenkung der Zuschauersympathien – denn Roehlers Marian darf dem Freund noch temporär aus der Patsche helfen, als jüdische Statisten für den Filmdreh gesucht werden. Hier ist Marian es, der den Schauspielerkollegen aus dem Ghetto holt, jedenfalls für die Dauer der Dreharbeiten. Grotesk und unglaubwürdig wirkt die Geschichte um Deutscher und Marian an der Stelle, wo Marian Deutscher in die Hand versprechen muss, an keinem Propagandafilm mitzuwirken – als ob ein Schauspieler ernsthaft glauben könnte, gegen Drehbuch und Regisseur ankommen zu können, als ob ein Schauspieler dies vom anderen ernsthaft verlangen könnte. Gerade Schauspieler wissen doch, dass der eigene Einfluss auf das Endprodukt Film nur ein begrenzter sein kann.

Genau genommen bietet sich Roehlers Marian nur einmal die Gelegenheit, sich wirklich gegen Goebbels und Kumpane zu entscheiden. Dies ist nach der Premiere von "Jud Süß" in Venedig, als ein Agent ihm anbietet, nach New York zu kommen. Hier zeigt sich Marian als eitel, schwach, menschlich – er verzichtet, auch gegen den Wunsch seiner Frau, um den noch frischen Ruhm auszukosten. Überhaupt wird mit Klischees vom selbstverliebten Schauspieler nicht gegeizt. Roehlers Marian ist ein promisker, alkoholsüchtiger, letztlich egoistischer Typ, der nur dank des facettenreichen Tobias Moretti nicht völlig platt wirkt. Moritz Bleibtreu darf als Goebbels vor allem laut schreien und mit den Armen herumfuchteln – doch die Parodie geht nicht auf, bleibt sie doch Einsprengsel in einem Film, der die allermeiste Zeit mimetisch daherkommt.

Jud Süß - Film ohne Gewissen: Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu), Ferdinand Marian (Tobias Moretti) und Anna Marian (Martina Gedeck) Schade auch, dass Roehler wiederholt den Holzhammer schwingen muss, wo es doch subtiler gegangen wäre. Die Sequenzen der Originalaufnahmen von "Jud Süß" sind selbstverständlich so in seinen Streifen hineinmontiert, dass der Niedergang des Juden im Propagandafilm parallel zu dem des Schauspielers Marian verläuft. Der Jude Oppenheimer wird im Metallkäfig vorgeführt, und Marian vollends der Willkür Goebbels' ausgeliefert, weil er durch Alkoholexzesse und barsche Sprüche das Missfallen des Reichspropagandaministers erregt. So kapiert man auch noch in der letzten Reihe, wer hier das Opfer ist.

Noch einmal zurück zu den Abweichungen vom historischen Geschehen. Roehler erzählt die Geschichte so, dass Marian nach Kriegsende seelisch zerbricht, schließlich Selbstmord begeht. Der reale Marian hat hingegen noch erfolgreiche Filme gedreht, bevor er 1946 unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Wenn Roehlers Marian versucht, sich während der Dreharbeiten zu "wehren", indem er den Juden als Sympathieträger darstellt, sind das ehrenwerte Zuckungen, so heroisch, wie diese Figur gerade mal sein kann. Hochgradig problematisch ist der Film, weil er behauptet, deutlich mehr als pure Fiktion zu sein, und dann an zentralen Stellen Glättungen vornimmt, die darauf hinauslaufen, dass aus Marian eine tragische Figur wird, die im Grunde von Anfang an keine Wahl hat. So gerinnt der Film zur Schmonzette – er verfehlt sein Sujet und verschenkt das Potential einer Riege erstklassiger Schauspieler.  

Jasmin Drescher / Wertung:  0 von 5 Punkten 
 

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih, Tom Trambow (Foto 1), Petro Domenigg, filmstills.at (Fotos 2 und 3)

 
Filmdaten 
 
Jud Süß - Film ohne Gewissen   
 
Deutschland / Österreich 2010
Regie: Oskar Roehler;
Darsteller: Tobias Moretti (Ferdinand Marian), Moritz Bleibtreu (Joseph Goebbels), Martina Gedeck (Anna Marian), Justus von Dohnanyi (Veit Harlan), Heribert Sasse (Deutscher ), Martin Feifel (Knauf), Anna Unterberger (Britta), Milan Peschel (Werner Krauss), Armin Rohde (Heinrich George), Paula Kalenberg (Kristina Söderbaum), Erika Marozsán (Vlasta), Ralf Bauer (Fritz Hippler), Robert Stadlober (Lutz), Martin Butzke (Malte Jäger), Rolf Zacher (Erich Engel), Gudrun Landgrebe (Frau Frowein), Fanny Altenburger (Maria Marian), Johannes Silberschneider (Hans Moser), Lena Reichmuth (Magda Goebbels), Waldemar Kobus (Herr Frowein) u.a.; Drehbuch: Klaus Richter; Produktion: Franz Novotny, Markus Zimmer; Ausführende Produktion: Thomas Konrad; Kamera: Carl-Friedrich Koschnick; Musik: Martin Todsharow; Länge: 120 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih; deutscher Kinostart: 23.09.2010



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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