21.01.2019

Grenzenlose Gefühle

Jibril

Film Jibril: Susana Abdulmajid Von einer Liebe, die meist durch Gefängnismauern getrennt ist, erzählt dieser kleine, aber feine deutsche Film. Ein Film, der es auf die Berlinale in der Sektion Panorama 2018 und ein knappes Jahr später auf das 40. Filmfestival Max Ophüls Preis geschafft hat, aber lange um einen Verleih bangen musste, fast keinen Kinostart erhalten hätte, dabei hat er diesen verdient. "Jibril" von der 1984 geborenen Spielfilmdebüt-Regisseurin Henrika Kull hat eine sehr gute Grundstruktur, die die Entstehung des Verliebtseins und sämtliche Höhen und Tiefen durchdekliniert sowie Widerstände gegen die Beziehung nicht außen vor lässt. Einspruch gibt es: Ist die Berliner Deutscharaberin Maryam (Susana Abdulmajid) doch in den inhaftierten Gabriel, genannt Jibril (Malik Adan) verliebt. Maryam wird gefragt: Wie soll der die Frau, die aus einer ersten Ehe drei Kinder mitbringt, versorgen, wenn er mal draußen ist? Die nicht naive, selbstbestimmt lebende Maryam glaubt an wahre Liebe, diese Liebe. Die auch zwischenmenschlich auf die Probe gestellt wird.

Ist es abwegig? Eine Frau besucht einen Mann, den sie vorher nur flüchtig kannte, im Gefängnis – und verliebt sich in ihn. Ist es nicht, dies gibt es, Regisseurin und Drehbuchautorin Henrika Kull weiß, wovon sie im Film erzählt. Nach einer ersten Recherche 2011 im Gefängnis begann sich Kull auch "für die Perspektive derer zu interessieren, die draußen warten, und drehte 2015 meinen Dokumentarfilm 'Absently Present' über Yasmin, die mit einem Inhaftierten liiert ist. Es schien mir, als würde Yasmins Beziehung hauptsächlich als Projektion stattfinden. Liebesgeschichten sind natürlich immer Projektionen, und auch Jibril ist das Idealbild von Gabriel, das Maryam zeichnet, er wird zu ihrer ‚Erfindung‘, die Erfüllung ihrer Sehnsucht."

Maryam, die abends vor dem Einschlafen alleine arabische Telenovelas, die von Leidenschaften handeln, konsumiert, müsste nicht Single sein. Sie sieht gut aus, und einer ihrer Schüler im Integrationskurs in einer Sprachschule bittet sie nett darum, mit ihr auszugehen. Maryam lehnt höflich, aber bestimmt ab ("Keine Zeit!"). Warum sie es trotz vom Zuschauer fühlbarer Einsamkeit nicht mitmacht, wird zwar nicht ausgesagt, der Empathie empfindende Zuschauer weiß es dennoch: Eine weitere Pleite möchte die geschiedene Frau nicht erleben.

Dann übernimmt Maryam die Aufgabe, den jungen Jibril im Gefängnis zu besuchen. Aus einem Besuch werden mehrere, denn die beiden sind sich sympathisch, ja da ist mehr, als das. Irgendwann knutschen sie. Immer unter Aufsicht der Justizbeamten. Immer in streng gefasst kurzen Zeiträumen. Jibril wird später gegenüber Maryam eine, seine dunkle Seite zeigen, verroht durch den Knast, vor allem durch die Zwangsisolation. Sie, zunächst irritiert, hält dennoch zu ihm.

Film Jibril: Filmplakat Das ist die Stärke des Films: Das Besondere einer Beziehung ist genauestens wiedergegeben in ihren Stationen vom näheren Kennenlernen über den Beginn der Leidenschaft über erste Streits, die beinahe zur Trennung führen, bis hin zur Frage, ob die Liaison eine Zukunft hat, eine Frage, die auch von außen an Maryam herangetragen wird (Über eine andere Romanze heißt es mal, der Mann in jener Beziehung sei ein "Versager", ein "Loser", was bald, ohne dass diese Begriffe nochmal fallen, auf Maryams eingeschlossenen Partner übertragen wird). Autorenfilmerin Kull konzentriert sich in "Jibril" auf das Liebespaar und lässt viele das Publikum aufklärende Erläuterungen weg. Meistens funktioniert das, zum Beispiel ist nicht gesagt, weshalb Jibril ganze sechs Jahre absitzen muss. Braucht es die Information? Sie ist nicht nötig, Kull macht nicht viel Aufhebens um Jibrils Hintergrund, um seine Vorgeschichte, der Zuschauer kann sich vieles auch denken, Kull spricht die Intelligenz des Kinogängers an. Spricht diese auch beim weitgehenden Weglassen der Erläuterungen der Figurenkonstellationen an. Hier ist eventuell zu wenig Info für die Übersicht des Zuschauers da. Kull erklärte beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, "in der deutscharabischen Community kennt jeder jeden". Was nicht jeder Zuschauer versteht, wenn ihm nicht Gemeinschaften, wie es das Umfeld Maryams ist, vertraut sind; es sind Freunde der jungen Frau, für die sie Jibril im Gefängnis besucht, was nicht ausgesagt wird: Man sieht diese Freunde, aber weiß nicht, wie sie in Beziehung zu Maryam stehen. Es ist das einzige Manko dieses Films, der eine klug ausformulierte Liebesgeschichte vor und hinter Gittern erzählt und dabei sämtliche Facetten romantisch-erotischen Gefühls wiedergibt, mit glaubwürdigen, guten Schauspielern.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)


Filmdaten

Jibril


Deutschland 2018
Regie, Drehbuch & Schnitt: Henrika Kull;
Darsteller: Susana Abdulmajid, Malik Adan u.a.;
Producerinnen: Carolina Steinbrecher, Sophie Lakow, Henrika Kull; Produktion: Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf; Kamera: Carolina Steinbrecher; Musik: Dascha Dauenhauer;

Länge: 83,19 Minuten; FSK: ab 12 Jahren, beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2019 freigegeben ab 18 Jahren; Kinostart: 9. Mai 2019



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Zitat

"Warum bin ich so gut darin, Zicken zu spielen? Ich denke, es liegt daran, dass ich keine Zicke bin. Vielleicht ist das der Grund, warum Joan Crawford immer Ladies spielt."

("Why am I so good at playing bitches? I think it's because I'm not a bitch. Maybe that's why Joan Crawford always plays ladies.")

Schauspielerin Bette Davis, 30. Todestag am 6. Oktober 2019, mit einer Spitze gegen ihre Dauerrivalin Crawford

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