07.11.2017
Durch die Nacht mit... einem Workaholic, der hinzulernt

Jetzt. Nicht.


Jetzt. Nicht.: Godehard Giese Walter (Godehard Giese) geht vollkommen in seiner Arbeit auf. Dies sieht der Zuschauer, als der Mittvierziger eine Werbekampagne für ein Produkt vorstellt. Dies sieht der Zuschauer erst recht, als Walter entlassen ist. Als er Leere empfindet. Sich zu einer Schlägerei provozieren lässt. Wegfährt. Flüchtet. Irgendwohin. Was tun ohne Job? Walter fängt während seiner Fahrt ins Ungewisse an zu grübeln. Er wird am Ende des Films alles in Frage gestellt haben. Sein Leben. Seinen Ehrgeiz. Vielleicht seine Ehe.
"Jetzt. Nicht.", der erste Langfilm von Julia Keller, die bis 2011 an der Kunsthochschule für Medien in Köln studierte, ist komplett auf Fragen nach dem Sinn des Lebens konzentriert. Auf die Fragen: Hat man sein Leben gelebt, kann man nur durch Arbeit glücklich sein? Der Durchschnittsmensch Walter steht für alle Suchenden – und wer sucht nicht?

"40 ist das neue 30" erläutert Walter am Anfang des Films, im Vortrag über seine Kampagne, nicht ahnend, dass er, der auch eine 4 am Anfang seines Alters hat, bald ohne Kampagne dastehen wird. Und ohne Job. Denn ihm wird gekündigt. Von gestern auf heute. Enttäuschung folgt. Wut. Nach einer Schlägerei, die aus seinem ungezügelten Temperament resultierte, flüchtet Walter. Die Ehefrau, eine erfolgreiche Lektorin, bleibt zurück und weiß nicht, wo er ist. Er will auch nicht gefunden werden. Im Gegenteil: Ein Selbstmordversuch durch Ertrinken scheitert, sein Auto bleibt im See zurück – mit diesem ist eines der Statussymbole seines Lebens weg. Bald darauf ergreift Walter die Chance, kurzfristig eine andere Identität anzunehmen. Der Mann, dessen Lebensrolle er übernimmt, hat am nächsten Tag ein Vorstellungsgespräch. Dieses absolviert Walter – und führt es ad absurdum. Dann folgen Begegnungen mit unbekannten Menschen im Kölner Karneval. Mit Boxhandschuhen wird Walter auf einen Laternenpfahl eindreschen. Aus Entsetzen darüber, das Leben jenseits der Arbeit nicht gekannt zu haben.

Jetzt. Nicht.: Godehard Giese Obwohl verheiratet, muss Walter als plötzlicher Einzelgänger den Film über alleine zu sich selbst finden. Dies tut er, die Drehbuchautoren Julia Keller und Janis Mazuch schreiben ihm einen intelligenten Leidensweg zu, der für den Zuschauer ergreifend in Szene gesetzt ist. Das Gute an dem Film ist, dass Regisseurin Keller beim Thema bleibt, nie abschweift, fast immer zeigt sie Walters sukzessive erfolgenden Erkenntnisgewinn. "Jetzt. Nicht." verzeiht man das offene Ende. Denn bis dahin sieht der Zuschauer der Katharsis eines Menschen zu, der sich zuvor verschlossen – und in der Arbeit verschlissen – hatte. Ist es wirklich ein offenes Ende? Nur auf den ersten Blick: Angedeutet sind sehr wohl Alternativen, wie es für den Antihelden des Films, der zum Helden wird, weitergehen könnte.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: W-film Distribution / Heimatfilm

 
Filmdaten 
 
Jetzt. Nicht.  
 
Deutschland 2017
Regie: Julia Keller;
Darsteller: Godehard Giese (Walter), Loretta Pflaum (Nicola), Ronald Kukulies, Tinka Fürst u.a.;
Drehbuch: Julia Keller, Janis Mazuch; Produzentin: Bettina Brokemper, Heimatfilm; Kamera: Janis Mazuch; Musik: Jonas Förster; Schnitt: Julia Keller;

Länge: 91,52 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von W-film Distribution; deutscher Kinostart: 9. November 2017



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<07.11.2017>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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