Mai 2001

Rassismus als Erfolgsrezept des Showbusiness

It's Showtime

It's Showtime Der farbige Regisseur Spike Lee greift in "It's Showtime" ein brisantes Thema auf, das die Amerikaner längst verdrängt haben: Die einst übliche verzerrte, häufig rassistisch gefärbte Darstellung der Schwarzen im Showgeschäft. Lee erinnert dabei an die Diskriminierung der Farbigen in der Unterhaltungsbranche des frühen 20. Jahrhunderts, als Weiße in Variety-Shows mit geschwärzten Gesichtern Farbige darstellten und dabei alle erdenklichen Klischees einsetzten. Zum Vergnügen der Masse, aber auf Kosten einer Minderheit. Spike Lee, bekannt geworden mit "Do the Right Thing" (1989) und "Malcolm X" (1992), lässt diese Unterhaltungssendungen in der Gegenwart wieder aufleben - und diesmal Farbige von Farbigen spielen. "It's Showtime" ist eine bitterböse Mediensatire, konzentriert sich aber zu sehr auf eine politische Kontroverse.

Spike Lees Filme haben eine durchgängige Botschaft: Sie weisen auf die Unterdrückung der Afro-Amerikaner durch die Weißen hin. Dabei geht Lee aber stets vorsichtig vor. So hat Lee 1992 "Malcolm X" gedreht, eine Film-Biografie als Denkmal für den streitbaren wie umstrittenen farbigen Bürgerrechtler, gleichzeitig eine Anklage des Rassismus. Spike Lee hat sich für die Geschichte des Malcolm X entschieden, nicht für eine Bio über Martin Luther King, der wie Malcolm X einem Attentat zum Opfer fiel, im Gegensatz zu dem aber von Weißen ermordet wurde. Aus Kalkül - Lee wollte wohl der Gefahr entgehen, mit der direkten Darstellung des Hasses der Weißen auf Schwarze in den USA anzuecken. Er hätte dadurch die Chance vertan, den ihm wichtigen Subtext im Film zu vermitteln. Die Provokation ließe ihn in eine leicht angreifbare Außenseiter-Position bringen.

It's Showtime Auch in "It's Showtime" geht Lee wieder mit der gleichen Behutsamkeit vor. Es ist ein der Welt der Weißen angepasster Farbiger, der Harvard-Absolvent Pierre Delacroix (Damon Wayans), der zu seiner eigenen Rettung eine rassistische Idee aufgreift. Delacroix ist Programmgestalter einer US-TV-Station; sein Job ist gefährdet, er soll sich für den Sender unbedingt eine neue, quotenträchtige Idee ausdenken. Er hat einen folgenreichen, von seiner Assistentin Sloan (Jada Pinkett-Smith) scharf kritisierten Einfall, der bald für Erfolge, aber auch für Kontroversen sorgt: In Anlehnung an die frühen amerikanischen Variety-Shows, in denen weiße Schauspieler mit rußgeschwärzten Gesichtern als "Neger" auftraten, entwickelt er die Fernsehshow "Mantan - The New Millennium Minstrel Show". In dieser Sendung soll das Erfolgsrezept wieder aufgegriffen werden, nur dass jetzt Schwarze selbst mit geschwärzten Gesichtern Schwarze darstellen sollen. Der Fernsehmann liest zwei erfolglose farbige Tap-Tänzer für die Hauptrollen regelrecht von der Straße auf. Der Stepper Manray (Savion Glover) und sein Kumpan Womack (Tommy Davidson), arbeitslos, also umso leichter käuflich, werden mit den Namen "Mantan" und "Sleep 'n' Eat" ausgestattet. Sie sollen in völlig überzogenen Rollen für Unterhaltung sorgen. Das gelingt ihnen; aber die Gegner der Sendung schreiten bereits zum militanten Angriff, sie wollen die Verunglimpfungen nicht dulden.

Der Originaltitel des Films lautet "Bamboozled", etwa "für dumm verkauft", ein Begriff, den Malcolm X geprägt hat, um die Situation der Afro-Amerikaner zu charakterisieren. Für Spike Lee ist die Unterdrückung der Minderheiten kein Thema aus vergangenen Zeiten, so wie die eigentlichen Minstrel Shows heutzutage Geschichte sind. Er wählte das Thema, das abgehakt zu sein schien, um auf die Zerbrechlichkeit des nur scheinbar auf einem Frieden basierenden Zusammenlebens Farbiger mit Weißen hinzuweisen. Delacroix' Chef Dunwitty (Michael Rapaport) sagt einmal im Film zu seinem Untergebenen: "I have a black wife and two biracional kids. Brother man - I'm blacker than you". Dunwitty, im Film der einzige Weiße von Bedeutung, ist der Prototyp des scheinbar Liberalen, von dem in Wirklichkeit der Druck auf Delacroix zu seinem verhängnisvollen Schritt ausging. Freilich ist Dunwitty anschließend begeistert von der Idee, die Erfolg garantierenden Minstrel Shows wieder einzuführen. Gleichzeitig ist Dunwitty eine Anspielung auf Spike Lees Regisseur-Kollegen Quentin Tarantino, mit dem Lee Ende der 90er Jahre eine öffentliche Debatte über die häufige Verwendung des Wortes "Nigger" in Tarantinos Filmen geführt hat: Tarantinos Meinungen in der Debatte werden mehrfach im Film zitiert.

It's Showtime"It's Showtime" beginnt als eine intelligent-satirische Komödie über das US-Medien-Geschäft: Die Skrupellosigkeit der Branche zwingt jeden, der sich in ihr behaupten will, zur Selbstverleugnung. Die farbigen Protagonisten des Films werden "bamboozled": Gegen Geld und Ruhm verkaufen sie ihren Stolz, ihr eigenes Selbst - erst machen sie willig mit, um anschließend zu erkennen, dass sie die Verlierer sind. Diese Dimension des Films vermittelt Spike Lee glänzend durch zutreffende Blicke hinter die Kulissen des Showgeschäfts und die hervorragende Wahl der Schauspieler, aber er unterlässt es in der zweiten Hälfte des Films, sein Thema weiterhin ironisch zu brechen. Dadurch verliert der Film seinen satirischen Charakter. Die Botschaft wird nun hauptsächlich auf der verbalen Ebene transportiert und das Politische rückt zu sehr in den Vordergrund. Mit der ironielosen, blutigen Abrechnung am Schluss geht "It's Showtime" in platter Belehrung unter.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: Arthaus


Filmdaten

It's Showtime
(Bamboozled)

USA 2000
Regie & Drehbuch: Spike Lee; Produzenten: Kisha Imani Cameron, Jon Kilik, Spike Lee; Originalmusik: Terence Blanchard, Bruce Hornsby; Kamera: Ellen Kuras; Schnitt: Samuel D. Pollard; Casting: Aisha Coley; Szenenbild: Victor Kempster; Kostüme: Ruth E. Carter;
Darsteller: Damon Wayans (Pierre Delacroix), Savion Glover (Manray / Mantan), Jada Pinkett-Smith (Sloan Hopkins), Tommy Davidson (Womack / Sleep 'n' Eat), Michael Rapaport (Dunwitty), Thomas Jefferson Byrd (Honeycutt), Paul Mooney (Junebug), Sarah Jones (Dot), Gillian Iliana Waters (Verna), Susan Batson (Orchid Dothan), Dormeshia Sumbry (Topsy), Tyheesha Collins (Tante Jemina), Cartier Williams (Lil' Nigger Jim), Jason Bernard (Jungle Bunny), Baakari Wilder (Sambo) u.a.;
Länge: 135 Minuten; deutscher Kinostart: 10.05.2001; Verleih: Arthaus Filmverleih GmbH; Wettbewerbsfilm der Berlinale 2001



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