03.02.2012
Vergebung heißt Freiheit

Invictus - Unbezwungen


"Invictus" ist ein poetischer Film über die Bedeutung der Aussöhnung. Und darüber, was uns in unseren trübsten Stunden stark macht. Vorbild in beidem ist für die ganze Welt Nelson Mandela geworden. Nach fast dreißigjähriger Haft wird im Februar 1990 Mandela in die Freiheit entlassen. Zu dieser Zeit ist François Pienaar Kapitän des südafrikanischen Rugbyteams, in dem nur ein einziger Schwarzer mitspielt. Bald wird Mandela Präsident und will einen Versöhnungsprozess im durch Apartheid gespaltenen Land in Gang setzen, der – verständlicherweise – vielen Schwarzen äußerst schwer fällt. Rugby wird für den Präsidenten und das Land zu einem wichtigen Symbol. Denn der Sport kann Menschen einen.

Drei Handlungsstränge verfolgt dieser doch eher politisch-menschliche als Sport-Film: Mandelas Anfangsjahre als Präsident, die Beziehung zwischen Mandela und Pienaar, dem Kapitän der "Springboks", und das Zusammenwachsen der weißen und schwarzen Bodyguards des Präsidenten zu einem Team. Allen drei Handlungen gemeinsam ist das Thema Vergebung. Wie lernt man es, zu vergeben? Wie konnte Mandela selbst, nach 27jähriger Haft, seinen Peinigern vergeben? Mandela sagt: "Vergebung befreit, deshalb ist sie eine so starke Waffe".

Mandela erkennt die Außen- und auch Innenwirkung des Sports. Deswegen motiviert er Pienaar und hilft ihm, seinerseits sein Team zu motivieren. Auf Befehl von ganz oben tingelt das überwiegend weiße Rugbyteam in den armen Townships herum und macht sich so bei der schwarzen Bevölkerung beliebt. Die Welle der Sympathie verhilft ihnen letztendlich zu einem Wunder, so dass sie die Erwartungen ihrer zahlreichen Zweifler bei Weitem übertreffen.

Zu diesem Wunder trägt auch "Invictus", ein 1875 von William Henley geschriebenes Gedicht bei. Die Worte, die Mandela in der finstersten und hoffnungslosesten Gefängniszeit halfen, inspirieren auch Pienaar: "Ich danke, egal welchen Gott es gibt, für meine unbesiegbare Seele (...) Ich bin der Meister meines Schicksals, ich bin der Kapitän meiner Seele." Im Film poetisch umgesetzt mit einem imaginären wortlosen Dialog zwischen dem Häftling Mandela und Pienaar, im Hintergrund die leisen Verse des Gedichts.

Morgan Freeman ist die Idealbesetzung für den weisen und geliebten "Madiba" (der Stammesname Mandelas). Auch wenn sein Akzent mal amerikanisch und mal afrikaansgefärbt klingt, wird sein Auftreten dem echten Mandela gerecht. Matt Damon, der optisch verändert, mit Muskelpaketen, breiten festen Schultern und kurzen hellblonden Haaren, wie auch mit einem Afrikaans-Akzent sehr überzeugend auftritt, hat bedauerlicherweise nicht viel zu sagen in diesem Film und bleibt fast eine Betroffenheit zeigende Randfigur.

Einer der wenigen Vorwürfe, die man dem Film machen kann ist, dass er trotz des reichen zugrunde liegenden Materials und einer wichtigen, aktuellen Botschaft, doch eine gewisse Tiefe vermissen lässt. Denn der Film scheint zu viel politische Realität und zu viel Handlung zeigen zu wollen, er räumt Mandela zu viel Bildpräsenz ein – was ihn letztlich dazu zwingt, das zwischenmenschliche Geschehen zu vernachlässigen. Dies gelingt nur bei der Anfreundung der weißen und schwarzen Bodyguards, aber zwischen Präsident und seinen engsten Mitarbeitern, sowie zu Pienaar bleibt die Beziehung auf der distanzierten Ebene gegenseitiger Bewunderung.

Regisseur Clint Eastwood zeigte bereits mit einigen feinsinnigen Filmen ("Million Dollar Baby", "Letters from Iwo Jima", "Gran Torino") Vorliebe für das Kleine, menschlich-Fragile und zugleich das, was den Menschen über seine Grenzen hinauswachsen lässt. Mal ist es die Selbstüberwindung, einer Sterbenskranken zum Freitod zu verhelfen, mal die Menschlichkeit im unmenschlichen Krieg, mal die absolute Aufopferungsfähigkeit eines kantigen Rentners für ein koreanisches Nachbarskind. "Invictus" folgt der gleichen Spur, auch wenn er thematisch ganz anders gestrickt ist. Er zeigt, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen können, um mit ihren Feinden Freundschaft zu schließen.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Invictus - Unbezwungen (Invictus) 
 
USA 2009
Regie: Clint Eastwood;
Darsteller: Morgan Freeman (Nelson Mandela), Matt Damon (François Pienaar), Tony Kgoroge (Jason Tshabalala), Patrick Mofokeng (Linga Moonsamy), Matt Stern (Hendrick Booyens), Julian Lewis Jones (Etienne Feyder), Adjoa Andoh (Brenda Mazibuko), Marguerite Wheatley (Nerine), Leleti Khumalo (Mary), Patrick Lyster (Mr. Pienaar), Penny Downie (Mrs. Pienaar) u.a.;
Drehbuch: Anthony Peckham nach John Carlins Buchvorlage "Der Sieg des Nelson Mandela: Wie aus Feinden Freunde wurden" ("Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game that Made a Nation"); Produktion: Clint Eastwood, Robert Lorenz, Lori McCreary, Mace Neufeld; Kamera: Tom Stern; Musik: Kyle Eastwood, Michael Stevens; Schnitt: Joel Cox, Gary D. Roach;

Länge: 133,00 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.; deutscher Kinostart: 18. Februar 2010



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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