13.11.2013

Inside WikiLeaks
- Die fünfte Gewalt


Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt Epen sind heute anders. Vorbei sind die Zeiten, in denen Geschichte vorrangig mit der scharfen Klinge des Schwertes geschrieben wurde. Heute genügen dafür im Zweifel schon ein Mann, ein Rechner und der Wille, etwas zu verändern. Zweifelsohne bieten die Geschehnisse um Julian Assange Stoff für einen spannenden Film. Dass sich klassische Themen wie Mut, Leidenschaft, Aufopferung und auch Intrigenspiel im Film wiederfinden, ist nur ein weiteres Indiz für die klassische Rezeptur des Streifens. Ein Epos eben – nur ein wenig anders.

Ohne Umschweife steigt die Handlung direkt in die Anfangsphase von WikiLeaks ein und zeigt, wie sich Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und sein Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) in Berlin kennenlernen. Bis zur Enthüllung der Afghanistan-Protokolle begleitet der Zuschauer die Protagonisten und erhält dabei vor allem Einblicke in deren unterschiedliche Charakterzüge und Motive. Der dokumentarische Anspruch ist dabei mit Vorsicht zu genießen, da allein die Aufzeichnungen des realen Daniel Domscheit-Berg die Grundlage für den Film sind.

Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt Unter dieser Prämisse erscheint der gesamte Film wie eine einzige Parabel zur Arbeit von Wikileaks. Wie vertrauenswürdig sind die Quellen? Wie weit dürfen Enthüllungen gehen, wenn sie die Freiheit von anderen tangieren? Wo liegen die Graustufen zwischen Wahrheit und Lüge? Für Julian Assange stellt sich keine dieser Fragen. Es zählt nur die Wahrheit – alles andere fügt sich von selbst zusammen. Mit seiner Wortgewandtheit und Energie begeistert er viele und kann schnell erste Erfolge verbuchen. Parallelen zum Deutschland der 1930er-Jahre sind nicht von der Hand zu weisen, auch wenn die Motivation im Fall von Assange moralisch ungleich höher ist.

Mit dem Erfolg der Seite werden die zugespielten Enthüllungen zunehmend brisanter, die Tragweiten größer. Als Assange weiterhin an seiner strikten Einteilung der Welt in schwarz und weiß festhält, kommen Domscheit-Berg Zweifel. Der innere Kampf zwischen Loyalität, Ideologie und dem Willen, Großes zu tun gegen Humanismus, Angst und dem eigenen Unrechtsbewusstsein ist das Kernthema der zweiten Filmhälfte. Assange wird dennoch nicht als von Grund auf Böse dargestellt. Er ist selbst auf eine Weise Opfer seiner Ideologie und schwankt zwischen Genie und Wahnsinn. Tragischer Weise befindet er sich damit selbst in einer der Grauzonen, die er selbst kategorisch ablehnt.

Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt Inside WikiLeaks ist ein subtiler Film – stets darauf bedacht, keinen klaren Pro- und Antagonisten zu schaffen. Die unsichtbaren Geschehnisse einer digitalen Revolution visualisiert der Film auf innovative und sehr anschauliche Weise mit einem sich der Handlung anpassenden, imaginären unendlichen Büro voller uniformer Tische und Akten. Ein gutes Gespür hat Regisseur Bill Condon auch bei den Nebenrollen bewiesen. Moritz Bleibtreu als Marcus und David Thewlis als Reporter des britischen Guardian spielen grandios und tragen vor allem in der zweiten Hälfte viel zur Spannung des Films bei. Kleine Wermutstropfen sind vor allem technischer Natur. Wilde Sprünge um die Welt fügen sich erst spät in das Gesamtbild ein und sind bis dahin eher ein Quell der Verwirrung denn Beitrag zur Handlung. Andererseits ist dies auch eine Analogie zu Assange, WikiLeaks und den dort enthüllten Dokumenten. Erst am Ende wird sich zeigen, wie alle diese Elemente sich zusammenfügen und wie die Geschichte über sie urteilen wird. Der Film ist per se kein Meisterwerk, regt aber dazu an, sich selbst eine Meinung zu bilden. Er ist dadurch auf seine Weise inspirierend und absolut sehenswert.  

Hendrik Neumann / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Constantin Film

 
Filmdaten 
 
Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt (The Fifth Estate) 
 
USA 2013
Regie: Bill Condon;
Darsteller: Benedict Cumberbatch (Julian Assange), Daniel Brühl (Daniel Domscheit-Berg), Anthony Mackie (Sam Coulson), David Thewlis (Nick Davies), Alicia Vikander (Anke), Peter Capaldi (Alan Rusbridger), Carice Van Houten (Birgitta Jónsdóttir), Dan Stevens (Ian Katz), Stanley Tucci (James Boswell), Laura Linney (Sarah Shaw), Moritz Bleibtreu, Axel Milberg, Edgar Selge, Alexander Beyer, Anatole Taubman u.a.;
Drehbuch: Josh Singer nach "Inside WikiLeaks" von Daniel Domscheit-Berg und "WikiLeaks" von David Leigh und Luke Harding; Produktion: Steve Golin, Michael Sugar; Kamera: Tobias Schliessler; Musik: Carter Burwell; Schnitt: Virginia Katz;

Länge: 128,15 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 31. Oktober 2013



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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