01.11.2010
Politischer Thriller - modern und dennoch zeitlos

In ihren Augen


In ihren Augen: Innige Liebe: Irene Hastings (Soledad Villamil) und Benjamín Esposito (Ricardo Darín) verabschieden sich Ein Justizbeamter versucht die Erinnerungen an einen 25 Jahre zurück liegenden Fall mit einem Roman zu verarbeiten. Im Blick zurück werden ihm Sachverhalte offenbar, die er einst nicht wahrnehmen konnte - oder wollte.
Der Oscar-Gewinner in der Kategorie des Auslandsfilms 2010 erweist sich als würdiger Preisträger: Zwingend als politischer Thriller, stimmungsvoll in der Spannungsführung und getragen von einer ergreifenden Liebesgeschichte. Ein vielschichtiger Film, glanzvoll inszeniert und von hervorragenden Darstellern getragen. Große Kinounterhaltung.

Die Vergabe des Oscars für den besten fremdsprachigen Film erfolgt nicht immer schlüssigen Kriterien. Und als im Frühjahr nicht "Das weiße Band" und nicht "Ein Prophet" die Trophäe zugesprochen bekamen, sondern der argentinische Beitrag, schienen Zweifel am Sachverstand der Oscar-Academy mehr als berechtigt. Zu Unrecht, wie sich nun zeigt, denn "In ihren Augen" ist ein bemerkenswert guter Film; vielleicht der beste, der 2010 in die deutschen Kinos gelangte.

In ihren Augen: Bedrohliche Situation: Isodoro Gómez (Javier Godino) trifft im Fahrstuhl auf Irene Hastings (Soledad Villamil) und Benjamín Esposito (Ricardo Darín) Es beginnt mit einem dramatischen Abschied am Bahnhof. Der Mann sitzt im anfahrenden Zug, die Frau läuft außen nebenher. Dann bricht das Geschehen ab und Worte auf einem Zettel sind zu sehen. Wir sahen, was geschrieben wurde, und sehen nun, wie das Geschriebene ausgestrichen wird. Es geht um die Verarbeitung von Erinnerung und diese Erinnerung war nicht richtig; zumindest jetzt noch nicht. Benjamin Esposito, ein Untersuchungsrichter im allzu frischen Ruhestand, ringt mit der Vergangenheit. 25 Jahre ist es her, dass er an einem Fall arbeitete, dessen Umstände ihn bis heute nicht losließen. Eine junge Frau war ermordet worden, die Ermittlungen wurden behindert, die leitende Richterin Irene Hastings war für Esposito auch als Frau interessant. Am Ende schien alles geklärt, aber Esposito weiß längst, dass es offene Fäden gibt und nichts einen Menschen mehr antreibt, als seine ganz persönliche Leidenschaft; im Beruf und im Gefühl.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Film sich in allen Punkten höchstes Lob verdient. Was beeindruckte am meisten? Eine Kamerafahrt wird sich ins Gedächtnis brennen, die aus der Luft in ein voll besetztes Fußballstadion eintaucht, dem Spielbericht aus dem Radio folgend einen Angriff bis zum Abschluss des Linksaußenstürmers überfliegt, sich dann wieder hinauf schwingt in die Zuschauerbereiche, zu den Stehplätzen schwenkt und dort bei Esposito und seinem Mitarbeiter Sandoval Halt macht, die nach dem mutmaßlichen Mörder Ausschau halten. Es ist die zeitgemäße Umsetzung von Alfred Hitchcocks Prinzip "Vom Kleinsten zum Größten"; Schauplatz und Protagonisten sind etabliert in einer Fahrt. Zudem ist es ein bewundernswertes technisches Kabinettstück in der Verschmelzung von Realfilm und Digitaltrick. Nicht vergessen wird man den Moment, als in Richterin Irene während des Verhörs, das sie gerade abbrechen wollte, aus einem Blick in die Augen des Verdächtigen die Gewissheit erwächst, dass dieser Mann der Schuldige sein muss.

In ihren Augen: Benjamin Esposito (Ricardo Darín) und Pablo Sandoval (Guillermo Francella) Ergreifend sind die Nahaufnahmen des Hauptdarstellers Ricardo Darín, dessen Gesicht die Melancholie von Joe Mantegna und die Entschlossenheit Robert Taylors in sich birgt. Man darf die kluge Struktur des Drehbuchs bewundern, das bei aller Komplexität nie den Faden verliert und die Ebenen von Schein und Sein, Lug und Trug makellos miteinander verwebt und selbst den Kontrast zwischen schockierender Gewalt und entwaffnendem Humor wie selbstverständlich in der Balance hält. Und da ist Guillermo Francella als Espositos Sekretär Pablo Sandoval, der als trunksüchtiger Schelm und gewitzter Rechercheur den Part des tragischen Clowns so nachhaltig mit Leben füllt, dass man ihm ebenso nur Gutes wünschen möchte wie dem Paar am Ende des Films, das sich zögernd gegenüber steht.

Es gibt keinen einzigen überflüssigen Moment in diesem Film, aber ganz viele unvergessliche. Regisseur Juan José Campanella hatte viele Jahre für amerikanische Erfolgsserien wie "Dr. House" gearbeitet. Hier lernte er die Rezepturen und Mechanismen gefälligen Filmerzählens Hollywoods am Puls der Zeit. Sein Film spielt in Argentinien, den Jahren 1974 und 1999, er wirkt modern und dennoch zeitlos. Er ist vielschichtig, aber stets auch unterhaltsam und er wird diese Wirkung auch in zehn Jahren noch zeitigen. Der Oscar dafür ist wahrlich verdient gewesen.  

Uwe Mies / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Texte und Quelle der Fotos: Camino Filmverleih / offizielle Film-Homepage

 
Filmdaten 
 
In ihren Augen (El Secreto de sus Ojos) 
 
Argentinien / Spanien 2009

Titel für den englischsprachigen Markt: The Secret in their Eyes
Regie: Juan José Campanella;
Darsteller: Ricardo Darín (Benjamin Esposito), Soledad Villamil (Irene Hastings), Guillermo Francella (Pablo Sandoval), Pablo Rago (Ricardo Morales), Javier Godino u.a.;
Drehbuch: Juan José Campanella, Eduardo Sacheri nach Eduardo Sacheris Roman "El Secreto de sus Ojos"; Produktion: Mariela Besuievski, Juan José Campanella, Carolina Urbieta; Kamera: Felix Monti; Musik: Federico Jusid, Emilio Kauderer;

Länge: 129 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Camino Filmverleih; deutscher Kinostart: 27. Oktober 2010

Auszeichnungen:
Oscar-Gewinner für den besten fremdsprachigen Film 2009,
Spanischer Filmpreis Goya 2010 für den besten Auslandsfilm in spanischer Sprache und für Soledad Villamil als beste Nachwuchsschauspielerin



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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