16.03.2011
Eine Geschichte über Gewalt

In einer besseren Welt


In einer besseren Welt: Elias (Markus Rygaard) wird in der Schule immer wieder bedroht, unter anderem von Sofus (Simon Maagaard Holm); Foto und Text: Universum Film Gewalt erzeugt Gegengewalt – oder besinnt sich die angegriffene Person und hält gar, im neutestamentarischen Sinn, auch die andere Wange hin? Erfolgsregisseurin Susanne Bier lotet in ihrem Film alle denkbaren Varianten von Aktion und Reaktion aus: Zwei Allerweltsfamilien werden mit Hass konfrontiert. Auf ganz unterschiedliche Weise werden die einzelnen Familienmitglieder damit umgehen.
"In einer besseren Welt" erhielt Anfang 2011 erst den Golden Globe, dann den Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Etwas zu viel der Ehre, Biers Film ist klug, aber nicht herausragend, er endet, nachdem er lange Zeit Kitsch vermeiden konnte, melodramatisch.

Elias (Markus Rygaard) ist ein Mobbing-Opfer. Mitschüler Sofus quält ihn, wo es nur geht. Die Lehrer wissen das, aber tun nichts. Außer, Elias' Eltern einzuladen: Seine Noten haben sich verschlechtert. Ob es daran liegen könnte, dass der Vater ständig im Ausland ist, dass die Eltern neuerdings getrennt sind? Jetzt platzt der Mutter der Kragen: Sie verbittet sich Einmischungen in ihr Privatleben und beschimpft Sofus in dessen Abwesenheit als kleinen Terroristen. Der Vater von Elias sagt derweil in der Runde mit den Lehrern nichts Besonderes, was typisch für ihn sein wird. Es ist eine von vielen Schlüsselszenen in diesem Film: Dem Opfer wird nicht geholfen. Es muss erst etwas passieren. Und es passiert etwas, zugunsten des Opfers: Elias bekommt in dem neuen Mitschüler Christian (William Jøhnk Nielsen) einen Freund. Christian greift ein, mit Luftpumpe und Messer wird Sofus bedroht. Das Messer lassen Elias und Christian verschwinden, rechtzeitig, bevor die Polizei sie befragt. Siehe da, zweierlei geschieht: Nun lässt Sofus Elias in Ruhe und die vormalige Drangsalierung Elias' wird von den Lehrern ernst genommen.

In einer besseren Welt: Filmplakat Es ist nur ein Film. Aber ein realistischer. Man weiß es: Mobbing und andere Gewaltausbrüche sind überall auf der Welt an der Tagesordnung. "Hævnen", der Originaltitel von "In einer besseren Welt", heißt auf Deutsch Rache. Und Christian wird zum Rächer in bester cineastischer Tradition: Er wird von Regisseurin Susanne Bier und ihrem Co-Drehbuchautor Anders Thomas Jensen zunächst in den Stand eines Superhelden, wie man ihn zum Beispiel aus Comics und ihren Verfilmungen kennt, gehoben, um dann zurechtgestutzt zu werden, und dies geschieht nicht nur mit Christian, sondern auch mit demjenigen Zuschauer, der sich sagte: Was Christian tat, ist in Ordnung. Denn Christian flippt aus, er benötigt eindeutig eine Psychotherapie, zumal er gerade seine Mutter an den Krebs verlor, er plant nach seinem ersten Erfolg als Rächer einen weiteren Racheakt – und er wird am Ende des Films ganz klein sein.

Nicht Elias alleine wird in Biers Film angegriffen. Auch sein Vater, Anton (Mikael Persbrandt), wird vor seinen Kindern und Christian Opfer der Attacke eines Mannes. Anton macht auf Jesus und auf Gandhi und erträgt die Ohrfeige. Er will seine Kinder zur Friedfertigkeit erziehen. Weit wird Anton damit nicht kommen. Sein Idealismus als Arzt und Mensch wird in Afrika, wohin er von Zeit zu Zeit fährt, um auszuhelfen, auf die Probe gestellt werden, in Form eines Serienmörders, der behandelt werden will. Anton wird versagen.

In den Tagen des deutschen Kinostarts des Films im März 2011 blickt die Welt auf Japan und auf Libyen. Der Störfall im Atomkraftwerk Fukushima, hervorgerufen durch eines der stärksten Erdbeben, die je in Japan gemessen wurden, war vorhersehbar, liegt das Land doch in einem Erdbebengebiet. Es war vorhersehbar, viele waren blind, wie im Film die Elias umgebenden Menschen blind sind für dessen Nöte. Es muss erst eine Katastrophe geschehen, dann reagieren die Menschen. Eine Katastrophe im Film ist der Gebrauch des Messers im Kampf gegen Sofus. Eine weitere Katastrophe wird im Film folgen – und wird genauso abwendbar sein.

In einer besseren Welt: Claus (Ulrich Thomsen) und Christian (William Jøhnk Juel Nielsen) entfremden sich durch den Tod der Ehefrau und Mutter; Foto und Text: Universum Film Die Welt blickt im März 2011 neben Japan auch auf Libyen. Sollen andere Staaten wie die EU-Staaten und die USA über Libyen eine Flugverbotszone errichten, um die Aufständischen gegen Gaddafi zu unterstützen? Nein, sagen viele, es dürfe nicht eingegriffen werden, die Regimegegner müssen ihren Kampf alleine ausfechten. Für die zusehenden Staaten bedeutet die Ablehnung die Vermeidung eines neuen Krieges neben dem Irak- und Afghanistan-Krieg. Zu viele Fronten. Wie schon in Ruanda 1994 bleiben die Staaten friedfertig, wo es nicht angebracht ist. Hingegen begann der Afghanistan-Krieg einst, weil die USA am 11. September 2001 angegriffen wurden. Die Amerikaner ließen sich damals, wie Christian im Film, nichts gefallen. Und, wie Christian im Film mit einem weiteren Racheakt, begannen sie, erfolgsverwöhnt, einen weiteren, den Irak-Krieg. Die Kriege und Beinahe-Kriege der letzten Jahrzehnte decken eine breite Palette an Reaktionen ab, von Zustimmung über Enthaltung bis Ablehnung. Dies findet sich in "In einer besseren Welt" im Kleinen wieder: Susanne Bier und Anders Thomas Jensen fächern die Varianten des Reagierens auf Hass auf einer mikrokosmischen Ebene unter Normalbürgern auf. Das Private wird politisch, heißt es – hier wird die Redewendung umgedreht, die Weltpolitik wird von Bier und Jensen an Beispielen des Alltagslebens unter Mitmenschen erklärt. Und dies funktioniert.

Leider konzipierten Bier und Jensen für ihren ansonsten sehr guten Film kein gelungenes Ende: Etwa die letzte halbe Stunde des Films ist überflüssig, in der in übertrieben dramatischer Weise einer der Protagonisten Selbstmord begehen will und die Filmemacher glauben, Spannung erzeugen zu müssen durch die Frage, ob die Person rechtzeitig gerettet werden kann. Damit kommt ein anderer Ton in den Film, der bis dahin aber das Thema Gewalt und Gegengewalt in allen Facetten ausgezeichnet untersucht hatte.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universum Film

 
Filmdaten 
 
In einer besseren Welt (Hævnen) 
 
Dänemark / Schweden 2010
Regie: Susanne Bier;
Darsteller: Mikael Persbrandt (Anton), Trine Dyrholm (Marianne), Ulrich Thomsen (Claus), Markus Rygaard (Elias), William Jøhnk Nielsen (Christian), Bodil Jørgensen (Schulleiter), Elsebeth Steentoft (Signe), Martin Buch (Niels), Anette Støvlbæk (Hanne), Kim Bodnia (Lars), Simon Maagaard Holm (Sofus) u.a.;
Drehbuch: Anders Thomas Jensen nach einer Idee von Susanne Bier und Anders Thomas Jensen; Produktion: Zentropa Entertainments16 ApS; Produzentin: Sisse Graum Jørgensen; Ausführender Produzent: Peter Aalbæk Jensen; Koproduktion: Danish Film Institute, DR TV, FilmFyn, Film i Väst, Memfis Film, Nordisk Film & TV Fond, Sveriges Television, Swedish Film Institute; Kamera: Morten Søborg; Musik: Johan Søderqvist; Schnitt: Pernille Bech Christensen;

Länge: 117,17 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Universum Film; deutscher Kinostart: 17. März 2011



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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