31.05.2019

Im Oktober werden Wunder wahr

In einer der ersten Einstellungen der peruanischen Tragikomödie "Im Oktober werden Wunder wahr" sitzt Clemente (Bruno Odar), der männliche Protagonist, alleine am Frühstückstisch in seiner zweckmäßig eingerichteten Wohnung, zerdrückt lustlos ein gekochtes Ei mit der Gabel und isst darauf sein Eierbrötchen ohne eine Miene zu verziehen. Schon in dieser – vielleicht etwas zu gewollt Arthouse-mäßigen Eingangsszene – erahnt die/der Zuschauer/in zentrale Wesenszüge des ortsansässigen Pfandleihers, die sich im weiteren Verlauf bestätigen: Er lebt einsam, zurückgezogen und ökonomisch nach einem klar einstudierten, immer gleichen Tagesablauf.

Das kann ja nicht glücklich machen, denkt man sich; aber Clemente scheint mit dem monotonen Ablauf zufrieden und kaum zu ahnen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, die er nicht pflegt, ihm womöglich gut tun würden. Die beiden Brüder Daniel und Diego Vega Vidal, die ihren ersten Langfilm gemeinsam inszeniert und geschrieben haben, zwängen ihrem Protagonisten eine solche Bindung alsbald auf. Kaum ist das karge Leben Clementes skizziert, stellt eine der Prostituierten, mit denen er routiniert verkehrt, heimlich ein gemeinsames Baby vor seiner Haustür ab. Davon heillos überfordert, bittet Clemente seine gleichfalls einsame Nachbarin Sofia (Gabriela Velásquez) um bezahlte Hilfe bei der Betreuung, um derweil nach der Mutter des Kindes zu suchen. Und schon hat der in sich gekehrte Pfandleiher eine kleine Familie – freilich ohne sich darüber im Klaren zu sein.

Daniel und Diego Vega Vidal erzählen ihre Tragikomödie sehr ruhig und bedacht, mit relativ langen Einstellungen und ökonomischer Bildhaftigkeit. Komik und Tragik stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander, mehr noch: Das eine ist immer Teil des anderen, das Tragische liegt im Komischen und umgekehrt. Gerade für einen Debütfilm ist diese durchgängig gehaltene Balance beachtlich, an anderen Stellen jedoch fällt der/dem Betrachter/in ins Auge, dass die aus Lima stammenden Brüder mit "Im Oktober werden Wunder wahr" ihren ersten Spielfilm vorlegen. So wirken viele der Szenen und weite Teile der Figurenzeichnung von Zeit zu Zeit erzwungen kunstvoll und viele der oft religiösen Motive, aber auch die beiden zentralen Handlungsmotoren Glück und Geld, erscheinen in manchen Szenen mehr übergestreift als organisch aus den Ereignissen beziehungsweise Figuren herausgeschält. Nichtsdestotrotz ist den beiden Regisseuren ein sowohl formal, als auch inhaltlich schlüssiger Film gelungen, der Lust auf das Folgeprojekt macht.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Im Oktober werden Wunder wahr
(Octubre)

Peru 2010
Regie, Drehbuch & Produzenten: Daniel und Diego Vega Vidal;
Darsteller: Bruno Odar (Clemente), Gabriela Velásquez (Sofía), Carlos Gassols (Don Fico), María Carbajal (Juanita), Sheryl Sánchez (Milagritos, das Baby), Víctor Prada (Julián Gómez), Sofía Palacios (Brenda), Norma Francisca Villarreal (Rosa), Humberta Trujillo (Julia);
Kamera: Fergan Chávez-Ferrer; Musik: Oscar Camacho; Schnitt: Gianfranco Annichini;

Länge: 82,55 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 14. Oktober 2010



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  regisseure/schauspieler   |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe