November 2001

Von der Leichtigkeit eines Film-Dinosauriers


Im Bann des Jade Skorpions


Im Bann des Jade Skorpion"Du kommst mir vor wie ein Dinosaurier", sagt Helen Hunt in ihrer Rolle als Betty Ann Fitzgerald zu C.W. Briggs, gespielt von Woody Allen. Und diesen Satz dürfen wir als Anspielung auf Allen verstehen. Die Filme des Regisseurs, Drehbuchautoren, Schauspielers und Musikers entwickeln sich immer mehr zu Ausnahme-Erscheinungen auf dem Filmmarkt. Sowohl inhaltlich als stilistisch. In seiner länger als 35 Jahre andauernden Karriere hat Allen einige Filme in seinen Lieblingsepochen, den 30er und 40er Jahren, handeln lassen.
Selbst die zeitgenössischen Werke haben meist Bezüge zu dieser Ära - deren Protagonisten wollen wie Humphrey Bogart werden oder sind vernarrt in alte Jazzmusik und lassen nichts unversucht, sie sogar einem Punk-Fan näher zu bringen. Trotz der speziellen Vorlieben und wiederkehrenden Themen, die den Eindruck von sehr eigenen, persönlichen Filmen verstärken, bleibt ein Großteil von Allens Schaffen zeitlos und dazu erfreulich abwechslungsreich.
Man muss es ihm lassen: Selten vermag ein Künstler, der geschmacklich in einer Zeit hängengeblieben ist, so gut zu unterhalten wie Woody Allen es schafft.


Im Bann des Jade Skorpions "Im Bann des Jade Skorpions", die neue Gangster-Komödie des erklärten New Yorkers, spielt ebenfalls in den 40ern. Mit einer wundervoll anzusehenden Ausstattung, vergleichbar mit früheren Filmen wie "The Purple Rose Of Cairo" und "Radio Days". Von Anfang an fühlt sich der Zuschauer in eine andere Zeit versetzt, mit den ersten Takten swingender Jazzrhythmen und dann mit dem Blick in das Großraumbüro einer New Yorker Versicherung. Hier arbeitet die Hauptfigur Briggs als erfolgverwöhnter Detektiv, der Betrügereien aufklärt und Häuser gegen Einbrüche sichert. Seine neue Mitarbeiterin Fitzgerald, die ihn gern herumkommandiert und ihm auch sonst wenig Respekt zollt, bringt ihn regelmäßig auf die Palme. Die beiden verbindet eine Hassliebe, welche in feurigen Dialogen und Schimpftiraden ihren Ausdruck findet. Bei einer Geburtstagsfeier werden Fitzgerald und Briggs von dem Magier Voltan (David Ogden Stiers) auf die Bühne gebeten, dort in einen Hypnosezustand versetzt und sind für die Dauer der Hypnose leidenschaftlich ineinander verliebt. Als sie geweckt werden, erinnern sie sich an nichts. Keiner ahnt, dass dieser kleine Zaubertrick für sie nicht ohne Folgen bleiben wird. Wenig später erhält Briggs einen Anruf - am anderen Ende der Leitung wispert Voltan das magische Kennwort und Briggs fällt augenblicklich wieder in Trance. Voltan gibt ihm den Auftrag, eines der Häuser zu bestehlen, welches Briggs selber abgesichert hat. Am folgenden Morgen wird er an den Tatort gerufen ohne zu wissen, dass er selbst der Einbrecher ist! Schnell fällt sein Verdacht auf die Rivalin Fitzgerald, die allerdings mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist - ihrem heimlichen Verhältnis zum gemeinsamen Chef (Dan Aykroyd), und der kann sich nicht recht zu einer Scheidung durchringen. Zu den Verwicklungen, die die folgende Reihe von Raubzügen anrichtet, kommt die emotionale Achterbahn, der Briggs und Fitzgerald willenlos ausgeliefert sind. Oder tut man unter Hypnose doch nur die Dinge, die man im tiefsten Innern tun möchte?

The Curse of the Jade Scorpion Wie in Allens vorletzter Regiearbeit dreht es sich hier wieder um "Schmalspurganoven", nur funktioniert "Im Bann des Jade Skorpions" wesentlich besser als sein Vorgänger. Beide basieren zwar auf originellen Plots, doch jetzt sind die Gags zahlreicher und weniger platt, die Charaktere pfiffiger und vielseitig. Helen Hunt ("Verrückt nach dir", "Besser geht's nicht") ist als Woody Allens Gegenpart ausgezeichnet besetzt. Sie spielt überzeugend und mit tragisch-komischen Talent alle Gemütslagen durch - von ihrem ersten unterkühlten Auftritt bis zur Verzweiflung und romantischen Hingabe. Eine weitere von Allens zahlreichen starken Frauenfiguren. Den klassischen Vamp verkörpert mit einigen Anleihen bei Lauren Bacall - dekadent und leicht überdreht - nicht weniger ansprechend das ehemalige Model Charlize Theron. Weitere Mitspieler sind schon länger in Allens Team dabei, was einen vertraut anmutenden Umgang der Filmfiguren erklären kann. In der Mitte des Films kommt es zu einem leichten Durchhänger - bedingt dadurch, dass der Zuschauer mehr weiß als die Figuren und sich fragt, wann die endlich hinter die Lösung kommen. Doch je näher das Ende rückt, desto spannender wird es wiederum: Kriegen sie sich? Kann das Happy End glaubhaft sein? Die schräge Liebesgeschichte zwischen diesem scheinbar ungleichen Paar bleibt besonders darum amüsant, weil Allen nicht versucht, den hohen Altersunterschied zu kaschieren, sondern selbst dann noch munter Gags darüber abreißt, als er sich die Liste seiner Schwächen anhören darf: "Und vergiss nicht den besten Part: Die Haare fallen mir auch noch aus!"

Die Geschichte ist herrlich altmodisch, was jeder für sich entweder als Abschreckung oder aber als Prädikat werten darf. Allen ist in dem Sinne ein unzeitgemäßer Filmemacher, da er Wert legt auf ein ausgefeiltes Drehbuch mit ebensolchen Dialogen und runden Charakteren, die trotz ihrer Marotten liebenswert bleiben. Zentral für die Handlung sind die lebensnah angelegten Beziehungen zwischen den Figuren. Eine von Allens größten Stärken besteht in seinem unfehlbaren Gespür dafür, welche Musik zu welcher Szene passt. Hier schmust sich eine sanfte Melodie in den Film, sobald einer seine grenzenlose Liebe gesteht, und die Szenen, in denen es kriminell wird, werden von einer abgehakten Jazz-Gitarre untersetzt. Musik erleichtert Emotionen zu transportieren. Wer Woody Allens Stil schon vorher mochte, wird ihn auch hier mögen, wer ihn bisher noch nicht entdeckt hat, der hat bei dieser leichten Komödie beste Gelegenheit dazu und wird das Kino womöglich beschwingt mit einer schönen Melodie im Kopf zu verlassen.

 
Jessica Ridders / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Ottfilm Kinoverleih


Filmdaten

Im Bann des Jade Skorpions
(The Curse of the Jade Scorpion)

USA 2001
Regie: Woody Allen;
Darsteller: Woody Allen (C.W. Briggs), Dan Aykroyd (Chris Magruder), Helen Hunt (Betty Ann Fitzgerald), Charlize Theron (Laura Kensington), David Ogden Stiers (Voltan), Wallace Shawn (George Bond), Elizabeth Berkley (Jill) u.a.; Drehbuch: Woody Allen; Produktion: Letty Aronson; Schnitt: Alisa Lepselter; Kamera: Zhao Fei; Musik: Duke Ellington, Glenn Miller, Dick Hyman u.a.;

Länge: 102 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 6. Dezember 2001; ein Film im Verleih von Ottfilm




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Offizielle Seite zum Film
Im Bann des Jade Skorpions
<06.12.2001>  



Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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